Was ist bei Mörgeli geheim?

Die Universität Zürich hat der Staatsanwaltschaft geholfen, das Leck in der Causa Mörgeli zu finden. Weniger weit sind die Ermittler im Fall von Drohungen gegen den Institutsleiter.

Wehrt sich mit allen Mitteln: Christoph Mörgeli informiert die Medien am 16. November 2012 über seine Kandidatur als Uni-Rektor.

Wehrt sich mit allen Mitteln: Christoph Mörgeli informiert die Medien am 16. November 2012 über seine Kandidatur als Uni-Rektor. Bild: Keystone

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«Mitarbeitende des Kantons sind zur Verschwiegenheit über dienstliche Angelegenheiten verpflichtet, die ihrer Natur nach oder gemäss besonderer Vorschrift geheim zu halten sind», steht im Personalgesetz. Diesem Amtsgeheimnis unterliegt aus Sicht der Uni Zürich auch der 30-seitige akademische Bericht des Medizinhistorischen Instituts und Museums 2011, der Konservator Christoph Mörgeli schwer belastet.

Die Ausstellung sei teilweise fehlerhaft und unzweifelhaft veraltet, schrieb darin Mörgelis Chef Flurin Condrau. Über Wochen war das vernichtende Urteil im Intranet der Uni aufgeschaltet, Dutzende Mitarbeiter konnten den Bericht lesen. Trotzdem stufte ihn die Uni-Leitung als vertraulich ein – weil er «noch nicht freigegeben war».

Strafanzeige der Uni

Zwei Tage, ehe sie den SVP-Nationalrat wegen «ungenügender Leistungen» und Illoyalität freistellte, reichte die Uni Strafanzeige ein. Sie wollte wissen, wer dem TA interne Dokumente über Mörgeli weitergegeben hatte. Den Akademischen Bericht gab die Unileitung anschliessend zur Veröffentlichung frei. Das Gutachten des Sozialhistorikers Robert Jütte, der in Mörgelis Museum auf verstaubte Knochen und Ungeziefer gestossen war, hielt sie dagegen weiter unter Verschluss.

Nicht einmal zwei Monate später scheint Staatsanwalt Andrej Gnehm das Leck gefunden zu haben: Er hat den «dringenden Tatverdacht», dass zwei Angestellte des Medizinhistorischen Instituts das Amtsgeheimnis verletzt haben. Die Uni hat beide suspendiert.

Spuren verwischen unmöglich

Die Uni selbst hatte laut Insidern massgeblichen Anteil daran, dass die Ermittler rasch fündig wurden: Ihre IT-Abteilung soll der Polizei Zugang zu verdächtigem Telefon- und Datenverkehr verschafft haben. Razzien bei den Verdächtigen führten die Ermittler erst letzte Woche durch. Es sei fast unmöglich, solche Spuren nachträglich zu verwischen, sagte Gnehm der NZZ. «Die Staatsanwaltschaft verfügt über geeignete Mittel, elektronische und telefonische Daten auch nachträglich zu erheben.»

Der schnelle Ermittlungserfolg stiess auf ein geteiltes Echo. SVP-Vertreter, welche die Staatsanwaltschaft wegen des Verfahrens gegen Christoph Blocher in der Hildebrand-Affäre noch scharf kritisiert hatten, rieben sich die Hände. «Die Zürcher Justiz steckt zwei Mörgeli-Mobber ins Chefi. Wer hätte das gedacht?», twitterte Kantonsrat Claudio Zanetti. Ein WOZ-Journalist fragte sich dagegen: «Wenn Mörgeli von politischem Komplott redet, meint er damit, dass Staatsanwalt Gnehm SVP-Mitglied ist?»

Der Bassersdorfer Andrej Gnehm (37) gehört tatsächlich der gleichen Partei an wie Mörgeli. Er sass im Komitee, das Blochers Wahl in den Ständerat unterstützte und tat das auch in Inseraten kund. Beruflich machte er Schlagzeilen, weil er gegen türkische Genozid-Leugner vorging und den Mann anklagte, der in Winterthur seinen Sohn erstickt hatte.

Politischer Hintergrund bedeutungslos

Laut dem Leitenden Staatsanwalt Hans Maurer hat aber die Parteizugehörigkeit «überhaupt keine Rolle gespielt», als die Staatsanwaltschaft I Gnehm den Fall zuteilte. «Entscheidend war vielmehr, wer gerade Kapazitäten für diese Untersuchung hatte.» Das Parteibuch spiele nur dann eine Rolle, wenn gegen einen Parteiexponenten ermittelt werde: «So kommt es wegen möglicher Befangenheit nicht infrage, dass ein FDP-Staatsanwalt gegen ein FDP-Mitglied ermittelt.» Weil es sich bei Mörgeli um den Geschädigten handelt, sei hingegen Gnehms politischer Hintergrund bedeutungslos. So habe es auch nicht am Vorgehen des Strafverfolgers gelegen, dass die Verdächtigen eine Nacht im Gefängnis verbringen mussten. Der Staatsanwalt wollte so lediglich verhindern, dass die beiden sich absprechen oder Beweise verschwinden lassen konnten.

Zumindest vorläufig hat Flurin Condrau die Leitung des Instituts abgegeben – was die Uni für den «richtigen Schritt» hält, wenn gleichzeitig eine Strafuntersuchung gegen seine Mitarbeitenden laufe. Gestern liess er auch seine Vorlesung ausfallen. Doch es gab weitere Gründe für Condraus Rückzug: Seit Mörgelis Rauswurf wurde er angefeindet und erhielt zahlreiche E-Mails mit Drohungen. «Drohungen sind belastend und haben möglicherweise eine Rolle gespielt», sagt Unisprecher Beat Müller. Condrau hat Anzeige gegen unbekannt eingereicht. Doch da ist die Polizei viel weniger weit als Gnehm bei seiner Suche nach dem Leck: Der Fall ist noch nicht mal bei der Staatsanwaltschaft hängig. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 21.11.2012, 07:28 Uhr)

Das wahre Ziel der Kandidatur als Unirektor

Mörgeli versucht mit seinem Ausstandsbegehren, den Unirat für die Rektorenwahl handzahm zu machen.

Dass der von der Universität abgehalfterte Christoph Mörgeli im nächsten Sommer Rektor wird, glaubt wohl nicht mal er selbst. Nur Kulisse und Theaterrauch ist seine 42-seitige Bewerbung aber nicht. Denn der Medizinhistoriker verfolgt in Tat und Wahrheit eine ziemlich ausgeklügelte Taktik, um die angeblich linke Uni zurück auf bürgerliche Pfade zu bringen. Deshalb will er bei der Wahl des neuen Rektors im nächsten Sommer die beiden aufmüpfigsten Frauen im siebenköpfigen Wahlorgan – dem Universitätsrat – ausschalten: Regierungsrätin Regine Aeppli und CVP-Nationalrätin Kathy Riklin.

Dies ist der Grund, weshalb Mörgeli beim Unirat ein Ausstandsbegehren für Aeppli und Riklin gestellt hat. Seine Begründung: Die beiden Frauen hätten ihn mit teils persönlichkeitsverletzenden öffentlichen Äusserungen vorverurteilt. Deshalb dürften die beiden – so Mörgeli – bei der Auswahl und der Wahl des neuen Rektors nicht mitstimmen. Sollte er mit diesem Begehren durchkommen, verblieben im Unirat noch fünf Personen: Kulturjournalistin Barbara Basting (TA, Radio und Fernsehen), Economiesuisse-Vertreter Ulrich Jakob Looser, der Berner Physiologie-Professor Hans-Rudolf Lüscher, SVP-Mitglied und Alt-Bankratspräsident Urs Oberholzer sowie NZZRedaktor Christoph Wehrli. Mit Ausnahme von Oberholzer ist keines der vier Mitglieder klar parteigebunden.

FDP hat es auch schon versucht

In der Findungskommission unter Leitung von Oberholzer sitzen gut zehn Personen, darunter die Vertreter der Unifakultäten. Sie erarbeiten eine Liste mit «mindestens zwei Kandidaten», die vom Unirat genehmigt und zur Antragsstellung dem Senat weitergeleitet wird. Wahlorgan ist dann wieder der Unirat. Während all dieser Schritte sollen – wenn es nach Mörgeli geht – Regine Aeppli und Kathy Riklin ausgeschlossen werden.

Ob Aeppli und Riklin in den Ausstand treten müssen, kann der Unirat voraussichtlich selber entscheiden, allerdings ohne die beiden Betroffenen. Nächsthöhere Instanz ist der Regierungsrat.

Das Anliegen, die Bildungsdirektorin aus dem Unirat zu drängen, ist nicht neu. Das versucht seit 2008 die FDP mit dem Argument, Aeppli beaufsichtige sich quasi selber. Die FDP-Motion wurde allerdings im März 2011 im Kantonsrat knapp abgelehnt. Gegen die Motion war – neben der SP – ausgerechnet die SVP. Das Argument von SVP-Bildungsexperte Matthias Hauser im Kantonsrat: «Falls es an der Uni – Gott bewahre – zu Misswirtschaft oder anderen Skandalen kommt», werde die SVP nicht zögern, die Verantwortung der Regierungsrätin zu betonen «und Konsequenzen zu fordern». (Ruedi Baumann)

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