Von Knabstruppern, Ohrengarn und heissen Hengsten

Was ist bloss dran an dieser Faszination für Rösser? Wer eine Antwort auf diese Frage haben will, sollte ein Springreitturnier mit zwei 12-jährigen Pferdenärrinnen besuchen.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Jaja, die Pferde. Sie sind auf eine dezente Weise omnipräsent. Völlig entziehen kann man sich diesen Tieren nicht. Aber so richtig warm wurde ich nie mit ihnen. Da half auch der zweifache Konsum des Films «Der Pferdeflüsterer» nicht weiter.

Dabei ist es ganz einfach, die Passion für Rösser zu begreifen. Dazu musste ich lediglich zwei kleine Pferdenärrinnen zum Springreitturnier CSI im Zürcher Hallenstadion begleiten. Mit glänzenden Augen verfolgen Nina und Elin von der Tribüne, wie die Hufe durchs Sägemehl pflügen, die Vollblüter über die Hindernisse setzen und die Mähnen im Scheinwerferlicht wehen. Die zwei Hobbyreiterinnen sprechen über die Stärken der Pferde wie Rennsportfreaks über Einspritzventile und Motorenleistung.

Apfelschimmel oder Knabstrupper?

Neben dem sportlichen Teil wird am CSI auch eine üppige Portion Pferdeshow geboten. Die beiden 12-Jährigen schauen gebannt zu, wie Rosi versucht, ihr Pferd Scout zu einem Kunststück zu bewegen. Scout bläht bockig die Nüstern und bleckt die Zähne. «Das ist kein Apfelschimmel, gell?», fragt Nina ihre Freundin. «Nein, die heissen irgendwie anders. Den Namen kann ich mir nie merken.» Kein Wunder, denn wie sich herausstellen sollte, ist Scout ein Knabstrupper. Benannt nach dem dänischen Gut, wo diese Pferdeart gezüchtet wurde.

Die Mädchen sind aber bereits mit der nächsten Analyse beschäftigt. «Schau mal! Da kommen Andalusier rein!», ruft eine der anderen zu. «Oh, ja. Die sind so elegant. Mir gefällt das Zweite von hinten am besten» – «Ich finde das Erste am schönsten.» Während sich die Mädchen noch über die Vorzüge des einen oder anderen Tieres unterhalten, erklärt Fredy Knie jun., Grandseigneur der Pferdedressur, wie sich das mit den Hengsten so verhält. «Sie müssen immer beschäftigt werden», sagt er und lässt die Rösser dabei um sich herum trotten und tänzeln. Bonito will nicht so recht mitmachen. Er sei ein wenig abgelenkt, erklärt Knie, «es hat Stuten hier».

«Sind das Friesen ganz vorn?»

Zuletzt setzen die Knie-Artisten zum Finale an, bei dem alle Pferde gleichzeitig in die Manege einreiten. «Sind das Friesen ganz vorn?» – «Die Schwarzen? Ja. Und schau mal: Da hinten kommen noch Araber.» – «Aber der Schecke dort, der ist kein Araber.» Eines sei ein sogenannter Brauner, erklärt mir Nina. «Wäre es ein Fuchs, dann wären auch seine Mähne und sein Schwanz rotbraun.» Aha.

Inzwischen ist der Showblock vorüber und wir sehen den Springreitpferden beim Aufwärmtraining zu. Die Mähnen sind perfekt geflochten oder kunstvoll geknotet, die Felle glänzen prächtig. Eines der Rösser hat eine ganz seltsame Zeichnung. Irgendwie geometrisch. «Dem haben sie das Fell geschoren. Damit es nicht so schwitzt», wird mir erklärt. Auch auf meine Frage, weshalb sie den Rössern diese weissen Socken über die Ohren gestülpt haben, bekomme ich von den Mädchen prompt eine kompetente Antwort. «Das nennt man Ohrengarn. Es schützt sie gegen die Fliegen.»

Wir gönnen uns noch vier Durchgänge des Familienspringens, bei dem Eltern und Kinder jeweils im Zweierteam antreten. Innert Minuten fiebern wir alle drei heftig mit den Reitsportlern mit, die sich durch den Parcours kämpfen. «Die sind superschnell, gell?» – «Ja. Und bis jetzt fehlerfrei.» – «Nur noch zwei Hindernisse, dann haben sie es geschafft.» Wer das Turnier schlussendlich gewonnen hat, wissen wir nicht. Wir mussten uns vorher auf den Heimweg machen. Eines ist aber klar: Es braucht keine zehn Pferde, um mich wieder einmal zu einem Reitevent zu bringen.

Das Springreitturnier Mercedes-Benz CSI im Zürcher Hallenstadion dauert noch bis Sonntagabend 18 Uhr. Hintergrundberichte vom Weltcupspringen lesen Sie am Montag im «Tages-Anzeiger». (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 30.01.2016, 21:22 Uhr)

Stichworte

Artikel zum Thema

Jessica Kürtens letzter Ritt im Tanzsaal

Die Springreiterin aus Irland beendet nach dem CSI Zürich ihre Sportkarriere. Sie wird künftig andere Reiter ­trainieren, darunter auch zwei Schweizer. Mehr...

Fünfsternluxus für Pferde

Das Emirat Katar investiert riesige Summen in die Reitsportanlage Al Shaqab und lockt damit die besten Pferdesportler in die Wüste. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

TA Marktplatz

Werbung

Blogs

Sweet Home Ideen, die die Wohnung grösser machen

Beruf + Berufung Das saubere Auto aus der Cardinal-Brauerei

Die Welt in Bildern

Stolze Mama: Walross-Mutter Arnaliaq zeigt in Quebec ihren Nachwuchs (26. Mai 2016).
(Bild: Jacques Boissinot) Mehr...