Zürich

Startseite · Abo · Immobilien · Job · Auto · Kleinanzeigen

«Verlieren wir die Beherrschung»: 1.-Mai-Slogan sorgt für harsche Reaktionen

Von Stefan Häne und Patrick Kühnis. Aktualisiert am 13.04.2010 14 Kommentare

Bürgerliche sprechen von einer Einladung zur Randale – und sogar die SP ist nicht glücklich über den Slogan.

Randale am 1. Mai 2009. Kritiker befürchten, dass der diesjährige Slogan erst recht Gewalt provoziert.

Nicola Pitaro

Wie im Comic: Das Plakatsujet für den diesjährigen 1. Mai. (PD)

Artikel zum Thema

«Menschenwürde grenzenlos», «Teilen statt herrschen» oder «Eure Krise zahlen wir nicht» lauteten zuletzt die Losungen am Tag der Arbeit. Diesmal legt das 1.-Mai-Komitee einen Zacken zu und lädt unter dem Titel «Moneypulation – Verlieren wir die Beherrschung» zur Demonstration durch die Innenstadt. Passend dazu prangt auf dem Plakat ein explosiver Cocktail aus geballten Fäusten, Totenköpfen, Blitzen, Bomben mit brennender Zündschnur und einem stinkenden Hundehaufen. Ein Ausdruck von Wut und Zorn, wie man ihn aus Comics kennt.

Das riecht nach Ärger, finden Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch, die sich zur Kampagne geäussert haben. «Wenn das kein Aufruf zur Gewalt ist, was ist es dann?», fragt einer. «Für alle mit einem normalen Sprachverständnis ist der Slogan recht eindeutig, und das Plakat räumt allfällige Zweifel aus», findet ein anderer.

«Der Slogan sagt nur: Es reicht»

Interpretationen, die das 1.-Mai-Komitee weit von sich weist. «Das Wortspiel «Verlieren wir die Beherrschung» ist keine Aufforderung, alles kurz und klein zu schlagen», sagt Sprecherin Anna Klieber (AL). Vielmehr gehe es darum, nach der Wirtschaftskrise nicht einfach zur Tagesordnung überzugehen, sondern die politische Antwort auf Entlassungen, Lohnkürzungen und die Aushöhlung des Sozialstaats zu geben. «Der Slogan sagt nur: Es reicht – wir lassen uns nicht alles gefallen.» Ziel sei eine Demokratie, die allen nütze und nicht nur den paar wenigen, die den ganzen Schlamassel angerichtet hätten. «Von denen wollen wir uns nicht beherrschen lassen.»

«Wenn jemand die Beherrschung verliert, ist das meist negativ und führt selten zu einem lösungsorientierten Ansatz», sagt dagegen Marco Cortesi, Medienchef der Stadtpolizei. Diese hat den Slogan bereits zu Kenntnis genommen und wird ihn bei der Lagebeurteilung für den 1. Mai berücksichtigen, der in Zürich regelmässig in Ausschreitungen und Randale mündet.

Den Paradeplatz im Visier

Aufgefallen ist der Polizei auch ein Manifest des Revolutionären Aufbaus, der es in der Nachdemo offensichtlich auf den Paradeplatz abgesehen hat. Für den politischen Arm des Schwarzen Blocks ist es ein «Skandal», dass die bewilligte Demonstrationsroute nicht an diesem «Symbol der Arroganz» vorbeiführt. «Hissen wir die Rote Fahne am Paradeplatz!» Klieber dazu: «Das ist Sache des Revolutionären Aufbaus. Damit haben wir nichts zu tun.» Das Komitee setze alles daran, dass der offizielle Umzug so friedlich ablaufe wie immer. «Dazu gehört auch, dass unsere Schlusskundgebung auf dem Bürkliplatz nicht gestört wird.» Klieber hofft, dass die Polizei die Lage so gut einzuschätzen und zu bewältigen weiss, dass normale Demoteilnehmer keiner Gefahr ausgesetzt sind.

Stadtrat Andres Türler (FDP), Vorsteher der Industriellen Betriebe, wird bis zu Daniel Leupis (Grüne) Amtsantritt am 17. Mai als ausserordentlicher Stellvertreter das Polizeidepartement leiten. Türler betrachtet es gleichwohl nicht als seine Aufgabe, «diesen Slogan auszulegen». Das 1.-Mai-Komitee trage eine hohe Verantwortung dafür, dass der Festtag friedlich verlaufe. «Wenn dessen Mitglieder glauben, dass sie mit diesem Slogan ihrer Verantwortung Rechnung tragen, ist das ihre Sache.» Daniel Leupi will sich nicht äussern.

Deutliche Worte finden hingegen die Bürgerlichen. «Der Slogan ist ein Aufruf, den Kreis 4 zusammenzuschlagen», sagt SVP-Fraktionschef Mauro Tuena. Die Absicht des Komitees sei klar: «Chaos und Randale.» Als besonders störend empfinden bürgerliche Politiker, dass für die Schäden die Steuerzahler aufkommen müssen. Sie fordern daher, dass nach Randalen die 1.-Mai-Organisatoren zur Kasse gebeten werden.

Gewerkschaften scheren aus

Zurückhaltend gibt sich die Gewerkschaft Unia, welche die 1.-Mai-Demo mitorganisiert. Remo Schädler, Sektionsleiter von Unia Zürich, möchte den Slogan des Komitees nicht kommentieren. «Wir haben eine eigene Botschaft», sagt Schädler. Diese stamme vom Schweizerischen Gewerkschaftsbund und laute: «Arbeit, Lohn und Rente statt Profit und Gier.» Dass im Komitee ein Streit zwischen gemässigten und radikalen Kräften tobt, verneint er. Schon in der Vergangenheit hätten die Gewerkschaften und das 1.-Mai-Komitee mit verschiedenen Slogans zur Kundgebung aufgerufen.

Die SP ist «nicht erfreut»

In rot-grünen Kreisen sorgt der Slogan zwar nicht für Begeisterung, aber auch nicht für Empörung. Der grüne Gemeinderat Balthasar Glättli ortet darin ein Wortspiel, ein «Hinterfragen der Herrschaftsstrukturen», sicher aber «keinen Aufruf zur bewaffneten Revolution». Andrea Sprecher, Co-Präsidentin der Stadtzürcher SP, ist über den Spruch nicht erfreut. Die Debatte drehe sich nun um Gewalt und Ausschreitungen. Die politische Diskussion werde damit verunmöglicht. Als Kampfansage versteht sie den Spruch jedoch nicht. «Niemand lässt sich widerwillig zu Gewalt verführen.» Jene Leute, die gewaltbereit seien, würden am 1. Mai ohnehin Steine werfen. Ihre Zahl vergrössere sich wegen des Spruches nicht.

()

Erstellt: 12.04.2010, 23:06 Uhr

14

Kommentar schreiben







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

14 Kommentare

sabine bigott

13.04.2010, 09:50 Uhr
Melden

kravalle sind eine sprache der unzufriedenheit,soziale unzufriedenheit ohne gehör ist umso schlimmer die politik hat schon lange kein gehör mehr ,sondern orientiert sich zum geld hin nicht zu den menschen.Nun das geld bringt auswüchse siehe löhne der manager da 20 millionen hier 70 milionen ,und das fusvolk hat nicht ein- mal zu essen !! so kann es nicht gehen ihr herrenrasse. Antworten


Hermann Dieterlis

13.04.2010, 08:50 Uhr
Melden

...am 2. Mai lesen wir hier alles über die entsprechende Gewaltauschreitungen und Sachverwüstungen. Alle brüskieren sich, etc. etc. Alle Jahre wieder. Antworten



Zürich

Populär auf Facebook – Privatsphäre

Lokalverzeichnis

Werbung

AKTUELLE KADERSTELLEN

Marktplatz

Umfrage

Am 17. Juni stimmen wir darüber ab: Würden Sie die Volksinitiative «Freie Schulwahl für alle ab der 4. Klasse» heute annehmen?




Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

Online-Kadermarkt

ALPHA.CH: der online-Kadermarkt der Schweiz.

Online-Kadermarkt

ALPHA.CH: der online-Kadermarkt der Schweiz.