Zürich
Stadtpolizei Zürich: «Einen Pikett-Dienst für Einsatzkräfte haben wir nicht»
Interview Maria Rodriguez. Aktualisiert am 09.02.2010 32 Kommentare
Marco Cortesi: Informationschef Stadtpolizei Zürich. (Bild: Keystone/Alessandro della Bella)
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Demonstranten attackierten Polizei-Sprecher
Auch Marco Cortesi, Medienchef der Stadtpolizei Zürich, wurde von den gewaltbereiten Demonstranten angegriffen. Nachdem er sich ein Bild der Situation gemacht hatte, verliess er den Demonstrationsumzug in seinem Auto.
Beim Werdplatz fuhr er aufs Trottoir um den Kommandanten ein SMS zu schreiben: «Krawallanten haben mich offenbar beobachtet, zwischen sechs und zehn Leute stürmten mein Auto. Sie warfen mit Steinen und Flaschen nach mir», so Cortesi.
Daraufhin sei er fluchtartig weggefahren. An seinem Wagen sei Schaden entstanden, er selber habe grosses Glück gehabt und sei unverletzt geblieben.
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Marco Cortesi, ein paar Dutzend Polizisten standen am Wochenende mehreren hundert Demonstranten gegenüber. Hat die Polizei keinen Pikettdienst für solche Fälle?
Einen Pikettdienst für Einsatzkräfte haben wir nicht. Bei uns sind nur Pikett-Offiziere, Führungskader und Fachspezialisten in einen Pikettdienst eingebunden. Unsere Angebote werden den jeweiligen Anlässen immer angepasst. Wir wussten von den Sportanlässen am Wochenende und schätzten beide als Nicht-Risiko-Spiele ein, was sich auch als richtig erwiesen hat. Selbstverständlich könnten wir auch in der Freizeit Einsatzkräfte per Telefon aufbieten. Weil diese Polizisten aber nicht auf Pikett sind, müssen sie grundsätzlich nicht erreichbar sein. Das bedeutet, dass wir in so einem Fall länger brauchen um eine grössere Anzahl Beamte mobilisieren können. Auch bei einer Katastrophe, wie einem Flugzeugabsturz, brauchen wir eine Vorlaufzeit, um genügend Einsatzkräfte vor Ort zu haben.
Zudem stellt sich eine grundsätzliche Frage: Welchen Komfort möchte der Bürger oder die Bürgerin haben in Sachen Sicherheit? Zur Bewältigung der täglich anfallenden Polizeiarbeit haben wir durchaus genügend Leute. Um aussergewöhnliche und unerwartete Grossereignisse wie dieses am Wochenende jederzeit mit genügend Leuten bewältigen zu können, bräuchten wir 200 bis 300 Polizisten mehr. Dadurch würden uns täglich 25 bis 30 Polizisten als Einsatzreserve ohne zusätzliche Aufgaben zur Verfügung stehen. Das würde jährlich aber Kosten in Millionenhöhe bedeuten.
Die Demonstration hat die Polizei kalt erwischt, obwohl sie offenbar auf Facebook angekündigt wurde. Inwiefern informiert sich die Polizei auch auf solchen Internetplattformen?
Im öffentlich zugänglichen Teil von Facebook und anderen Internetforen waren und sind keine Aufrufe oder entsprechende Hinweise zu finden. Natürlich schauen wir auch solche Plattformen an. Wir haben aber keine Polizisten, die ausschliesslich im Internet recherchieren.
Bereits am FCZ-Match wurden Flyer verteilt, in denen zur Demo aufgerufen wurde. Gemäss Radio 1 gelangten solche Flyer auch in die Hände der Polizei. Warum schritt die Polizei nicht früher ein?
Die Stadtpolizei hat erst um 21.15 Uhr einen am Boden liegenden Zettel, halb so gross wie eine Visitenkarte, gefunden, mit dem Aufruf, sich beim Carparkplatz zu einem «Reclaim the Streets» zu treffen. Es gab jedoch keine Hinweise, dass eine gewalttätige Demonstration stattfinden könnte. Wegen eines solchen Zettelchens über hundert Polizisten aufzubieten, wäre unverhältnismässig und übertrieben gewesen. Der zuständige Einsatzleiter konnte aufgrund dieser Information nicht mit mehreren hundert Demonstranten rechnen.
Bei den Sprayereien nahmen die Demonstranten die Truppe «Respekt» ins Visier, welche für ihr Auftreten gegenüber Velofahrern an der Langstrasse heftig kritisiert wurde. War die Demonstration als Retour-Kutsche zu verstehen?
Die Aktion «Respekt» gibt es seit Ende November nicht mehr. Einen direkten Zusammenhang zwischen dieser Aktion und den Krawallen vom letzten Wochenende sehen wir nicht. Grundsätzlich sind wir der Meinung, dass es sich hier um ein Gesellschaftsproblem handelt. Die Leute lassen ihren Frust raus. Es geht nicht direkt um die Polizei. Grundsätzlich bestehen ja keine Vorwürfe gegenüber der Polizei.
Bei der Demo wurde niemand verhaftet. Weiss man wer dahintersteckt, wer die Drahtzieher waren?
Ich möchte nicht vorgreifen und warte die Auswertungen ab. Jetzt schon lässt sich aber feststellen, dass der harte Kern aus der linksautonomen Szene stammt. Mit elektronischen Mitteln wurden die Leute aufgeboten, rund 100 gewaltbereite Chaoten wurden mobilisiert. Dazu kamen sehr viele Mitläufer. Etwa 200 bis 300 zum Teil betrunkenen Partygänger folgten den Chaoten und liessen sich teilweise leider auch zu gewalttätigen Aktionen mitreissen.
Bei den hunderten Demonstranten handelte es sich um eine Mischung von Hooligans, Partygängern und Linksautonomen. Ein Novum?
Allerdings. Das haben wir noch nie gesehen, weder von der Mischung noch von den Dimensionen her.
Krawalle sind längst nicht mehr nur ein Thema an Risiko-Sport-Anlässen und am 1. Mai. Was bedeutet dies für Ihre künftige Planung?
Wir müssen zuerst die genauen Analysen abwarten. Unsere Erkenntnisse und allfällige Massnahmen werden wir dann aber bestimmt nicht über die Medien verbreiten.
Bei jeder Demo sind Wasserwerfer im Einsatz. Warum dieses Mal nicht?
Einen Wasserwerfer kann man nicht einfach beladen und stehen lassen. Der wird erst dann bereit gestellt, wenn man ihn wirklich braucht. Zudem können diese Fahrzeuge nur von Spezialisten bedient werden. Auch hier hätte man Polizisten an ihrem freien Tag aufbieten und dann den Wasserwerfer einsatzbereit machen müssen.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 09.02.2010, 10:23 Uhr
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32 Kommentare
Für die Euro 08 wurden die Wasserwerfer ersetzt. Dieses Distanzmittel ist äusserst sinnvoll und sehr effektiv. Bei personeller Unterlegenheit im Besonderen! Wenn diese Wasserwerfer nur von einem raren Grüppchen bedient werden können, sind wohl organisatorische Mängel unübersehbar. Wenn schon Polizisten nicht aus der Siesta geholt werden können, sollten die Wasserwerfer nicht in der Garage stehen! Antworten
Ja, liebe Stadtpolizei und Stadtregierung da ist es doch einfacher - ständig Parkbussen an die Autofahrer zu verteilen....so etwas gibt es nur in Zürich und habe ich noch in keiner anderen Stadt gesehen, wie hier alles aufgeschrieben wird (zuerst in ein Notizbüchlein, dann nochmals Kontrolle, dann die Busse) - die STASI lässt grüssen! Antworten
Jede Ortsfeuerwehr kann in Kürze 30 Mann ausgerüstet aufbieten... Aber die Polizei schafft das ned? I frag mi was bei einer Katastrophe passiert? Vor 2 Wochen gab einen Vorfall am Münchener Flughafen. Den Medien war zu entnehmen, es standen 1000 Polizisten im Einsatz. Zürich ist nicht München. Aber eine handvoll für Zürich? Wenn nicht die STAPO dann die KAPO. Es braucht eine Einsatzpolizei. Antworten
Obwohl die Polizei Flyer gefunden hat die zu einem "Reclaim the Streets" aufrufen, wurde nichts unternommen. 2003 beim letzten Reclaim the Streets kam es ebenfalls zu Ausschreitungen. Marco Cortesi kann also nicht behaupten keine Hinweise zu einer gewalttätigen Demo erhalten zu haben. Hier ist ganz klar bessere Polizeiarbeit gefordert. Antworten
Bedenklich die Aussage von Cortesi: "Die Aktion «Respekt» gibt es seit Ende November nicht mehr. Einen direkten Zusammenhang zwischen dieser Aktion und den Krawallen vom letzten Wochenende sehen wir nicht." vorallem wenn man oben auf dem ersten Bild sieht "Wir scheissen auf eure Aktion Respekt". Auch die Polizei muss mal ihre Fehler eingestehen. Wir brauchen bessere Polizisten. Antworten
Eine schlagkräftige Polizeieinsatztruppe wäre schon nötig, um den Saubannerzügen zu begegen. Die Polizeieinsatztruppe könnte dann gleichzeitig Bussen verteilen, möglichst bei zusammengeschlagenen Fahrzeugen, die aber ohweh falsch parkiert sind. Antworten
@Angelo Stoffel: In der Tat etwas zum Nachdenken. Wie sollte das Kind in 10 Jahren wissen, dass es mit seinem Fahrrad nicht auf den Fussgängerweg gehört, wenn es ihm niemand sagt? - Den Chaoten hat wohl die Krippenfee auch nicht gesagt, dass man so etwas nicht tut. Der Schaden liegt hier nämlich weder bei der Stadt noch bei der Polizei, sondern bei den Betroffenen und den Steuerzahlern. Antworten
Dass Herr Cortesi diese Standpunkte vertritt, ist (leider) verständlich. Dieses Phänomen ist auch als „Kadavergehorsam“ bekannt. Es gab und gibt einfach keinen „offiziellen“ Polizisten, der seine persönliche eigene Meinung nach aussen vertreten würde. Denn das wäre für ihn das Ende der Karriere. Hier liegt meiner Meinung nach das Problem. Polizei = vierte Gewalt im Staat. Antworten
Wenn solche Zerstörungswut nicht geahndet wird, ist das bedenklich. Anderseits dürfen wir die Augen nicht vor den Gründen für kommende, noch viel grössere Unruhen verschliessen. Die von den raffgierigen Bankern, herrschsüchtigen Beamten usw. über den Tisch Gezogenen werden sich wehren. Und wie wir aus anderen Ländern oder aus der CH-Geschichte kennen nicht auf zimperliche Art. Antworten
meiner Meinung nach ein feedback auf die sinnlose Aktion "Respekt" welche im letzten Jahr stattgefunden hat. Sicherlich keine zu befürwortende Aktion aber vielleicht sollte dies die Polizei und Gesetzeshüter darafu aufmerksam machen, dass solche Aktionen immer eine Trotzreaktion heruvorrufen und genau diese hat sich nun am Samstag in diesen unschönen Szenen entladen. Antworten
Die Anzahl der Polizisten passt schon - das Problem ist, dass sich die Ausrichtungen der Stap und der Kapo nur auf der administrativen Seite befinden. Bei Parkbussen und Radarkontrollen muss man halt weniger arbeiten, dafür ist der Ertrag um so grösser. Es wird an der Zeit, dass es der Polizei nicht mehr um's Geldeinnehmen geht, sondern wieder darum die Bürger zu schützen!! Antworten
Als ich im Internet die Polizei so gelangweilt rumstehen sah kam mir der Vorfall von letzter Woche in den Sinn. Da war ein ca.8 Jahre altes Mädchen mit dem Velo aus sicherheit auf dem Fussgängerweg gefahren, dan kam ein Streifenwagen, 2 Polizisten stiegen aus dem Streifenwagen, und wiesen das total verängstigte Kind an, nicht auf dem Fussgängerweg mit dem Velo zu fahren. ETWAS ZUM NACHDENKEN Antworten
Dies bedeutet, dass die Aktion «Respekt», mit der neulich die Stadtpolizei ihre Schlagkraft beweisen wollte, und wo sie Grundrechte und Gesetz verletzte, durch die Grundeigentümer und die Besitzer der Autos bezahlt werden muss, weil nämlich die angerichteten Schäden durch keine Versicherung gedeckt sind. Antworten
Was Herr Corstesi die Medienschaffenden nicht begriffen haben, ist das die Chaoten die Mitläufer waren. Ich war zwar persönlich nicht dabei, weiss aber, dass das Reclaim the Streets wi friedlich geplant war. Das es bei der aktuellen Haltung der Stapo siehe Aktion Respekt zu Auschreitungen kommt, ist traurig. Ein paar wenige machen Radau und gleich ist es für den Tagi ein Saubannerzug,wie am 1. Mai Antworten
Ein Hinweis zur Überprüfung von den Kollegen aus Bern ? Ich habe an diversen Standorten (vor allem in der Limmatstrasse) die Sprayerei "031" gesehen. Diese Zahl ist die Telefon-Vorwahl von Bern und meines Wissens auch ein Gang-Zeichen aus der Hauptstadt. Waren die Initianten der Krawalle evtl. gar nicht aus der Region Zürich, sondern aus Bern ??? Antworten
Hat ja auch etwas Gutes, dass die Polizei den Anfang des Saubannerzuges 'verschlafen' hat. Hätte die Stadtpolizei den Zug schon am Anfang gestoppt, wäre es zweifelsfrei auch zu Krawallen gekommen, nur hätte es dann geheissen, die Polizei sei schuld. Was unsere Polizei auch macht, es ist falsch. An die Unzufriedenen: Jede Stadt hat die Gesetzeshüter, welche sie auch verdient! Antworten
Die Kommentarschreiber,die das Problem bei der Polizei orten,politisch ausschlachten oder die böse Gesellschaft verantwortlich machen,sind ein Teil des Problems.Für diese hirnlose Gewalteskalation gibt s wirklich nur Null-Toleranz.Das heisst aber nicht,dass die gesellschaftlichen Themen (z. B. fehlende Vorbilder, Gier über alles) nicht angegangen werden müssen. Aber bitte mit Weitsicht! Antworten
Das Problem liegt nicht an der Polizei oder deren Einsatz. Das Problem liegt in unserer Gesellschaft welche immer stärker ausgeprägt wird nach Gier, Macht und Geld. Bei einer immer stärkeren Konzentration dieser Attribute müssen andere über die Klinge springen. Das geht eine Zeitlang gut bis diese Aufstehen und anfangen sich zu wehren. Behüte uns wer oder was auch immer wenn es soweit ist!!!! Antworten
Ständig diese faulen Ausreden. Die Stadtpolizei Zürich war in den vergangenen zwanzig Jahren noch kein einziges mal in der Lage bei Demos für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Das ist kein Zufall sondern hat System. Was sind schon 3-4 Mio für diese Stadt? Für allerlei Verkehrsprojekte, Umgestaltungen, begleitetes Wohnen, gratis Drogen etc. werden hunderte von Millionen ausgegeben. Antworten
"Bei den hunderten Demonstranten handelte es sich um eine Mischung von Hooligans, Partygängern und Linksautonomen. Ein Novum?" Nein! Vor 30 Jahren hat es auch niemand vorausgesehen: Die "Bewegig" enstand auch aus unterschiedlichsten Milieus: Alle hatten aber etwas gemeinsam: Den Hass auf die brutale Zürcher Polizei. Aktioneen wie Respekt und VBZ haben Folgen! STAPO: Nichts gelernt in 30 Jahren... Antworten
Drei bis vier Mio Franken damit wir täglich 20 bis 30 Beamte mehr haben klingt akzeptabel. Nur sollte man die zusätzlichen Beamten nicht einfach als Reserve rumsitzen lassen. Es gibt genug zu tun also setzen wir die Leute ein. Sollte so ein Saubannerzug wieder stattfinden kann man die 30 Leute zusammenziehen und einsetzen! Null Toleranz! Auch am ersten Mai und vor allem auch gegen Mitläufer! Antworten





Günther Hug
Man sollte den Schwarzpeter nicht immer der Polizei zuschieben. M.E. sollten mal dringend die Strafbestimmungen geändert werden um der Polizei mehr Macht gewähren zu können. Das Gesindel gehört einfach hinter Schloss und Riegel !!! Alle Schäden gehen meist zulasten des Steuerzahlers, anstatt dass die Rädelsführer mit Anhang zur effektiven Rechenschaft gezogen werden. Nur sehr harte Strafen! Antworten