Syrischer Dichter bringt Zürcher Senioren zum Lachen

Rafik Schami bedankte sich mit Geschichten bei den Bewohnern des Altersheims Bürgerasyl-Pfrundhaus. Sie hatten für ein Projekt in seiner Heimat gespendet.

Aufmerksame Zuhörer: Rafik Schami unterhielt die Anwesenden mit einem «Ohrfilm».

Aufmerksame Zuhörer: Rafik Schami unterhielt die Anwesenden mit einem «Ohrfilm». Bild: Dominique Meienberg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Rafik Schami trägt ein Headset und geht im Festsaal des Altersheims Bürgerasyl-Pfrundhaus auf und ab. «Die Liebe, nicht das Internet macht die Welt klein», sagt der wohl bekannteste syrische Schriftsteller. Er meint damit die Liebe der Altersheimbewohner, die Bücher und Möbel verkauft haben und den Erlös des Flohmarkts dem Projekt Schams gespendet haben. Dieses unterstützt syrische Kinder und Jugendliche. Um den alten Menschen zu danken, hat er sie gestern Abend besucht und ihnen folgende Geschichte erzählt.

Sein Grossvater war ein reicher Bauer, der die Enkel einmal im Monat in Damaskus besuchte. Er kam stets allein, denn die Grossmutter hasste die Mutter, die ihre Heiratspläne für den Vater durchkreuzt hatte. Der Grossvater war ein lebensfroher Mann, der seine drei Enkel über alles liebte und verwöhnte. Dem strengen Vater missfiel dies, doch er konnte den Grossvater nicht rügen. Der Vater war Abonnent der Zeitschrift «Der Hausarzt», laut der Süssigkeiten verboten waren und Gemüse so gereinigt gehörte, dass es nebst möglichen Schadstoffen auch jeglichen Geschmack verlor.

Der Grossvater brachte Schleckstängel und Schokolade, nächtigte im Zimmer der Kinder und unterhielt diese und auch die Nachbarn die halbe Nacht. «Ihr könnt in der Schule schlafen», pflegte er seinen Enkeln zu sagen. Eines Tages durfte der kleine Rafik seinen Grossvater auf den Flohmarkt begleiten und wurde dort Zeuge eines eigenartigen Streits. Eine Frau wollte ihren Ehemann verkaufen, weil dieser einfach zu wortkarg sei. Ein Akademiker eilte dem Ehemann zu Hilfe und drohte mit der Polizei, sollte die Frau ihr Vorhaben durchsetzen. Tatsächlich gab es einen willigen Käufer, dem ein schweigsamer Mann perfekt schien für die Betreuung seiner Pferde.

Rafik war damals sieben Jahre alt und wusste nicht, dass er ein Theaterstück gesehen hatte. Zu Hause offenbarte er der Mutter die zündende Idee: Warum nicht den Vater verkaufen und stattdessen den Grossvater erwerben? Mit dem Preisunterschied könnte die Mutter ihren Traum vom eigenen Radio verwirklichen. Die Mutter winkte ab, sie liebe den Vater, und der Grossvater sei auch gratis zu haben. Bald schon besorgte der Vater ein Radio und der Sohn wusste, dass er Fabulierer werden wollte.

Rafik Schami ist ein begnadeter Erzähler, dem es gelingt, die Zuhörer in den Bann zu ziehen. Er erntet viele Lacher und euphorischen Applaus von den Altersheimbewohnern. Damit hat er sein Versprechen eingelöst: Er wollte nicht über die schrecklichen Ereignisse in Syrien sprechen, sondern die Leute im Festsaal mit einem «Ohrfilm» unterhalten.

Schreibschule «Buddenbrooks»

1946 in Damaskus geboren, kam Schami 1971 als politischer Flüchtling nach Deutschland, wo er sein Chemiestudium abschloss. Er lernte schnell, sich auf Deutsch zu verständigen. Literatendeutsch eignete er sich an, indem er die grossen Klassiker wie «Buddenbrooks» oder «Deutschland. Ein Wintermärchen» Wort für Wort abschrieb. Er wollte ergründen, wie die deutsche Sprache mit so wenigen Adjektiven auskommen konnte.

Schami schrieb seine rund 30 Bücher auf Deutsch, sie wurden in 24 Sprachen übersetzt. Viele seiner Geschichten spielen in Damaskus, wo er seit seiner Flucht nie mehr gewesen ist. Während Jahren hat er sich von seiner Schwester zu Weihnachten die neusten Stadtpläne gewünscht, um à jour zu bleiben. Heute kann er dies über Google Maps tun.

Bis Ende Jahr wird Schami an rund 30 Benefizveranstaltungen «Ohrfilme» gezeigt haben, die alle dem Projekt Schams zugutekommen. Schams ist das arabische Wort für Sonne. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.11.2013, 07:32 Uhr

Artikel zum Thema

Tänzelnd ins Altersheim

Die Amerikanerin Joanna Rohrback zeigt den neusten Fitnesstrend aus dem Netz: Prancercise. Mehr...

Altersheim versieht Senioren mit Peilsendern

Das Alterszentrum Lanzen in Stäfa setzt auf GPS-Technik, um zu verhindern, dass «aktive Bewohner mit kleinen Denkschwächen» auf einem Spaziergang verloren gehen. Mehr...

Verjüngungskur für Altersheim

Das Alters- und Pflegeheim Seerose in Männedorf wird für 2,6 Millionen Franken saniert. Gestern haben die Umbauarbeiten begonnen. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

TA Marktplatz

Kommentare

Blogs

Von Kopf bis Fuss Die älteste Yogalehrerin der Welt

Blog Mag Achtung! Expliziter Inhalt

Die Welt in Bildern

Strassenkunst: Ein übergrosses Graffiti ziert die Wand eines Hochhauses in Berlin (28. April 2017).
(Bild: Felipe Trueba) Mehr...