Tausende vergnügen sich an Strassenfesten

Noch ein letztes Mal eine laue Sommernacht geniessen: Ganz nach diesem Motto feierten die Zürcher an der Langstrasse und im Niederdorf zwei ähnliche und doch ganz verschiedene Feste.

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Die Zutaten sind ja eigentlich die Gleichen: Eine Strasse, links und rechts Stände mit dem für solche Anlässe üblichen Menümix aus Älplermakkaroni, Raclette, Thaicurry und Bratwurst und dem ebenso üblichen getränkemässigen Einerlei aus Softdrinks, Bier und vor allem hektoliterweise Caipirinha, dazwischen Buden mit allerlei Glitter und Tand, Schmuck, lustige Hüte und Ethnokleider. Die Besucher schlendern auf und ab, für Jüngere gehts neben dem Trinken auch ums Sehen und Gesehenwerden.

Trotz all dieser Gemeinsamkeiten sind das Langstrassenfest und das Dörflifest aber zwei ganz und gar unterschiedliche Anlässe, und das längst nicht nur wegen der Grösse.

Beschaulich, aber ein wenig steif

Das Dörflifest ist, wie es klingt: Gemütlich, klein, beschaulich, aber auch ein wenig steif. So richtig schweizerisch. Daran ändern auch die Caipirinhas nichts. Man schlendert am Samstagabend durch die Gasse, vorbei an Menschen, die in den Strassenrestaurants an gedeckten Tischen tafeln, bei einigen ist man versucht zu sagen, dinieren, so edel schauts aus. Aus einigen Bars klingt Musik, aber nur so laut, dass sich niemand gestört fühlt.

Kurz vor dem Hirschenplatz staut sich die Menge ein erstes Mal, Stillstand rundherum, doch kein böses Wort fällt, kein Gerangel oder Gedränge, geduldig warten die Festbesucher, bis sich der Stau von selbst ein wenig lockert. Am Hirschenplatz wird es dann doch noch ein bisschen lauter, hier rocken die Hillbilly Moon Explosion, aber explosiv ist die Stimmung trotz der mitreissende Musik nicht.

«Ist doch super hier», freut sich eine ältere Dame, die im nahen italienischen Restaurant etwas trinkt. Sie sei vorher an der Langstrasse gewesen: «Da ist es mir aber zu laut und zu hektisch.» Und dann flüstert sie hinter vorgehaltener Hand: «Wissen Sie, zu viele Schwarze.»

Tatsächlich ist der Wechsel ans Langstrassenfest ein Kulturschock. So schweizerisch das Dörflifest ist, so international ist das Langstrassenfest. Schon von weitem wummern Bässe, blinkts und glitzerts. Überall dröhnt Musik, an vielen Orten tanzen, wippen, schaukeln Frauen und ein paar wenige Männer. Kaum jemand sitzt. Auch hier passt der Name: Das Fest ist lang, sehr lang. Aber nicht nur das, es wirkt trotz der Menschenmassen grosszügiger als das Dörflifest, weil die Langstrasse ein paar Meter breiter ist als die Niederdorfstrasse. Staus gibts indessen auch hier, ganz ohne Rempeln geht das nicht immer, aber aggressiv wird niemand.

In der Bahnunterführung spielt Renelvis, wie der Name sagt ein Elvis-Nachahmer. Die Stimmung ist ausgelassen, Paare tanzen Rock'n'Roll, ein Senior steht auf einer Festbank und klatscht begeistert.

Viele wissen nichts vom Depot

Nur in einem einzigen Punkt ist das Langstrassenfest schweizerischer als das Dörflifest: Beim Abfall. Im Niederdorf landen die leeren Trinkbecher und die eher schlecht als recht ausgegessenen Teller in Abfallsäcken, wenns gut kommt, sonst halt in irgendwelchen Winkeln, in Hauseingängen oder auf Fenstersimsen. Immer mal wieder knirscht es unter den Füssen, wenn ein achtlos fallengelassener Becher zersplittert. Nur weil sehr viele Festbesucher in den Restaurants und Bars essen, hält sich der Abfallberg in Grenzen.

Das Langstrassenfest hingegen ist das erste Zürcher Strassenfest mit Abfallkonzept. Wichtigstes Element sind – neben Hunderten von Abfallcontainern die ganze Langstrasse entlang, die tatsächlich gut benutzt werden – Mehrwegbecher, für die zwei Franken Depot bezahlt werden müssen. Dasselbe Depot ist für Pet-Flaschen fällig.

Wie alle Neuerungen braucht auch diese noch ein wenig Zeit. Zwei Franken sind nicht für alle Festbesucher ein Grund, ihre Becher zurückzugeben. Manche sind ganz einfach nicht informiert. «Was, auf dem Becher hats ein Depot?», fragt eine junge Frau. Das sei eine gute Sache, meint sie – «aber ein bisschen umständlich.» Ein junger, obdach- und arbeitsloser Mann nutzt das Depotsystem auf seine Weise: Er sammelt liegen gebliebene Becher. Schon nach 15 Minuten hat er einen Stapel von mindestens einem Dutzend Becher beisammen. «Super» findet er das: «So kann ich ein bisschen was verdienen.»

Die Standbetreiber beurteilen das Depotsystem eher kritisch, obwohl sie die Becher aus Hygienegründen nicht abwaschen müssen, sondern schmutzig zurückgeben dürfen. Immer wieder kommt es zu Diskussionen mit Festbesuchern, vor allem ausländischen, denen das Depotsystem nicht geläufig und auch nicht geheuer ist. «Der Aufwand ist ziemlich gross», sagt ein Standbesitzer. Das gilt vor allem für jenen, dessen Wagen ganz am Ende der Festmeile, am Limmatplatz, steht: «Bei uns geben alle noch schnell ihre Becher ab, bevor sie sich auf den Heimweg machen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.08.2008, 19:08 Uhr

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