Süchtige nicht bestrafen, sondern behandeln

Ambros Uchtenhagen, Pionier einer pragmatischen Schweizer Drogenpolitik, ist achtzig Jahre alt geworden. Ihm zu Ehren beginnt heute in Zürich ein viel beachteter Drogenkongress.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Dass jeder Süchtige ein Leben lang süchtig bleibe, sei ein Dogma, sagt er. Es sei erwiesen, «dass der Ausstieg aus einer Sucht gelingen und sogar von einem kontrollierten Konsum abgelöst werden kann». Das gelte aber nicht für jeden. Ambros Uchtenhagen sitzt am Pult seines Arbeitszimmers in der Zürcher Altstadt. Er hat soeben seinen achtzigsten Geburtstag gefeiert, aber man sieht ihm diese achtzig Jahre nicht an. Er überlegt sich seine Antworten genau, bevor er sie präzis und ohne Hast entwickelt.

Man hört den Sätzen an, dass der Psychiater auch Philosophie studiert hat. Das Drogenproblem verleitet oft zu einseitigen Schlüssen und wird aus unversöhnlichen Positionen heraus debattiert. Doch wenn er über den Rausch spricht, denkt er in sozialen, historischen und kulturellen Zusammenhängen. Die Sucht hat für ihn viel mit dem Zustand einer Gesellschaft zu tun, in der sie sich manifestiert.

Leben, ohne sich zu zerstören

Die Ruhe des Arztes kontrastiert mit der Gehetztheit der Patienten, die er so lange behandelt hat. Sie verbringen Tag und Nacht damit, Stoff zu beschaffen, kommen für kurze Zeit zur Ruhe, bis die Entzugserscheinungen wieder an ihnen rütteln. Sie ruinieren ihre Gesundheit, sehen Menschen um sich herum sterben oder kommen selber um. Zumindest war das lange so.

Wenn Drogenkranke ihre Abhängigkeit überwinden, drohen ihnen neue Schwierigkeiten. «Ein grosses Problem solcher Patienten ist die Einsamkeit, in der sie sich danach befinden», sagt Uchtenhagen. «Alte Beziehungen sind weg, und neue zu knüpfen ist schwierig. Einsamkeit und Langeweile erhöhen die Gefahr eines Rückfalls.»

Ambros Uchtenhagen hat viel dazu beigetragen, das Überleben solcher Patienten zu verbessern. Er gehört zu den Pionieren einer modernen, das heisst pragmatischen Schweizer Drogenpolitik, die auf Betreuung setzt statt auf Strafe, weil sie die Sucht als medizinisches und nicht als juristisches Problem begreift.

Um diesen Patienten zu helfen, hat er in Zürich die kontrollierte Heroinabgabe mit entwickelt, die dann von der Bevölkerung in Abstimmungen gutgeheissen wurde. Dennoch verlangt die SVP immer noch nach der Abstinenz als dem einzigen Ziel einer erfolgreichen Therapie. Diese könne zwar helfen, ein selbstbestimmtes und selbstverantwortliches Leben zu führen, räumt der Psychiater ein. Für andere sei dieses Ziel aber auch ohne Abstinenz erreichbar – mit oder ohne professionelle Unterstützung. «Man kann lernen, mit einer Abhängigkeit zu leben, ohne sich dabei zu zerstören.»

Immer mehr Länder folgen

Mit dieser pragmatischen Haltung emanzipierte sich die Schweiz von der puritanisch geprägten Drogenpolitik der USA. Sein Drogenproblem hat Amerika damit nicht gelöst, dafür werden bis heute Tausende vor allem junger Menschen kriminalisiert.

Ausser den USA vertrete nur noch Russland eine solche, vorwiegend repressive Drogenpolitik, sagt Uchtenhagen. «Dafür gehen selbst Diktaturen wie China oder die Islamische Republik Iran in dieser Frage sehr pragmatisch vor – mit einer Drogenpolitik, die der unsrigen verwandt ist.» Die also nicht nur auf Repression setzt, sondern auch auf Prävention, Therapie und Schadensminderung.

Dennoch erwarte man gerade von Süchtigen mehr als von anderen Patienten, glaubt er. Warum? «Weil man bei ihnen eher davon ausgeht, dass sie sich nur etwas Mühe geben müssen, um von ihrer Sucht wegzukommen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.09.2008, 07:49 Uhr

TA Marktplatz

Blogs

Outdoor Bergfahrt im Rauschzustand

Mamablog Rentenalter 57, nur für Frauen

Abo

Digitale Abos

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt lesen:
Neu ab 18.- CHF pro Monat

Die Welt in Bildern

Ein Ohrenschmaus: Das Glastonbury-Festival mit über 100'000 Besuchern, ging heute nach fünf Tagen zu Ende.Ein Zuhörer beim Verlassen des Geländes (26. Juni 2017). Revellers and detritus are seen near the Pyramid Stage at Worthy Farm in Somerset during the Glastonbury Festival in Britain, June 26, 2017. REUTERS/Dylan Martinez
(Bild: Dylan Martinez) Mehr...