Touristen auf Elektrorollern: Brauchen wir das?
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Pro: Schweben statt tschumpeln
Endlich hat Zürich Tourismus einen Hit im Programm, der nicht nur klickende Japaner, deutsche Kunsthistoriker oder schwul-lesbische Festivalbesucher anspricht. Das mit dem Downtown Switzerland, dem Züri-Wasser und Ledergerbers chinesischer Plastikuhr war doch schlicht lächerlich. Auch die Chagall-Fenster, der Hans Waldmann und das Vrenelis Gärtli locken uns nicht mehr zu einer Stadtpirsch. Eine Segway-Tour durch Zürich hingegen ist ein Spass für jeden Zürcher, der weder ein Griesgram noch motorisch gestört ist. Seit 20 Jahren tschumple und kurve ich jeden Tag durch Zürich - doch so beschwingt und entspannt wie nach der letzten Segway-Tour war ich noch nie.
Der Segway ist ein tolles Fortbewegungsmittel, die genialste Entwicklung seit der Erfindung des Fahrrads. Das Schweben auf dem Hightech-Roller ist eine Mischung aus Fliegen, Snowboarden und Seiltanzen - und man lernts erst noch in zwei Minuten. Der Gewinn an Selbstvertrauen kann nicht hoch genug bewertet werden. In einer halben Stunde könnte man abgasfrei quer durch Zürich schweben - wäre die Stadt nicht permanent mit riesigen Benzinkarossen verstopft. Elektro-Töffs und -Velos dagegen sind das perfekte Verkehrsmittel für die Stadt - zwei- oder dreirädrig und zum Posten sogar mit Anhänger.
Segway-Fahrer, die schnelleren Fussgänger
Sollen uns doch die Touristen vormachen, wie man die Stadt lustvoll und lautlos erkundet! Zürich Tourismus ist wesentlich innovativer als die Stadtplaner, die es nicht einmal schaffen, ein Velonetz durch die Stadt zu legen. Oder Moritz Leuenberger: In seiner bürokratischen Engstirnigkeit hat sein Bundesamt dem Segway eine gelbe Töfflinummer verpasst - und ihn damit weg von Trottoirs und Velostreifen auf die Strasse verbannt. Dabei sind Segway-Fahrer doch bloss glückliche und etwas schnellere Fussgänger.
Kontra: Beleidigung fürs Auge
Alle sollen Zürich so erleben, wie es ihnen behagt: 48 Stunden Street Parade nonstop und dann «heimdösen» nach Magdeburg? Bitte sehr. Europa in drei Tagen, fünf Minuten Chagall-Fenster und 30 Zentimeter Wurst im Zeughauskeller? Kein Problem. Eine Wallfahrt zu Zürcher Kraftorten und ein veganes Menü bei Hiltl? Nur zu. Denn Zürichs Charme als Reiseziel ist seine Vielfalt. Nichts ist nervtötender als Vorschriften, was Touristen (und wir) in Zürich zu tun und zu lassen haben.
Auch am Segway gibts nichts auszusetzen - ausser dass er hässlich ist. Der Zürcher Computerunternehmer Anton Gunzinger, Segway-Pilot der ersten Stunde, hat mich vor Jahren auf dem Trottoir vor dem Odeon ein paar Runden drehen lassen. Ich bin ihm heute noch dankbar: Das Gefühl war extragalaktisch. Und wer weiss, vielleicht ist die Maschine das Gefährt der Zukunft, und wir werden einst alle mit dem Segway unterwegs sein - weil ein ZVV-Abonnement dann zu teuer und für Autos kein Zentimeter mehr frei ist.
Zürich hat zu Fuss mehr zu bieten
Aber Touristen jetzt auf den Ungetümen durch die Stadt kurven zu lassen, ist unnötig, stillos und kontraproduktiv. Es ist unnötig, weil Zürich zu Fuss einfach mehr zu bieten hat: Statt an Menschen und allem Sehenswertem vorbeizuflitzen, geniesst man Zürich ohnehin besser gemächlich zu Fuss. Stillos ist der Elektroroller-Tourismus, weil er optische Umweltverschmutzung betreibt. Man muss sie sich nur ansehen, die Segway-Jünger, wie sie sich in lächerlichen Westen und Helmen an ihre Lenker klammern. Vielleicht haben sie ja ihren Spass, ansehen kann man ihnen das nicht. Und kontraproduktiv ist die Aktion, weil wir Zürich damit zum Abenteuerspielplatz machen. Segway in Zürich hat dann etwa den Status von Bungee-Jumping im Verzascatal. Das Abenteurervölkchen zieht weiter zum nächsten Thrill. Der Stadt bleibt nichts als Hässlichkeit. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 14.05.2009, 08:22 Uhr


































