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Wahrzeichen der Industrie oder Betonklotz mit Schattenwurf?

Ein Ja zum 120-Meter-Silo der Swissmill im Kreis 5 sei ein Bekenntnis zur Industrie, sagt Min Li Marti, Gemeinderätin der SP. Richard Wolff, AL, sagt Nein: Die Industrie gehöre ohnehin in die Agglomeration.

Links das Silo, das aufgestockt werden soll: Richard Wolff und Min Li Marti vor der Stadtmühle.

Links das Silo, das aufgestockt werden soll: Richard Wolff und Min Li Marti vor der Stadtmühle.
Bild: Nicola Pitaro

Ein Betonbau ohne Fenster: So soll das neue Silo aussehen. (Bild: Visualisierung Swissmill)

Abstimmung vom 13. Februar

Anwohner wehren sich gegen 120-Meter-Silo an der Limmat

Swissmill, eine Tochterfirma von Coop, betreibt im Kreis 5 einen Mühlbetrieb mit 75 Arbeitsplätzen; die Mühle besteht seit 1843. Nun will das Unternehmen sein 40 Meter hohes Kornhaus auf 118 Meter erhöhen. Das ist laut dem Unternehmen nötig, weil es ein Lager in Basel aufgegeben hat.

Für die Erhöhung des Silos ist ein Gestaltungsplan notwendig, weil am Standort lediglich 40 Meter hoch gebaut werden dürfte. Am 15. September 2010 hat der Gemeinderat dem privaten Gestaltungsplan Kornhaus Swissmill mit 104 zu 10 Stimmen deutlich zugestimmt. Dagegen waren die Vertreter von AL und SD sowie einzelne Grünliberale und Grüne. Der Quartierverein Wipkingen und Anwohner haben das Referendum gegen den Entscheid ergriffen. Die Vorlage kommt am 13. Februar zur Abstimmung. Die Ja-Parole beschlossen haben bisher SP, SVP, FDP und Grüne. Die anderen Parteien fassen ihre Parolen in den nächsten Tagen.(gg)

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Frau Marti, es wirkt absurd: An bester Lage in der Stadt Zürich will ein Mühlbetrieb sein Getreidesilo auf 120 Meter erhöhen. Weshalb stimmen Sie dem Vorhaben zu?
Marti: Das Ja ist für mich ein Bekenntnis zum Industriestandort Zürich. Im Zuge der Finanzkrise sprach man viel über das Klumpenrisiko, das die Finanzbranche für unsere Stadt darstellt. Deshalb müsse die Stadt andere Wirtschaftsbereiche stärken. Dazu gehört die Industrie. Wenn ein Industriebetrieb mit Tradition – die Mühle besteht seit 1843 – in einem Industriequartier investieren will, dann wäre es ein fatales Zeichen zu sagen: Nein, die Industrie ist in Zürich nicht mehr erwünscht.

Herr Wolff, Sie arbeiten im Bereich der Stadtentwicklung und bezeichnen sich als Urbanisten. Gerade ein Urbanist müsste doch der Durchmischung der Stadt und damit der Industrie Sorge tragen. Warum tun Sie das nicht?
Wolff: Es geht nicht um die Frage: Industrie ja oder nein; ich bin überhaupt nicht gegen den Standort der Swissmill am Sihlquai. Ich bin nur dagegen, dass das Unternehmen dort ein 120 Meter hohes Silo baut. Die Arbeitsplätze sind nicht gefährdet, wenn Swissmill das Silo nicht aufstockt. Aber ich sehe tatsächlich nicht ein, weshalb man die Industrie, die sich generell vom Zentrum in die Agglomeration verlagert, à tout prix im Kreis 5 behalten will. Das ist nicht der ideale Standort. Swissmill liefert das Getreide mit der Bahn an, dann transportiert sie das Mehl mit Lastwagen in die Verteilzentren ausserhalb der Stadt. Dann wird es wieder in die Stadt hineingefahren zu den Läden. Das ergibt weder ökologisch noch betriebswirtschaftlich Sinn.
Marti: An der Weglieferung mit Lastwagen würde sich auch nichts ändern, wenn das Silo im Mittelland stehen würde. Swissmill ist ein ökologisch vorbildliches Unternehmen, das auf die Bahn setzt und Solarenergie einsetzt. Und das Unternehmen hat sicher gute betriebswirtschaftliche Gründe, sich für die Aufstockung zu entscheiden. Wir sind nicht die Richtigen, um diese Entscheidung infrage zu stellen.

Herr Wolff, ergibt es wirklich Sinn, die Industrie in die Agglomeration zu verlagern?
Wolff: Ja, natürlich. Die Transportzüge würden die S-Bahn und die Trams nicht mehr behindern, und die grossen Lastwagen müssten nicht mehr mitten durch die Stadt fahren, über das Sihlquai, über die Rosengartenstrasse, über die Pfingstweidstrasse. In diesem konkreten Fall hier muss man abwägen zwischen den Vor- und Nachteilen: Als Vorteil schaut vielleicht eine Gewinnoptimierung bei Swissmill heraus – sonst ist da wenig. Nachteile gibt es aber einige: Da wäre der Schattenwurf auf das Quartier und die Badeanstalt Unterer Letten, einen der wenigen Freiräume im Quartier. Und, meiner Ansicht nach noch wichtiger: Die Stadt geht hart an die Limite des rechtlich Zulässigen. Der vor fünf Jahren ausgearbeitete Hochhausplan der Stadt Zürich legt für dieses Gebiet eine maximale Gebäudehöhe von 40 Metern fest. Und Zürichs Hochhausleitbild sagt, dass man gar kein Hochhaus bauen darf direkt neben einem Freiraum wie der Limmat. Diese Vorgaben werden mit dem Gestaltungsplan für das Silo ohne grosse Not verletzt. Man kommt Swissmill sehr, sehr weit entgegen. Meiner Ansicht nach ist das eine falsche Anwendung des Mittels Gestaltungsplan.

Hebeln Stadt- und Gemeinderat mit dem Gestaltungsplan für das Silo das geltende Recht aus?
Marti: Mit dem Gestaltungsplan kann man von den Vorgaben abweichen – für genau solche Fälle wie das Silo gibt es ihn. Er ist demokratisch legitimiert: Der Gemeinderat entscheidet, und es gibt die Möglichkeit des Referendums – deshalb kommt es zur Volksabstimmung.

Lediglich zehn Gemeinderäte stimmten gegen das Vorhaben. Das Referendum ergriffen haben der Quartierverein Wipkingen und Anwohnergruppierungen. Herr Wolff, Sie leben selbst in Wipkingen. Politisieren Sie nach dem Sankt-Florians-Prinzip: Urbanität ist gut, aber nicht vor meiner Haustür?
Wolff: Ich wohne im Quartier. Mein Wohnhaus ist nicht betroffen, aber mein Aussenraum schon, vor allem die Badi Unterer Letten. Aber es geht weiter als das, es geht um ein allgemeines Prinzip: Wenn man diesem Vorhaben zustimmt, dann öffnet das Tür und Tor für ähnliche Projekte an anderen Orten in der Stadt. Jeder kann dann argumentieren, dass sein Bauvorhaben im öffentlichen oder höheren Interesse stehe. Beim 120-Meter-Silo gibt es keinen Mehrwert für die Öffentlichkeit, aber mit Sicherheit einen Verlust. Das ganze Stadt- und Landschaftsbild ist davon betroffen.

Frau Marti, ist der Eingriff ins Stadtbild nicht zu gross?
Marti:Die Badi Unterer Letten entstand in einem Industriequartier, das gehört seit je zu ihrem Charme. Das Silo macht weder die Badi noch den Naherholungsraum kaputt. Der Schattenwurf ist zwar da, das hat niemand bestritten. Man muss aber die Dimension sehen: Ab 16 Uhr ist es jeweils für eine Stunde in Teilbereichen der Badi schattig, und es gibt immer noch Sonnenplätze. Schatten ist übrigens nicht nur schlecht. Die Kinder werden ja heute mit Sonnencreme Schutzfaktor 40 eingestrichen und tragen 10 Hütchen.
Wolff: Aber doch nicht nach 16 Uhr! Da ist man froh um ein bisschen Sonne. Und genau ab dann liegt das Kinderbad im Schatten, später die anderen Bereiche. Das ist eine starke Beeinträchtigung. Swissmill hat den Betrieb in Zürich in den letzten Jahren zur modernsten und grössten Mühle der Schweiz ausgebaut. Das hat uns nie gestört. Aber dieser Betonturm, das ist zu viel! Interessant ist, warum Swissmill in Zürich aufstocken will. Sie hat ihren Speicher in Basel an die Novartis verkauft, damit diese den Forschungscampus ausbauen konnte. Dafür hat Swissmill sicher viel Geld bekommen. Und nun wollen sie stattdessen einfach einen 120 Meter hohen Klotz an die Limmat stellen? Da sind wir dagegen.

Es scheint in letzter Zeit ein Prinzip in der Stadt zu sein, dass jedes grössere Neubauvorhaben auf Widerstand stösst.
Wolff: Nein, das stimmt nicht. Ganz Neu-Oerlikon ist gebaut worden, neue Teile von Affoltern, ganz Zürich-West, und eigentlich alles ohne Einsprachen. Das Stadion ist eine spezielle Geschichte, gleich wie das Kongresszentrum, dieser Klotz am See, den mehr als die Hälfte der Zürcher abgelehnt haben. Es war das falsche Projekt am falschen Ort. Und das ist jetzt wieder der Fall.
Marti: Das Projekt ist das richtige für diesen Ort, das Industriequartier. Man kann doch die Industrie nicht daraus verbannen!
Wolff: Es ist eine Ballenberg-Sicht, wenn man denkt, man müsse ein bisschen Industrie hier behalten, damit der Kreis 5 noch bunter und abwechslungsreicher ist. Eine Studie des Nationalfonds hat vor kurzem gezeigt, dass der wichtigste Faktor für die Wahl des Wohnorts der Aussenraum ist. Mit dem Silo wird nun ohne zwingenden Grund ein Aussenraum abgewertet, und zwar mitten in der Stadt.
Marti: Die Aussenräume in der Stadt und an der Limmat sind in den letzten Jahren stark aufgewertet worden, denken Sie nur an den Wipkingerpark! Mir gefällt das schlanke Silo. Zudem ist Swissmill durch den Gestaltungsplan gezwungen, einen Uferweg neben der Mühle anzulegen. Der Aussenraum gewinnt also sogar dazu.
Wolff: Über Ästhetik zu diskutieren, ist wahnsinnig schwierig. Die Skyline von Hongkong gefällt mir auch extrem gut, aber das ist ein Touristenblick. Dass mitten in einem globalen Finanzplatz ein Mehlsilo gebaut wird, welches das zweithöchste Haus der Stadt und das grösste Silo der Welt wird, ist bizarr.
Marti: Ich habe keine Angst vor einem Getreidesilo als Wahrzeichen Zürichs. Vielleicht sind wir schon bald froh, wenn das produzierende Gewerbe auch in Zukunft in Zürich bleibt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.01.2011, 21:12 Uhr

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10 Kommentare

Leopold Küttel

12.01.2011, 22:03 Uhr
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@Andreas Egli: Tolle Argumentation. Einerseits rechtfertigen ein paar Arbeitsplätze nicht jeden Unsinn (oder gesetzesbruch, wie auf dem Üetli. Andererseits wird mit dem Getreide-Silo nicht ein einziger Arbeitsplatz geschaffen. Antworten


Daniel Zehnder

12.01.2011, 20:11 Uhr
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Wipkingen ist ein lebendiges Stadtquartier mit viel Lebensqualität. Allerdings muss das Quartier unterdessen viel Lärm und Luftverschmutzung ertragen (Rosengartenstrasse, Sanierung Hardbrücke etc.). Umso wichtiger sind Naherholungsräume wie das Limmatufer. Dass dieser Silo am Feierabend die Badi Unterer Letten beschatten wird, macht mich wütend. Deshalb NEIN zu diesem absurden Bauvorhaben! Antworten


Walter Huber

12.01.2011, 14:48 Uhr
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Ja, in Asien gibt es schöne Hochhäuser, doch dieser Silo ohne Fenster ist ein hässlicher Klotz, der einfach nicht so nah an die Limmat und Altstadt gehört. Antworten


Rudolf Isler

12.01.2011, 14:31 Uhr
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An sich bin ich für Verdichtung, aber dieses Projekt sollte man unanbhängig vom politischen Standpunkt ablehnen. Die genannten Einwände sind wirklich zu gravierend. Kommt dazu, dass sich der Quartierverein zu Recht wehrt. Bei solchen Grossprojekten hätte die Quartierbevölkerung einbezogen werden müssen: heute in Wipkingen - und morgen in Altstetten, übermorgen im Seefeld. Deshalb nein! Antworten


Walter Grob

12.01.2011, 13:59 Uhr
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Das vorliegende Projekt hat nichts mit links oder rechts und auch nichts mit Verhinderung zu tun,sondern viel mehr mit gesundem Menschenverstand, Herr Wyler. Wie der Vertreter der AL erwähnt hat, höhlt dieser Gestaltungsplan die bestehenden Baugesetze in zweifacher Hinsicht aus, und schafft ein Präjudiz für weitere fragwürdige Projekte in der ganzen Stadt. Das nächste mal vieleicht vor ihrem Haus. Antworten


Thomas Schmid

12.01.2011, 11:41 Uhr
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Rational betrachtet macht es nicht wirklich viel Sinn, ein Silo derart in die Höhe zu bauen. Ich bin sehr dafür, dass wir sorgsam mit unserem Boden umgehen, also auch sehr dafür, dass wir stark vertikal bauen. Aber je nach Bedürfnis! Mensch brauchen Licht - also nach oben. Getreide nicht - also in die Tiefe damit. Eigentlich logisch. Alles andere wäre Vergeudung von wertvollem Raum. Antworten


john Kraft

12.01.2011, 10:17 Uhr
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Herr Wyler, es ist eben nicht ein 'Hochhaus', sondern ein Silo. Ich bin auch dafür, dass ZH mehr Hochhäuser baut, auch mir gefallen sie. Aber Silos? Das wirkt für mich nicht städtisch, sondern eher wie die ultimative Manifestation des Bauerntums. Antworten


Peter Zweig

12.01.2011, 09:26 Uhr
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Dieser Gestaltungsplan ist rechtswidrig, da kein öffentliches Interesse besteht, im Gegenteil. Das Amt für Städtebau und die prüfenden Komissionen haben versagt. Das AfS ist noch stark von der Ära Ledergerber-Martelli geprägt, wo städtebauliche Inkompetenz zu zahlreichen urbanistischen Fehlplanungen geführt hat. Hauseigentümer und Steuerzahler haben das nicht verdient. Keine Aushebelung der BZO! Antworten


Andreas Egli

12.01.2011, 08:47 Uhr
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Niemand will die Nachteile von Gewerbe und Industrie, aber alle jammeren über Jugendarbeitslosigkeit. Wir sollten uns bewusst sein, dass es auch in Zukunft Jugendliche gibt, die weder die Gymiprüfung bstehen noch eine KV-Lehre erhalten.Wir brauchen auch in der Stadt Bäckereien, Lager, Schreinereien etc. - auch wenn sie etwas Lärm und etwas Schatten produzieren. Antworten


Markus Wyler

12.01.2011, 08:01 Uhr
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"Schattenwurf", das Lieblingswort der notorischen Verhinderer von Links- und Rechtsaussen (AL-SD). Die können sich schon gar nicht vorstellen, dass ein Städter ein neues Hochhaus nicht als Abwertung, sondern als eine Aufwertung des Aussenraums einstuft. Wer den Charme der "sonnendurchfluteten" Häuschenhalden vermisst, kann sich doch einfach auf dem Land bzw in der Agglo niederlassen. Antworten



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