Visionen vom offenen Helvetiaplatz

Seit 18 Jahren kämpft Bruno Kammerer für einen «Weltplatz» im Kreis 4. Doch die Vorstellungen der Stadt sehen anders aus. Selbst seine Parteigenossen haben andere Pläne.

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Der Helvetiaplatz im Kreis 4 fristet ein Mauerblümchendasein. Obwohl er sich an bester Lage mitten im Quartier befindet, ist er alles andere als einladend. Eingerahmt vom Volkshaus, dem Amtsgebäude und einem ehemaligen Postgebäude, in dem sich heute eine CS-Filiale befindet, liegt die grosse Fläche brach – einzig am Dienstag- und Freitagmorgen kommt jeweils Leben auf, wenn dort der beliebte Blumen- und Gemüsemarkt stattfindet.

Der ehemalige SP-Gemeinderat Bruno Kammerer wollte den Platz bereits vor 18 Jahren aus seinem Dornröschenschlaf wecken. Mit einer Motion forderte er den Stadtrat 1994 dazu auf, Vorlagen für die Neugestaltung des Helvetiaplatzes auszuarbeiten. Die Motion geistert noch heute durch die Behörden. Der Gemeinderat wird frühestens Anfang 2013 darüber entscheiden.

Eine Anhäufung von Zufälligkeiten

Kammerer selbst hält an seinen Ideen von damals fest. «Ich wünsche mir einen offenen Platz, wo sich das Quartier trifft, ein Zentrum für diesen Stadtkreis», sagt er gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. In seiner Motion nennt er es einen «Kreis-4-Charakterkopf», der dem Chreis Cheib zu mehr Selbstbewusstsein verhelfen soll. Der Helvetiaplatz sei heute «eine Anhäufung von Zufälligkeiten», so Kammerer. «Der Helvetiaplatz dümpelt vor sich hin. Er ist sogar so unattraktiv, dass die CS die Räumlichkeiten im Erdgeschoss des stattlichen Eckhauses am Platz nur noch als Lagerraum für ihre Computer nutzt.»

Kammerer wünscht sich dort einen «offenen Weltplatz» mit Mischverkehr. Autos, Velos, Trams und Fussgänger könnten auf einer Ebene verkehren. «Der ganze Raum – inklusive Kanzleiareal – soll genutzt und miteinander verbunden werden.»

Stimmvolk sagte 2008 Ja – Umsetzung zwischen 2016 und 2018

Doch mit den grossen Würfen der Motion Kammerer und einer in die gleiche Richtung zielenden, unlängst veröffentlichten Machbarkeitstudie der Volkshaus-Stiftung (siehe Box) hat die reale Planung für den Helvetiaplatz wenig gemeinsam. Zwar hat das Zürcher Stimmvolk bereits 2008 einem Fünf-Millionen-Kredit für die Aufwertung des Platzes und den Umbau des Parkhauses unter dem Helvetiaplatz zugestimmt. Die Massnahmen beschränken sich aber nur auf einen Strassenzug hinter dem Amtshaus – und die Umsetzung lässt auf sich warten.

«Die Erweiterung des Helvetiaplatzes und die teilweise Neugestaltung der Platzrandzone entlang der Molkenstrasse sind im Jahr 2017 vorgesehen», erklärt Stefan Hackh, Pressesprecher des Zürcher Tiefbauamtes. Die Realisierung des Projekts erfolge in Koordination mit der Sanierung des Amtshauses. In diesem Zeitraum würden auch die Umbauarbeiten am unterirdischen Parkhaus umgesetzt, so Hackh weiter. «Demnach erfolgt die Verschiebung der 66 oberirdischen Parkplätze ins Parkhaus voraussichtlich zwischen 2016 und 2018.»

Auch die Sanierung des in die Jahre gekommenen Amtshauses wird nicht für eine komplette Umgestaltung genutzt. «Die Instandsetzungsarbeiten sind für 2016 und 2017 geplant. Ab 2018 sollten das Sozialzentrum für die Kreise 4, 5 und teilweise des Kreises 3 dort einziehen. Eine Neunutzung ist daher nicht vorgesehen», erklärt Silvan Heuberger vom Zürcher Hochbaudepartement. Zwar sei gleichzeitig mit der Sanierung des Amtshauses auch eine Neugestaltung des Helvetiaplatzes vorgesehen, so Heuberger. «Detaillierte Pläne dazu gibt es aber noch nicht.»

«Unsere Genossen sind einfach nicht mehr sexy»

Neue Pläne für den Helvetiaplatz haben auch die Fraktionen der SP, der Grünliberalen und der CVP im Zürcher Gemeinderat. Diese wollen sie in Form eines Postulats im Rat einbringen. Die spärlich genutzte Freifläche soll belebt und ein Ort der Begegnung geschaffen werden, so die Postulanten. Dieses Ziel könne unter anderem durch einen temporär aufstellbaren Restaurationsbetrieb, ein Wasserspiel, sanfte Begrünung oder auch Sitzgelegenheiten erreicht werden.

Kammerer kennt die Pläne seiner Genossen. Er wurde eigens von der SP-Fraktion zu Gesprächen über das neue Postulat, das den Weg zur Abschreibung seiner Motion frei machen würde, eingeladen. «Ich habe ihnen zunächst gratuliert, dass sie mit meiner Motion 18 Jahre durchgehalten haben. Aber ihre Ideen sind das Gegenteil von meinen», fasst er das Treffen zusammen.

Er habe seine Motion damals mit der Unterstützung der SP Stadtpartei, der SP Kreissektion 4 und der SP Gemeinderatsfraktion eingereicht. «Es war ein eindeutiges Anliegen der Partei», so Kammerer. Nun habe sich die Fraktion von der jahrelangen Verteidigung der Motion verabschiedet. «Die heutigen SP-Gemeinderäte wagen es nicht, gegen ihre Stadträte zu politisieren. Sie wollen die rotgrüne Stadtregierung nicht desavouieren», klagt der Motionär. «Unsere Genossen sind einfach nicht mehr sexy. Sie ziehen offensichtlich ein Kanzlei-Schrebergärtli einem weltoffenen Platz vor.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 15.11.2012, 11:24 Uhr)

Offener Platz ohne Kanzleiturnhaus

Bruno Kammerer erhält in seinem Bemühen um eine Neugestaltung des Helvetiaplatzes Unterstützung durch die Volkshaus-Stiftung. 2011 wird auf ihre Initiative hin eine Machbarkeitsstudie mit dem Titel «Platz dem Helvetiaplatz» erstellt. Darin werden fünf Massnahmen für die Neugestaltung des Areals zu einem «städtischen Platz von morgen» unterbreitet:


  • 1. Der Raum Stauffacher-Helvetiaplatz wird als Boulevard definiert.

  • 2. Das Areal wird entlang der Häuserfluchten der angrenzenden Strassen begrenzt und durch einen speziellen Bodenbelag markiert.

  • 3. Der Baukörper des ehemaligen Amtsgebäudes wird der städtebaulichen Situation angepasst.

  • 4. Bus- und Trampassagiere werden auf einer «Station» unter einem Dach empfangen.

  • 5. Die ehemalige Turnhalle auf dem Kanzleiareal wird abgebrochen und deren Nutzungen in das umgebaute Amtshaus verlegt.

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