Stromschlag im Hafen – wie gross ist die Gefahr?

Wie die Zürcher Behörden vorgehen, um tödliche Unfälle wie jenen im Bielersee zu vermeiden.

Fast jeder Bootshafen verfügt über Stromanschlüsse: Boote auf der Limmat. Foto: Martin Rütschi (Keystone)

Fast jeder Bootshafen verfügt über Stromanschlüsse: Boote auf der Limmat. Foto: Martin Rütschi (Keystone)

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Im Wasser von einem Stromschlag getroffen zu werden, ist eine sehr beängstigende Vorstellung. Wasser leitet gut und umfasst den ganzen Körper. Alle fürchten Gewitter im See und wissen, dass das Hantieren mit elektrischen Geräten in der Badewanne tabu ist. Aber muss man sich auch beim Schwimmen im Bereich von Bootshäfen fürchten? Im Bootshafen von La Neuveville am Bielersee ist am Montag ein Hund ins Wasser gefallen. Seine Besitzerin will ihn retten, kriegt selber Probleme, worauf eine zweite Frau ins Wasser steigt, um zu helfen. Der Hund und die beiden Frauen sterben, die eine noch im Hafen, die Helferin im Spital. Vermutliche Todesursache ist ein Stromschlag.

Erste Erkenntnisse der Berner Kantonspolizei gehen von einem Defekt bei einem Elektrokabel im Hafen aus. Es habe «sowohl im Geländer des Hafens als auch in dessen unmittelbarer Umgebung und bis zum See eine elektrische Verbindung» gegeben. Mehrere Personen gaben an, beim Versuch, den Opfern zu helfen, einen Stromstoss erlitten zu haben. Denkbar ist, dass ein ungenügend isoliertes Kabel ins Wasser hing oder mit dem Metallsteg in Kontakt kam.

Die Böötler brauchen Strom

Fast jeder Bootshafen hat auf den Stegen sogenannte Elektranten – hydrantenartige Kästen, die mit 220-Volt-Steckdosen und einem Wasseranschluss versehen sind. Bootsbesitzer brauchen Strom, um Batterien zu laden, für Licht, Staubsauger, Wasserkocher, Bohrmaschinen oder Kühlboxen. Zudem sind die meisten Stege in der Nacht beleuchtet.

Verantwortlich für die Sicherheit der elektrotechnischen Anlage bei einem Hafen ist der Eigentümer, also meistens die Gemeinde. «Elektrische Installationen bei Bootsanlegestellen unterliegen alle fünf Jahre einer Kontrolle», sagt Simone Isermann vom Elektrizitätswerk der Stadt Zürich (EWZ). Die Überwachung obliegt dem Strom liefernden Werk, am Zürichsee also meistens dem EWZ oder dem kantonalen EKZ.

Ein gutes Beispiel ist der Hafen Rietliau in Wädenswil, der 180 Booten Platz bietet und der erst vor zwei Jahren für fast 200'000 Franken elektrotechnisch modernisiert wurde. Ruedi Moser (70), der Ex-Hafenwart, sagt: «Wir haben alle Installationen ersetzt und die ganze Anlage von den EKZ abnehmen lassen.» Sämtliche Kabel auf den Stegen werden in soliden Kabelkanälen kniehoch über Wasser geführt. Bei der alten Installation konnte es vorkommen, dass die Kabel bei Hochwasser nass wurden.

Vor allem aber, so Ruedi Moser: «Jede Steckdose ist dreifach abgesichert» – auf dem Steg, am Hafenverteiler und über den Hauptschalter. Moser erinnert sich an einen Bootsbesitzer mit zwei linken Händen, der ein Verlängerungskabel falsch verdrahtet hatte. «Immer wenn dieser sein Boot an die Steckdose anschloss, flog die Sicherung raus.» Passiert ist sonst nichts. Gemäss Niederspannungs-Installationsnorm müssen in Marinas und ähnlichen Bereichen alle Steckdosen einzeln durch eine Fehlerstrom-Schutzeinrichtung geschützt sein.

Solche FI-Schalter schützen Personen bei Berührung mit einem defekten Leiter, weil sie bei Fehlströmen innerhalb von 0,2 Sekunden den Stromfluss unterbrechen. «Alle Installationen am und im Wasser in Zürich sind mit FI-Schaltern geschützt», sagt die EWZ-Sprecherin. Diese Sicherheitsschalter an der Endsteckdose nützen allerdings nichts, wenn ein Kabel in der Zuleitung – zum Beispiel auf dem metallenen Bootssteg oder an einem Geländer – defekt ist. Da braucht es entsprechende Schalter auch im Hauptverteiler am Land.

Schwachstelle ist das Herz

«In einem gut unterhaltenen Hafen kann und darf gar nichts passieren», sagt Alt-Hafenwart Ruedi Moser, «sonst ist es wie mit dem Föhn in der Badewanne.» Das ist der Klassiker unter den Stromschlägen. Erst im letzten Februar sind im bernischen Kehrsatz zwei sechs- und siebenjährige Buben aus Somalia beim Spielen mit einem Föhn in der Badewanne ums Leben gekommen. Im Juni 2013 erlitt im Hafenbecken von Neuenburg ein junger Schwimmer einen tödlichen Stromschlag. Der Mann wurde plötzlich bewegungsunfähig. Sein Begleiter konnte ihm nicht helfen, da auch er vorübergehend unter einem tauben Arm litt. Der Todesfall hatte ein juristisches Nachspiel: Ein Mitarbeiter des Neuenburger Stromversorgers wurde zu einer bedingten Geldstrafe verurteilt. Er hatte die Stromtechnik an der Hafenmole nicht kontrolliert, obschon ihm ein Problem gemeldet worden war.

Schwachstelle beim Kontakt mit Strom ist das Herz. Ein Stromschlag ist eine Durchströmung von Teilen des Körpers durch Strom. Schon kleine Stromstösse können das Herz aus dem Rhythmus bringen. Roland Hürlimann, Leiter Inspektionen beim Eidgenössisches Starkstrominspektorat in Dübendorf, sagt: «Falls Strom über das Herz fliesst, führt das ab etwa 50 Milliampere innert kürzester Zeit zu Herzkammerflimmern und als Folge davon zum Tod.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.05.2017, 08:27 Uhr

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