Uhrmacher Beyer hat an der Bahnhofstrasse einen Schwarm

Seit Jahrzehnten verkauft René Beyer Uhren. Nun züchtet er Bienenvölker – hoch über Zürichs nobelster Einkaufsmeile. Das Management der CS beobachtet den Imker mit Skepsis.

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«Er schmeckt blumig, mit einem Akzent von Lindenblüten, und ist dunkelgelb.» Das steht auf allen 600 Honigtöpfchen, mit denen Uhrenpatron René Beyer spezielle Kunden und Freunde auf Weihnachten beglückt hat. Dabei handelt es sich nicht um irgendeinen Honig, sondern um einen Honig, der an einem ganz speziellen Ort entstanden ist: an der Bahnhofstrasse auf dem Dach der Credit Suisse, wo sich einige Stockwerke tiefer die Beyer Chronometrie AG befindet.

Fast 80 Kilo Honig wurden ohne Pestizide hergestellt. Inspiriert hat Beyer zu seinem neuen Hobby Jean-Claude Biver, neben Nick Hayek der wahrscheinlich bekannteste Uhrenmanager der Schweiz. Biver schenkt seinen Kunden selbst gemachten Käse auf Weihnachten. Bei Beyer gibts nun für die Kundschaft aus Indien und China als Kundengeschenk echten Schweizer Honig.

Die Bienen sind für Beyer kein Marketing-Gag, sondern eine Herzensangelegenheit. Im vergangenen Juni hat er zehn Bienenkisten auf dem Dach seines Geschäfts aufgestellt. Er ist überzeugt, einen idealen Standort für die fleissigen Insekten entdeckt zu haben. «Meine Bienen leben in einem Schlaraffenland.» Sie finden Nahrung vor den Blumengeschäften, im alten Botanischen Garten und auf den Lindenbäumen. «Viel ausgewogener kann Bienenhonig nicht sein.»

Haftpflichtversicherung erhöht

Mit dem Aufstellen von Bienenkästen ist es jedoch nicht getan. Rund 5000 Bienen leben in einem Kasten, im Sommer verzehnfacht sich die Bevölkerung. Bienen haben die unangenehme Eigenschaft, zu stechen, wer herumfuchtelt oder ihre Flugbahn stört. Davor fürchtet sich offenbar auch das Topmanagement der Credit Suisse, das im gleichen Gebäude arbeitet. Für den Fall eines Stichs musste Beyer die Schadensumme seiner Haftpflichtversicherung erhöhen. Beyer selbst ist bisher nur einmal gestochen worden.

Ohne professionelle Hilfe hätte sich der Uhrenpatron nicht auf das Bienenabenteuer eingelassen. Noch werden seine Insekten von der Zürcher Stadtimkerei Wabe 3 betreut, derweil sich Beyer zum Imker ausbilden lässt. Einmal im Monat drückt er die Schulbank, denn zwischen ihm und seinen Bienen ist so etwas wie Liebe entstanden. Im Herbst wird Beyer seine Ausbildung beendet haben und selbst für die Bienenvölker verantwortlich sein.

Damit ist Beyer im Stadtkreis 1 ein Monopolist. Um ausschwärmende oder kranke Völker jederzeit dem Besitzer zuordnen zu können, darf in einem Radius von drei Kilometern nur ein einziger Imker wirken. Alle sieben bis neun Tage kontrolliert er, ob es den Bienen gut geht, ob sie noch genügend Futter haben und vor allem, ob sie nicht an der ansteckenden Milbenkrankheit leiden. Er nimmt diesen Mehraufwand gerne auf sich. «Wer den Film ‹More Than Honey› gesehen hat, weiss, dass es in China bereits Menschen zum Bestäuben braucht, weil es inzwischen zu wenig Bienen gibt», sagt Beyer. «So weit soll es in der Schweiz nicht kommen.»

Könige als Kunden

Bienenzucht passt bestens zu Beyers Geschäftsphilosophie. Der Uhrenpatron ist alles andere als ein 08/15-Unternehmer. Er ist offen und umgänglich, redet gerne, hat immer einen passenden Spruch parat. Tradition wird bei Beyer Chronometrie grossgeschrieben. Es ist mit über 250 Jahren das älteste Uhrengeschäft in der Schweiz und wird von René Beyer in der achten Generation geführt. Die Kundschaft ist international und prominent. Könige gehören genauso dazu wie Schauspieler, Sportstars, Musiker – und natürlich viele «gewöhnliche» Zürcher Bürgerinnen und Bürger. Eine solche Kundschaft zufriedenzustellen, ist ein bisschen wie Bienenzüchten. «Wer sie verstehen will, braucht Zeit und Ruhe», sagt Beyer.

Diese Ruhe wurde René Beyer nicht in die Wiege gelegt. Als Vierjähriger erhielt er von seinen Eltern seine erste Uhr geschenkt. Es war ein Wecker, und der Junior wollte sogleich wissen, wie er funktioniert. Deshalb holte er einen Hammer und schlug auf den Wecker ein, um herauszufinden, wie das Innenleben aussieht. Dabei zerstörte er ein kleines Vermögen. «Heute würde dieser Wecker im Uhrenmuseum stehen», sagt er.

Mit 33 Jahren Patron

Das elterliche Erbe fortzuführen war für René Beyer nie Verpflichtung, sondern selbstverständlich. «Ich bin in dieses Metier hineingewachsen», sagt er. «Mein erstes Wort war ticktack und nicht Mama oder Papa.» Mit 15 schickten ihn die Eltern ins Welschland in eine Handelsschule, danach lernte er am Technikum in La Chaux-de-Fonds Uhrmacher. Seine Lehr- und Wanderjahre verbrachte er in den USA. Als sein Vater einen Herzinfarkt erlitt, übernahm er zusammen mit seiner Mutter die Führung des Uhren- und Schmuckgeschäfts. Zehn Jahre später wurde er als 33-Jähriger alleiniger Patron, wie es der Familientradition entspricht.

Beyer hat 2015 die eher konservativ gesteckten Ziele übertroffen und hofft, dass es im aktuellen Jahr so weitergeht. Dennoch ist er froh, dass kein fremdes Geld in seiner Firma steckt. «Die ganzen Aktien sind in Familienbesitz, das gibt uns eine grössere Freiheit.» Kann man sich im Zeitalter der Smartphones und der rasch wechselnden Moden Uhren überhaupt noch leisten? Für René Beyer ist das nicht einmal eine rhetorische Frage. «Eine Uhr ist etwas sehr Persönliches und meistens mit einer Geschichte verbunden», sagt er und beginnt aufzuzählen: Als 13-Jähriger hat er von den Eltern eine Monaco TAG Heuer erhalten, als 15-Jähriger erhielt er seine erste Rolex Oyster Quarz, als 18-Jähriger kaufte er sich eine Patek Philippe Calatrava.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 14.01.2016, 21:10 Uhr)

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