Zürich
Streit um Zebrastreifen statt Unterführung
Von Ruedi Baumann. Aktualisiert am 24.11.2011 57 Kommentare
Artikel zum Thema
Stichworte
Etwas gesehen, etwas geschehen?
Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an
4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...
Korrektur-Hinweis
Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.
Ein simpler, rechteckiger Betonkanal unter der Strasse kann ganz schön polarisieren. In den 60er- und 70er-Jahren baute man massenweise Unterführungen in der Absicht, den Autos freie Fahrt zu verschaffen und die Fussgänger unter den Boden zu verbannen. Die Quartiere waren anfänglich stolz auf die teuren Bauwerke. Doch die Freude ist mittlerweile Ekel und Angst gewichen. Von 72 Personenunterführungen in der Stadt gibt es kaum mehr eine, die nicht versprayt ist, in der kein Abfall liegt und die nicht nach Urin stinkt. Viele Leute haben Angst, in der Nacht eine Unterführung zu benutzen, und queren die Strasse lieber oberirdisch.
Es gibt einen weiteren Grund, weshalb zumindest die Tage der Unterführungen mit Treppen und ohne Rampen gezählt sind: Öffentliche Anlagen – und dazu gehören auch Strassen und Unterführungen – müssen gemäss Kantonsverfassung für Menschen mit Behinderungen zugänglich sein. Das ist der Hauptgrund, weshalb an der Alfred-EscherStrasse in der Enge die Baumaschinen aufgefahren sind. Die Personenunterführung von der Gotthardstrasse zum Bahnhof Enge wird abgebrochen und aufgefüllt. An ihre Stelle kommt ein oberirdischer, lichtsignalgesteuerter Fussgängerübergang mit Mittelinsel. Das Projekt ist Teil der 30 Millionen Franken teuren Gesamtsanierung von Auto- und Personentunnel zwischen Enge und Wiedikon.
Einbau von Lift wäre zu teuer
Der Beschluss, die 45 Jahre alte Unterführung unter der Alfred-Escher-Strasse aufzuheben, stammt vom Tiefbauamt der Stadt Zürich und wurde vom Regierungsrat am 9. November bewilligt. Im Protokoll heisst es, eine behindertengerechte Anpassung mit einem Personenaufzug wäre mit hohen Kosten verbunden. Ein solcher Ausbau muss gemäss Kantonsverfassung aber immer «wirtschaftlich zumutbar» sein. Bei dieser Anpassung ist die Wirtschaftlichkeit offenbar nicht gegeben. Ein Lift wäre zu teuer, eine Rampe nicht möglich, deshalb wird die ganze Unterführung zurückgebaut.
Für die SVP ist dieser Entscheid «völlig daneben». Nach Ansicht von Fraktionspräsident Mauro Tuena steckt eine bewusste Strategie der Stadtregierung dahinter, «den Verkehr wo immer möglich mit Fussgängerstreifen und Lichtsignalanlagen künstlich zu behindern». Auch der Regierungsrat äussert Vorbehalte zum Projekt, weil die Leistungsfähigkeit der sechsspurigen Alfred-Escher-Strasse eingeschränkt werden könnte. Ein Zebrastreifen sei «nicht unbedenklich», schreibt er und verknüpft seine Bewilligung mit der Forderung an die Stadt: Das Lichtsignal für die Fussgänger muss mit der Verkehrsampel an der Kreuzung General-Wille-Strasse – 200 Meter seewärts – koordiniert werden.
Zwei Studien widersprechen den Befürchtungen der SVP. Eine stammt vom Tiefbauamt, die andere wurde vom Kanton bei einem unabhängigen Gutachter in Auftrag gegeben. Ergebnis: Die Kapazität der Kreuzung Alfred-Escher-Strasse/ General-Wille-Strasse ist ohnehin geringer als jene der Alfred-Escher-Strasse mit dem neuen Fussgängerstreifen. Mit anderen Worten: An der grossen Kreuzung sind die Rotlichtphasen länger als beim Fussgängerstreifen. Trotzdem schreibt die S-ce Consulting in ihrem Gutachten, dass «Auswirkungen auf den Verkehrsfluss wahrscheinlich sind».
Mauro Tuena misstraut diesen Gutachten. «Meine Erfahrung besagt, dass Studien immer so ausfallen, wie es der Auftraggeber wünscht.» Tatsache sei, dass ein Fussgängerstreifen und ein neues Lichtsignal den Verkehr behindern und zurückstauen. Das Gleiche gelte für die geplanten Fussgängerstreifen über die Rosengartenstrasse. Mit dieser Haltung ist die SVP meist allein. Das war bereits 2009 so, als der Gemeinderat klar beschloss, die düstere und versprayte Fussgängerunterführung beim Schulhaus Altweg am Letzigraben zu schliessen und durch einen Fussgängerstreifen zu ersetzen.
Angst vor Unterführungen
Beim kantonalen Amt für Verkehr glaubt Sprecher Anselm Schwyn, dass es tendenziell immer weniger Unterführungen geben wird, die nur über Treppenstufen zugänglich sind. Grund seien die weitverbreiteten Angstgefühle in der Bevölkerung vor Unterführungen sowie die Anforderungen an behindertengerechtes Bauen. «Dabei geht es nicht nur um Rollstühle», sagt Schwyn, «sondern auch um ältere Personen, die nicht mehr Treppen steigen können.» Die Unterführung an der Gotthardstrasse war auch ein Hindernis für Mütter mit Kinderwagen auf dem Weg in die Krippe.
Stefan Hackh, Sprecher des Tiefbauamts, glaubt nicht, dass nun alle nicht rollstuhltauglichen Unterführungen in Kürze verschwinden. Grund: Sanierungsmassnahmen müssten verhältnismässig sein. Das Tiefbauamt erarbeite mit den Behindertenorganisationen bis Ende 2012 einen Massnahmenplan zum Thema Strassenraum. Unverhältnismässig wäre es auch, eine Unterführung aufzuheben, wenn es in der Nähe einen behindertengerechten Ersatz gebe.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 24.11.2011, 07:26 Uhr
Kommentar schreiben
Verbleibende Anzahl Zeichen:
57 Kommentare
Jetzt müssen sogar schon die Behinderten herhalten um die Verkehrsbehinderungsmassnahmen der Stadtzürcher Verkehrsplanung zu rechtfertigen. Das ist einfach nur noch peinlich.
PS: Ja, ich habe den Artikel gelesen, aber ich gebe nichts auf solche Gefälligkeitsgutachten. Die Ingenieurbüros leben zu einem guten Teil von der öffentlichen Hand. Die wissen genau was sie schreiben dürfen und was nicht.
Antworten
Ich wohne in der Stadt, fahre primär öV + Velo sowie ein paar hundert Mobilitykilometer pro Jahr. Aber auch ich habe manchmal wirklich das Gefühl, dass es bei solchen baulichen Massnahmen primär darum geht, die Situation für Autofahrerinnen möglichst unattraktiv zu gestalten. Antworten
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

Bitte warten


