Trendsportler verstümmeln Zürcher Bäume

Von Beat Metzler. Aktualisiert am 03.06.2010

Um die Bäume in den Parks vor der boomenden Trendsportart Slacklining zu schützen, startet die Stadt eine Informationskampagne. Ein Verbot wie in Deutschland ist vorerst nicht geplant.

Das Gewicht am Seilende quetscht die Baumrinde: Slackliner in einem Stadtpark.

Das Gewicht am Seilende quetscht die Baumrinde: Slackliner in einem Stadtpark.
Bild: Keystone

Von Kletterern erfunden

Das Slacklining unterscheidet sich dadurch vom Seiltanzen, dass es auf einem elastischen Band geschieht. Slackliner müssen deshalb permanent ihr Gewicht ausbalancieren. Seiltänzer dagegen benutzen ein möglichst gestrafftes Seil, was eine ruhigere Bewegung ermöglicht. Auch die Szenen unterscheiden sich. Das Seiltanzen hat eine lange Tradition im Zirkus, während Slacklining Anfang der 80er-Jahre von amerikanischen Kletterern im Yosemite-Nationalpark erfunden wurde. Slackliner verstehen sich deshalb eher als Freestylesportler denn als Artisten. Die Sportart verbreitete sich erst Anfang der Nullerjahre in Europa, hat aber einen schnellen Siegeszug hinter sich. Mittlerweile verkaufen auch Grossverteiler wie die Migros Spannsysteme. (bat)

Die Gärtner von Grün Stadt Zürich standen vor einem Rätsel: Bäume in Parks wiesen plötzlich seltsame, neuartige Schäden auf. Ihre Rinde war auf Kniehöhe von länglichen Schleifspuren gezeichnet, die bis in den Kork reichten.

Die Fachleute mutmassten: Eine unbekannte Krankheit? Vandalen? An einem sonnigen Tag dann machten sie eine Beobachtung: Junge Menschen spannten zwischen zwei Bäumen ein Band, auf dem sie hin und her balancierten. Es handelte sich um die relativ neue Trendsportart Slacklining, für die es spezielle Spannsysteme gibt (siehe Box). Die Riemen, die zur Befestigung der elastischen Bänder um die Bäume gebunden werden, hatten die Quetschungen der Rinde verursacht.

Studenten sind begeistert

Das war 2008. Im letzten Jahr haben die Baumschäden weiter zugenommen. «Es gibt immer mehr Slackliner in Zürich», sagt Lukas Handschin, Sprecher von Grün Stadt Zürich. Tobias Rodenkirch, Sportstudent und Slackline-Veranstalter, bestätigt: «Der Sport boomt.» Seit 2008 bietet der Akademische Sportverband Zürich (ASVZ) an zwei Abenden pro Woche ein Slacklinetraining an. Es kommt laut Rodenkirch sehr gut an unter den Studenten. In Zürich gehen die Slackliner ihrem Hobby mit Vorliebe in den Seeanlagen nach.

Für die Pflanzen kann das Eingespanntwerden verheerend enden. Junge Bäume knicken unter dem Druck, der je nach Seillänge einer Last von bis zu 3,5 Tonnen entspricht. Dieses Problem stellt sich vor allem im Oerlikerpark: Die Bäume wurden erst vor neun Jahren gepflanzt, sind aber wegen ihres kurzen Abstandes unter Slacklinern besonders beliebt.

Aber auch für ausgewachsene, dicke Bäume besteht Gefahr. Bei ihnen kann die Last das Gewebe unter der Rinde beschädigen, welches die Kronen mit lebenswichtigen Nährstoffen versorgt. Manche Bäume gehen deswegen ein, sagt Lukas Handschin. Die Empfindlichkeit unterscheide sich aber je nach Baumart. Besonders belastend wirke eine regelmässige Nutzung. «Diese kommt oft vor, da nur wenige Bäume in einer idealen Entfernung zueinander stehen», sagt Handschin.

Nur wenige schützen Bäume

Um die Parkbäume zu schützen, will Grün Stadt Zürich aber nicht so weit gehen wie deutsche Städte: Köln, Stuttgart oder Karlsruhe haben Slacklining kürzlich aus ihren Parks verbannt. «Verbote sind der falsche Weg», sagt Handschin. Denn die Schäden lassen sich relativ einfach abwenden, indem man ein Teppichstück unter den Riemen schiebt. Dieser verhindert das Schleifen und verteilt das Gewicht. Die Mehrheit der Slackliner würde aber derzeit keine Polsterung benutzen, sagt Handschin.

Um dies zu ändern, wird Grün Stadt Zürich diesen Sommer Informationstafeln in den Pärken aufstellen. Sie erklären, wie man den Schutz installiert und welche Bäume sich nicht zum Slacklinen eignen. Weiter will Grün Stadt Zürich Kurse zum schonenden Slacklinen veranstalten. Und prüft, an besonders stark genutzten Orten wie etwa der Badi Mythenquai Pfähle in den Boden zu rammen, welche die Bäume als Seilhalter ersetzen sollen. Ähnlich wie Zürich sucht auch Basel einen toleranten Umgang mit dem Sport.

Slackliner sind einverstanden

Slackliner Tobias Rodenkirch begrüsst dieses Vorgehen. Zwar würden nicht alle Bäume bei regelmässigem Einspannen zugrunde gehen: «Diejenigen in meinem Garten gedeihen weiterhin prächtig.» Und verschiedene Befestigungssysteme belasteten die Rinde unterschiedlich. Der Aufwand, einen Teppich oder ein Handtuch unter die Riemen zu legen, sei aber gering. Und dank solcher Massnahmen könne Slacklinen offiziell erlaubt bleiben. Auf Rodenkirchs Homepage ist allerdings eine Montageanleitung ohne Baumschutz abgebildet. Das gezeigte System verursache keine Schäden, sagt Rodenkirch. «Trotzdem werden wir bis nächste Woche ein neues Video aufschalten und auf die Problematik hinweisen.»

Mit den Slackline-Merkblättern reagiert Grün Stadt Zürich nicht zum ersten Mal auf neue Trendsportarten. So hat die Stadt kürzlich einen «Pump-Track» für Mountainbiker auf dem Zürichberg eingerichtet.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.06.2010, 21:09 Uhr

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