Vom Schüttelbecher zum Studentenexpress
Von Monica Müller. Aktualisiert am 01.09.2010 2 Kommentare
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Die Talstation der Polybahn liegt am Central. Der Volksmund benannte den Platz, der bis 1950 Leonhardsplatz hiess, nach dem Hotel Central. Es war eines der ersten Hotels, das auf Plakaten nicht einfach mit einer vergrösserten Speisekarte warb, sondern sich selbst in Szene setzte. Das «best eingerichtete Hotel en face des Bahnhofes» wurde auf die Landesausstellung hin eröffnet, die 1883 auf dem Platzspitz stattfand.
Die Landesausstellung machte aus Zürich eine Touristenstadt, und nach dem Erfolg der Uetlibergbahn bot sich der Zürichberg als weiteres Spaziergängerparadies an. Der Ingenieur H. A. Ruge und der Kaufmann Emil Stauder gelangten schliesslich mit der Idee einer Drahtseilbahn auf den Zürichberg an die Öffentlichkeit. Da die Zürcher Behörden dem Bund versprochen hatten, «einen leichteren Zugang von der Stadt zum Polytechnikum hinauf herzustellen», das bereits 1864 eingeweiht worden war, wurde ihr Konzessionsgesuch rasch genehmigt.
In einer ersten Bauetappe sollte die Zürichbergbahn bis zum Polytechnikum führen, in einer zweiten am Kantonsspital vorbei bis zum Vorderberg in Fluntern verlängert werden.
Die ersten Projekte sahen die Talstation direkt am Central in der Verlängerung der Bahnhofbrücke vor, doch der Stadtrat wollte sich die geplante Fortsetzung der Zähringerstrasse in Richtung Weinbergstrasse nicht verbauen lassen. Eine neue Variante, die eine Überbrückung des Hirschengrabens vorsah, führte zu Protesten der Anwohner. Sie fürchteten, «die Aussicht ins Grüne zu verlieren», und sammelten eifrig Unterschriften gegen das Projekt. Erst ein Holzmodell der heutigen Brücke und eine Entschädigung von 6000 Franken ebnete den Weg für die Bahn.
Krise in den 70er-Jahren
Am 8. Januar 1889 war es so weit: «Das grosse Ereignis ist geschehen, die Zürichbergbahn ist in Betrieb, wenigstens der untere Teil bis zu den Hochschulen», freute sich der NZZ-Berichterstatter. Unzählige waren so begeistert von der Aussicht über die Stadt, dass sie immer und immer wieder 10 Cent zahlten, «um die Stadt in jeder Beleuchtung zu geniessen». Eine Seilbahnfahrt auf die Polyterrasse wurde zum beliebten Sonntagsausflug der Zürcher und zu einer Sehenswürdigkeit mit Baedeker-Sternen.
1897 stellte die Zürichbergbahn vom Wasserbetrieb – oben voller, unten leerer 5000-Liter-Tank – auf elektrischen Betrieb um. Die Zahl der Fahrgäste nahm jährlich zu und erreichte 1923 erstmals die Millionengrenze. 1950 kaufte die Löwenbräu AG die Liegenschaft der Talstation und wurde zur Hauptaktionärin der Bahn. Doch in den 1950ern und 1960ern setzte der Autoboom der Zürichbergbahn zu: 1974 liessen sich nur noch 450'000 Passagiere vom Central auf die Polyterrasse befördern, so viele wie im ersten Betriebsjahr. Obwohl nur noch die nötigsten Unterhaltsarbeiten vorgenommen wurden, schlitterte «Zürichs Cablecar» in die roten Zahlen. Bald sollte die Konzession für die Zürichbergbahn auslaufen, und ihre Existenz war bedroht.
Rettung durch die SBG
Vor allem die Presse setzte sich für das Bähnchen ein und titelte: «Ernste Gefahr für das 87 Jahre alte Polybähnchen!» oder «Das Polybähnchen darf nicht sterben!» Als das Schicksal des «sympathischen Winzlings» schon besiegelt schien, entschloss sich die Schweizerische Bankgesellschaft (heute UBS), die Bahngesellschaft für 80'000 Franken zu erwerben, und gründete die SBG Polybahn AG. Diese sanierte die ganze Bahnanlage und renovierte die beiden Wagen vollständig, um für weitere 20 Jahre die Konzession zu erhalten – mit Erfolg. Am 2. Oktober 1976 nahm der «Schüttelbecher», wie die Bahn auch liebevoll genannt wurde, ihren Betrieb mit einem Volksfest wieder auf. Seither ist die Frequenz jährlich gestiegen. Heute befördert der «Studentenexpress» über zwei Millionen Fahrgäste im Jahr auf einer Strecke von 176 Metern 41 Meter in die Höhe.
Jetzt werden sie wieder prominent in die Auslagen gerückt, die Ansichtskarten von Zürich. Die schönsten sind bis heute die etwas in Vergessenheit geratenen Fotochromkarten geblieben – gerade weil sie so kitschig sind; die Drucker, die bis anhin nur Schwarzweissbilder kannten, hatten in ihrem Farbenrausch etwas zu tief in die Töpfe gegriffen. Der TA zeigt in einer Serie die gelungensten Fotochromkarten von Zürich. Die meisten entstanden ums Jahr 1900. Eine genaue Datierung ist meist nicht mehr möglich. Die Fotochromkarten zeigen das Bild einer schmucken Kleinstadt, die sich anschickte, die grösste Wirtschaftsmetropole der Schweiz zu werden.
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Erstellt: 31.08.2010, 20:19 Uhr
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2 Kommentare
Ach, hätten die Planer der Zürcher S-Bahn doch nur die alte Polybahn als Vorbild genommen. Dann würde man auf der einen Seite aussteigen, danach auf der andern ein. Wenigstens in grossen Stationen. Diese Fehlplanung kann leider nicht mehr einfach korrigiert werden und bedeutet zunehmend, dass man sich im Weg steht beim Eingang und Verspätungen. Antworten


































