«Tschanun war unsympathisch»

1986 tötete der Chefbeamte Günther Tschanun vier Mitarbeiter und verletzte einen fünften schwer. Staatsanwalt Marcel Bertschi liess nicht locker, bis Tschanun die Höchststrafe erhielt.

Nach der schrecklichen Tat vom 16. April 1986: Eines von Tschanuns Opfern wird in einem Sarg aus dem Zürcher Hochbauamt getragen. Foto: Keystone

Nach der schrecklichen Tat vom 16. April 1986: Eines von Tschanuns Opfern wird in einem Sarg aus dem Zürcher Hochbauamt getragen. Foto: Keystone

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Herr Bertschi, der Fall Tschanun . . .
Die Tat war natürlich grauenhaft. Doch juristisch betrachtet war der Fall nicht sehr anspruchsvoll. Der Sachverhalt war klar, es ging nur um die juristische Würdigung. Speziell waren die politische Dimension, der Medienrummel und die Emotionen, die er in der Bevölkerung auslöste. Tschanun erhielt zu meinem Erstaunen haufenweise Post, fast nur von Frauen, viele himmelten ihn an.

Wieso?
Das frage ich mich heute noch. Viele dieser Verehrerinnen wollten ihn heiraten. Ich musste daher verfügen, dass er pro Woche nur noch einen Brief schreiben durfte. Vorher war ich über Gebühr damit beschäftigt, täglich seine Briefe durchzulesen; in der Untersuchungshaft wird die Korrespondenz kontrolliert.

Welche Emotionen weckte der Angeklagte bei Ihnen?
Tschanun war mir unsympathisch. Er konnte nie klar zu seiner Tat stehen und sagen, ja, ich habe die vier Mitarbeiter umgebracht. Er drückte sich immer sehr gewunden aus, sagte, das Ereignis sei eine Folge anderer Gegebenheiten, welche dann zu dieser tragischen Tat geführt hätten. Tschanun hatte aber auch ein sehr einnehmendes Wesen, er konnte sich gut ausdrücken. Er konnte sogar – zur Freude des ihn begutachtenden Psychiaters – sagen, dass sein Körperschweiss zur Tatzeit ganz anders gerochen habe. Während des Prozesses nahm er eher die Opferrolle ein. Eigentlich hätte der Prozess vor das Geschworenengericht gehört. Dieses war für Täter vorgesehen, die nicht vollumfänglich geständig waren. Doch Tschanuns Verteidiger konnte mit einer geschickten Strategie verhindern, dass der Fall vor das Geschworenengericht kam.

Hätte das Geschworenengericht ein anders Urteil gefällt?
Der Angeklagte wäre mit Sicherheit wegen fortgesetzten Mordes zu 20 Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Die erste Strafkammer des Obergerichtes verurteilte ihn lediglich wegen fortgesetzter Tötung zu 17 Jahren Zuchthaus. Der Präsident ging in der Hauptverhandlung sehr pfleglich mit Tschanun um. In der Urteilsbegründung wurde dann auch den Opfern ein gewisses Mitverschulden angelastet, was ich nicht akzeptieren konnte. Deshalb zog ich den Fall an das Kassationsgericht weiter, das indessen das Urteil bestätigte. Erst das Bundesgericht folgte dann meinen Anträgen und wies den Fall an das Obergericht zurück.

Tschanun stiess mit seiner Tat in der Bevölkerung auch auf Verständnis. Warum?
Es gab etliche, die der Meinung waren, endlich habe mal einer den Mut gehabt, an seiner Arbeitsstelle aufzuräumen. Wenn sie den Mut von Tschanun hätten, würden sie ebenfalls so handeln. Diesen Leute entging allerdings, dass hier nicht ein Untergebener seinen Chef umbrachte. Es war gerade umgekehrt.

Wurde auf das Obergericht politischen Druck ausgeübt?
Nein. Der Richter war bekannt dafür, dass er Prozesse so steuerte, dass sie rund liefen.

Was trieb Tschanun zur Tat?
Tschanun war chronisch überlastet. Als Chef der Baupolizei hatte er eine anspruchsvolle Funktion, der er in keiner Weise gewachsen war. Trotz enormer Überzeit wuchsen seine Pendenzen, was seine Untergebenen verärgerte. Es gab einen bösen Spruch: Das Einzige, was er zustande gebracht habe, sei, das eigene Büro gut einzurichten.

Gab es neben dem Hauptschuldigen Tschanun auch Mitschuldige?
Der Stadtrat hätte ihn nie zum Chef der Baupolizei ernennen dürfen. Es wurde nicht abgeklärt, ob der Mann für diese anspruchsvolle Arbeit qualifiziert sei. Nach meiner Erinnerung gab es bei den Personalakten lediglich ein grafologisches Gutachten, in dem zu lesen war, dass Tschanun sehr belastbar sei.

Wenn man sich Tschanuns Persönlichkeit vergegenwärtigt: Gab es da ein erhöhtes Risiko für ein gewalttätiges Verhalten?
Davon ging niemand aus. Bei der Durchführung der Tat ging er indessen äusserst kaltblütig und zielstrebig vor. Er sagte zwar, er habe nie schiessen gelernt. Ich habe indessen während meiner Zeit als Staatsanwalt nie einen Täter mit solcher Treffsicherheit gesehen. Er erschoss mit acht Kugeln vier Menschen und tötete beinahe einen fünften.

Man hat den Eindruck, dass das öffentliche Interesse an Tschanun dazu führte, dass die vier Opferfamilien vergessen gingen.
Ich sehe das auch so. Der Stadtrat stritt mit den Opferfamilien um Schmerzensgeld. Dadurch wurden die Hinterbliebenen gleich dreimal bestraft. Zuerst der Mord, dann schob man während des Prozesses den Getöteten eine Mitschuld zu, und am Ende mussten sie noch um eine Entschädigung kämpfen. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 10.02.2016, 22:49 Uhr)

Stichworte

Marcel Bertschi. Der heute 81-Jährige galt wegen seiner Härte als Zürichs umstrittenster Staatsanwalt. Bertschi klagte neben Tschanun auch den RAF-Terroristen Rolf Clemens Wagner an.

Die Suche

Wo ist Günther Tschanun?

Mehr als 13 Jahre hatte Günther Tschanun verbüsst, als er im Jahr 2000 das Gefängnis Saxerriet SG verlassen konnte. Hier verliert sich seine Spur. Der damals 58-Jährige erhielt eine neue Identität. ­TA-Journalist Benno Gasser bekam vor einigen Jahren den Tipp, dass Tschanun im Tessiner Dorf Ronco sopra Ascona lebe; der Gesuchte war dort nicht aufzufinden. Tschanun wäre heute 74. Es gibt Stimmen, die sagen, dass er verstorben sei. Bestätigen lässt sich dies nicht. Nicolas Lindt vermutet in seinem neuen Buch «Von Schuld und Unschuld», dass Tschanun sein Äusseres verändert hat. Lindt stellt heute in Anwesenheit von Ex-Staatsanwalt Marcel Bertschi und «Blick»-Journalist Viktor Dammann sein neues Buch vor. (TA)

Buchvernissage, heute 16.30 Uhr, im Volkshaus.

Die Tat

Der Chef tötete kaltblütig und berechnend

Am 16. April 1986 um halb neun Uhr betrat Günther Tschanun mit einem geladenen Revolver das Amtshaus IV an der Uraniastrasse. Von seiner Wohnung an der Oetenbachgasse zum Amtshaus musste er nur wenige Meter gehen. Der 45-jährige Chef der Stadtzürcher Baupolizei, des heutigen Amts für Baubewilligungen, hatte einen grauenhaften Entschluss gefasst.

Vor Gericht wird er später sagen: «Es war für mich wie in einem Fleischwolf.» 21 Monate lange arbeitete Tschanun als Chefbeamter. Er war mit seiner Aufgabe heillos überfordert, arbeitete Tag und Nacht und kam wegen seines Kontrollwahns und seiner Detailversessenheit trotzdem nicht vom Fleck. Die Hilfe seiner Mitarbeiter lehnte der gelernte Architekt ab. Im Bauamt herrschte Spardruck, Chaos und Personalknappheit. Das Arbeitsklima war vergiftet.

Flucht nach Frankreich

Mitten in dieser angespannten Situation schaffte Amtschef und Stadtrat Hugo Fahrner (FDP) die Wiederwahl nicht. Zwei Wochen vor der Bluttat hatte er den Hut nehmen müssen, Ursula Koch (SP) wurde als Nachfolgerin bestimmt. Darauf titelte die «Züri-Woche»: «Wer wird von der Köchin zuerst in die Pfanne gehauen?» Der Autor gab gleich selber die Antwort: Günther Tschanun. Mit dem Artikel wusste jedermann um das organisatorische Chaos im Bauamt.

Im Amtshaus IV verliess Tschanun um 8.37 Uhr den Kopierraum. Er ging in das Büro eines Bauingenieurs, der in einer Besprechung war, und schoss ihm in den Kopf, wenig später tötete er drei weitere Mitarbeiter. Eine fünfte Person überlebte ihre Schussverletzungen nur knapp. Kurz darauf flüchtete der Chefbeamte mit dem Zug nach Frankreich, quartierte sich in einem Hotel im Burgund ein. Drei Wochen später nahm ihn die Polizei fest. Das Obergericht verurteilte ihn zu 20 Jahren Haft. Anfang 2000 konnte Günther Tschanun das Gefängnis verlassen. (bg)

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