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Stolz aufs Stolze

Von Silvia Tschui. Aktualisiert am 27.05.2011 1 Kommentar

Das Zürcher Open Air mit dem Namen einer Wiese feiert seine 10. Ausgabe – ideal für etwas Jubiläums-PR.

Momentaufnahme vom letztjährigen Stolze-Open-Air: Als die «Hütte» voll war und es für einmal nicht regnete.

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Bild: Reto Oeschger

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Falls es so etwas wie ein Zauberelixier gibt, so heisst es weder «Du bist als Kind reingefallen» noch «dreifach kreuzweise gerührt und dann reingespuckt» oder was sich Asterix- und Harry-Potter-Fans sonst noch ausdenken mögen. Es heisst schlicht und einfach: Rotwein. Jaja, Abstinenzler mögen vielerlei hierzu einwenden – ein Glas zu viel: Brummschädel; ein Glas zu wenig: Schläfrigkeit; wenn zu billig: Magenreizungen; mit zu öder Gesellschaft: heulendes Elend, später Katzenjammer. Passen jedoch Quali-, Quanti- und alle anderen -täten fein austariert zusammen, so geschehen, wie das Zauberelixiere so fördern, plötzlich magische Dinge: Ideen entstehen aus dem Nichts.

Telefon an alle

Wie an dem denkwürdigen Abend vor zehn Jahren, als drei Kreis-sechs-Jungspunde an einer WG-Party auf einem ungemachten Nest lagen, eine Flasche kreisen liessen und fanden: «Schon noch öd, unser Quartier. Ausser selbst gebastelten WG-Partys gibts hier für uns eigentlich gar nichts.» «Selbermachen!», meint da einer. «Klar, am besten ein Open Air!» Und da die kreisende Flasche eben kein Fusel war und glücklicherweise zum rechten Zeitpunkt leer und auch keine weitere in Sicht, wachten Louis Schorno, Dimi Dubs und Sämi Müller am nächsten Morgen nicht mit einer Dumpfbirne, sondern voller Tatendrang auf und telefonierten von der Quartiervereinspräsidentin bis zum Tante-Emma-Laden jeden durch, der eventuell noch einen Rappen fürs erste Open Air auf der Stolzewiese erübrigen konnte.

Es folgten zehn Jahre Partyorganisation, legendäre Abende, handfeste Streitereien, ewige Sitzungen, bei denen sämtliche Alkoholvorräte leer gesoffen wurden und Glastüren zu Bruch gingen, Nervenzusammenbrüche, knapp abgewendete Privatkonkurse, zerbrochene und wieder gekittete Freundschaften. Und vor allem: immer wieder der grosse Kampf ums Bier, das zweite Zauberelixier, welches das Stolze ausmacht und um welches sich einige der schönsten Geschichten ranken. Bereits am allerersten Open Air («Wie war das eigentlich?» – «Keine Ahnung mehr», meint Gründer Louis Schorno) musste um das Bier gekämpft werden, gegen die ansonsten nette Quartierspräsidentin, welche zunächst den Ausschank verbieten wollte.

Es wäre nicht dasselbe geworden. Es hätte niemals mitten am Stolze nachts um zwei ein britischer Manager angerufen und nach The Cure gefragt – «He, da meint so ein Engländer, bei uns spielen The Cure – Ha! Wir sind berühmt!» Gemeint war dann ein Bandmitglied einer kleinen englischen Band, welches beschwingt von Bier, ein Spaziergängli Richtung Bahnhof unternommen und es für eine gute Idee befunden hatte, dort einen der schönen Schweizer Züge zu inspizieren. So schön und sauber und so einladend für ein kleines Nickerchen! «Where’s Qiur» war dann nicht die Suche nach The Cure, sondern ein verzweifelter Versuch eines verzweifelten Managers, ein gestrandetes Bandmitglied nachts um zwei vom Bündnerland wieder nach Zürich zu bekommen. Was darf ein Bier kosten? Und wie soll man sonst das Budget wieder reinbekommen? Sind wir kapitalistische Drecksäcke, wenn ein Bier sechs Franken kostet? Kollegenschweine gar? Man organisiert das Open Air ja unter anderem für seine Freunde. Fünf fünfzig? Oder nur fünf? Spinnt ihr, da können wir gleich Konkurs anmelden! Immerhin sind die Bands ja gratis! Also ich steh nicht hinter der Bar, wenn das so teuer ist, ich schäme mich!

Mitten im Konzert ist das Bier aus

Es sind harte Sitzungen, die jeweils den Bierpreis definieren. Dabei: Weg geht es sowieso, von Bierschwemme keine Rede, auch nicht, weil die Lieferanten jedes Jahr von neuem davon überzeugt sind, die Stolze-Macher hätten Allmachtsfantasien und Grössenwahn, und deshalb aus Prinzip nur die Hälfte der bestellten Menge liefern. Und was tut man als Organisator, wenn mitten in einem Konzert in der Samstagnacht das Bier ausgeht?

Es ist nun an dieser Stelle notwendig, einen mehr oder weniger eleganten Zeitraffer in die Gegenwart zu vollziehen respektive in die recht junge Vergangenheit vor einigen Monaten. Da sassen nämlich wieder drei Nasen bei der genau richtigen Menge Rotwein zusammen, die Fotografin Ona Pinkus, Freundin eines Stolze-Gründers, der visuelle Gestalter Simon Renggli sowie die ehemalige Mitbewohnerin eines Gründers – und das wäre meine schreibende Wenigkeit, die hier netterweise schamlos den TA instrumentalisieren darf, um Werbung in eigener Sache zu machen (Anm. d. Red.: und erst noch Geld dafür kassiert). «Schon noch krass, schon 10 Jahre Stolze! All die Storys!» – «Ich hab letztes Jahr Porträts von den Stolze-Besuchern gemacht» – «Zeig mal!» – «Super, lass uns ein Magazin machen!»

Deshalb wird nun nicht beschrieben, was ein armer Open-Air-Organisator wohl tut, wenn sein gesamtes Publikum mit ausgedörrten Fingern auf staubtrockene Kehlen zeigt und bereits missbilligendes Schnalzen und Füssescharren zu vernehmen ist. Es sei bloss verraten: Es ist Zeit für drastische Massnahmen! Ich hüte mich auch davor, zu beschreiben, weshalb ein Polizeieinsatz wohl einige Kieferknochen gerettet hat. Oder welche Rolle das damalige Restaurant Back und Brau bei der Zerstörung des Autos des Quartierpfarrers spielte. Oder welcher stadtbekannte Zürcher regelmässig vor lauter Stolze-Enthusiasmus seine Kleinkinder irgendwo auf der Wiese vergisst, die dann heulend vom Organisationskomitee betreut werden müssen. Denn wer sollte schon diesen Freitag auf der Stolzewiese das Magazin zum 10-jährigen Open Air kaufen kommen, wenn alle saftigen Geschichten schon in diesem Artikel verbraten sind? Eben. Nun empfehle ich natürlich jedem unverhohlen, dieses Wochenende auf die Stolzewiese zu kommen, das Magazin zu lesen und sich so an den schieren Absurditäten zu erfreuen, die 10 Jahre Stolze-Organisieren mit sich bringen. Noch viel, viel besser ist aber: Mit der richtigen, netten Gesellschaft auf der Stolzewiese vorbeizukommen, genau die richtige Menge Zauberelixier zu trinken und sich so selber Geschichten ins eigene Leben zu schreiben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.05.2011, 20:30 Uhr

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1 Kommentar

Frederick König

27.05.2011, 16:51 Uhr
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Ja, kommt doch alle vorbei und geniesst!! Antworten



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