Tierspital kämpft gegen private Konkurrenz

Thomas Wagner sammelt Geld für den Neubau der Kleintierklinik an der Uni. Gleichzeitig weiht eine Professorin, die man in Zürich vergrault hat, ihre Hightech-Klinik in Zug ein.

Es fehlen noch drei Millionen. Thomas Wagner und Prodekan Hans Lutz (links) vor der Baugrube für die Tierklinik.

Es fehlen noch drei Millionen. Thomas Wagner und Prodekan Hans Lutz (links) vor der Baugrube für die Tierklinik. Bild: Thomas Burla

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Vor nunmehr 18 Jahren hatte die Zürcher Regierung den Neubau der Kleintierklinik bewilligt. Den Kredit von 36 Millionen Franken kürzte der Kantonsrat dann im Zuge allgemeiner Sparmassnahmen um mehr als ein Fünftel auf 28 Millionen. Mittlerweile ist die Baugrube ausgehoben, doch das Geld reicht nur für die Erstellung des Gebäudes, nicht aber für die medizinischen Geräte. Was tun?

Fünf der fehlenden acht Millionen steuert die Uni über die laufende Investitionsrechnung bei. Die restlichen drei Millionen will die eigens gegründete Stiftung für Kleintiere der Vetsuisse-Fakultät Zürich beibringen, die unter dem Präsidium von Ex-Stadtpräsident Thomas Wagner steht. Wie dieser gestern vor den Medien erläuterte, haben die 22 Professoren der Fakultät die ersten 25'000 Franken des Stiftungskapitals selber beigesteuert. Den Rest sollen Firmen, Stiftungen und Private spenden. Nächsten Samstag ist die Öffentlichkeit deshalb zu einem Tag der offenen Tür ins Tierspital geladen.

Dekan Felix Althaus wies in seinem Referat darauf hin, dass heute Kleintiere als Bezugswesen eine viel grössere Bedeutung haben als früher. Man schläfert sie nicht mehr einfach ein, wenn sie krank oder verletzt sind, sondern bemüht sich, sie zu behandeln. «Die Bevölkerung erwartet heute von einer Uni-Klinik, dass sie die neusten Errungenschaften der Veterinärmedizin anbieten kann», sagte Althaus.

Doch genau da hapert es. Selbst wenn die drei Millionen an Spenden zusammenkommen und die Klinik im Herbst 2010 ihren Betrieb aufnehmen kann, wird sie auf einem der wichtigsten Forschungs- und Behandlungsgebiete auf Jahre hinaus nicht konkurrenzfähig sein: auf dem der Krebsbestrahlung von Hunden und Katzen.

Das Knowhow ist in Hünenberg

Während in Zürich die Baugrube klafft, hat die Tiermedizinerin Barbara Kaser-Hotz Anfang September in Hünenberg ZG ihr Animal Oncology and Imaging Center eröffnet. Mit einem zwei Millionen Franken teuren Linearbeschleuniger bestrahlt ihr Team krebskranke Kleintiere. Dazu erstellt es für Veterinäre und Privatpersonen Röntgenbilder erkrankter oder verletzter Tiere. Die Klinik wurde in einer Rekordzeit von eineinhalb Jahren eingerichtet und ausschliesslich mit privaten Geldern finanziert. Besonders pikant: Kaser war bis Ende 2005 als Professorin am Zürcher Tierspital angestellt und galt als internationales Aushängeschild.

Anfang 2000 hatte sie in Zürich den ersten Linearbeschleuniger Europas in Betrieb genommen. Auch damals beschaffte sie die Mittel weitgehend selber bei Privaten. Auf demselben Gelände, wo gestern der ehemalige FDP-Stadtpräsident Wagner seine Sammelaktion für die Uni startete, hatte der CVP-Regierungsrat Ernst Buschor eine Lobrede auf Kaser gehalten. Der Linearbeschleuniger stehe «für den Erfolg und den Stellenwert der Zürcher Veterinärmedizin», schwärmte er damals.

Die Euphorie währte allerdings nicht lange. Ende 2005 kündigte Kaser, als sich die Uni-Leitung weigerte, die mittlerweile defekte Strahlenkanone zu ersetzen. Dies, obwohl die Professorin die Finanzierung über eine private Stiftung bereits eingefädelt hatte. Frauen am Tierspital sahen den Hauptgrund für das Veto der Uni-Leitung darin, dass der wissenschaftliche und kommerzielle Erfolg von Kaser Neid bei andern Professoren geweckt hatte. Zudem war es am Tierspital zu Mobbingfällen und sexuellen Übergriffen gekommen; auch Kaser war davon betroffen. Der damalige Rektor Hans Weder sagte jedenfalls, ein Linearbeschleuniger werde erst wieder angeschafft, «wenn Ruhe in der Klinik eingekehrt» sei. Diskutiert wurde ausserdem, ob sich die Bestrahlung von Katzen und Hunden ethisch vertreten lasse – und wenn ja, ob es sich dabei um eine Aufgabe handle, die der Staat übernehmen solle oder besser Private.

Tatsache ist, dass das Zürcher Tierspital früher internationale Spitze auf dem Gebiet der Krebsbestrahlung bei Kleintieren war. Heute spielt es in diesem zukunftsträchtigen Bereich keine Rolle mehr. Es fehlt nicht nur an einem geeigneten Gerät, sondern auch an personellem Knowhow: Sieben Spezialistinnen aus Kasers ehemaligem Zürcher Team arbeiten heute in der Hünenberger Klinik.

Uni will keine Zusammenarbeit

Kaser ist der Meinung, dass ein einziger Linearbeschleuniger für den Schweizer Markt genügt. Die Kapazität reiche sogar für die Behandlung von Tieren aus Teilen Italiens, Deutschlands, Frankreichs und Österreichs. Der Zürcher Uni hat Kaser deshalb eine Zusammenarbeit zu Ausbildungs- und Forschungszwecken angeboten. Studierende sollten in Hünenberg vom Hightech-Gerät und der langjährigen Erfahrung der Professorin profitieren können. Doch die Uni lehnte das Angebot ab.

Mittlerweile ist in Zürich entschieden worden, dass die Krebsbestrahlung von kranken Kleintieren ethisch vertretbar und durchaus Sache der Uni ist. Laut Dekan Althaus wird die Fakultät der Uni-Leitung demnächst einen Beschaffungsantrag für einen millionenteuren Linearbeschleuniger unterbreiten. Wie die Strahlenkanone finanziert werden soll, liess er offen.

Die Absage an Kaser begründete Althaus wie folgt: «Eine Universität kann sich auf einem solchen Gebiet nicht auf eine private Firma verlassen; das Risiko wäre zu gross.» Man müsse selber «eine verlässliche Infrastruktur aufbauen». Viktor Meyer, Dekan der Vetsuisse Zürich/Bern, doppelte nach: Es gebe «keine Uni, die ihre Forschung an eine private Organisation auslagert – die Forschung muss im eigenen Haus bleiben». Laut Althaus verträgt der Markt durchaus zwei oder drei solcher Geräte: «Alle bedeutenden Veterinärfakultäten in Europa rüsteten sich derzeit mit Linearbeschleunigern aus.» Dass die Universität mit ihrer ehemaligen Professorin Kaser wenigstens bei Einzelprojekten zusammenarbeiten könnte, schloss Althaus gestern nicht mehr aus.

Zürcher loben das Betriebsklima

Während die Zürcher Uni ihre einstmalige Spitzenposition auf dem Gebiet der Krebsbestrahlung von Kleintieren für viele Jahre verloren hat und im Organigramm unter der Rubrik «Abteilung für Bildgebende Verfahren und Radio-Onkologie» gähnende Leere herrscht, kooperiert Kaser international. Die Freie Universität Berlin hat sie zur Professorin für Radiologie und Radio-Onkologie ernannt. Im November soll der dortige Linearbeschleuniger den Betrieb aufnehmen. Kaser rechnet sich in Berlin «gute Möglichkeiten für grössere Projekte und den Zugang zu europäischen Forschungsarbeiten» aus. Eine Zusammenarbeit pflegt sie auch mit der angesehenen European Synchrotron Radiation Facility (ESRF) in Grenoble.

Die Zürcher Professoren wiesen gestern auf die Konkurrenzfähigkeit des Tierspitals in Bereichen wie Dermatologie, Kardiologie oder Chirurgie hin. Ausserdem, so Meyer, habe «ein gewaltiger Turnaround stattgefunden»: Anstelle des einstmals vergifteten Betriebsklimas herrsche heute wieder «ein echter Spirit». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.09.2008, 22:33 Uhr

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