Waser: «Überlebenshilfe gesetzlich verankern»

Die Drogenanlaufstellen der Stadt Zürich sind weiter nötig, müssen sich aber neu ausrichten, sagt Sozialvorsteher Martin Waser. Und wirbt für ein Ja zur Revision des Betäubungsmittelgesetzes.

In den vier stdtischen Kontakt- und Anlaufstellen (im Bild Selnaustrasse) ist der Konsum harter Drogen gestattet.

In den vier stdtischen Kontakt- und Anlaufstellen (im Bild Selnaustrasse) ist der Konsum harter Drogen gestattet. Bild: Reto Oeschger

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Derzeit sorgen die Probleme mit Drogenhändlern an der Langstrasse für Schlagzeilen. Gestern Abend rückte für einmal wieder die Situation der Drogenabhängigen ins Zentrum des Interesses. Anlass war die Präsentation eines Berichts des Sozialdepartements über die Überlebenshilfe, eine wichtige Säule der städtischen Drogenpolitik. Der Bericht stützt sich auf eine Umfrage unter Benützern der städtischen Kontakt- und Anlaufstellen (K&A). In den vier Gassenzimmern Selnau, Kaserne, Oerlikon und Brunau ist der Konsum von selbst mitgebrachtem Heroin oder Kokain erlaubt.

Laut Stadtrat Martin Waser (SP) haben die K&A einen wichtigen Beitrag zur Überwindung der offenen Drogenszene geleistet und sind weiter unverzichtbar. Doch die Überlebenshilfe brauche neue Impulse, da sich der Suchtmittelkonsum verändert habe. Allein den risikoarmen Konsum in Einrichtungen zu ermöglichen, reiche heute nicht mehr. Vielmehr müssten sich die K&A verstärkt um die soziale Integration der Benützer kümmern.

800 Personen in den Anlaufstellen

Rund 800 Personen suchen gemäss dem Bericht regelmässig die Drogenanlaufstellen auf, für welche die Stadt jährlich vier Millionen Franken ausgibt. 80 Prozent der Besucher sind schweizerischer Herkunft, 23 Prozent Frauen. Das Durchschnittsalter liegt bei 38 Jahren, vor zehn Jahren lag es noch bei 31 Jahren. 88 Prozent der Benützer verfügen über einen festen Wohnsitz, knapp die Hälfte ist in einem Methadonprogramm, ein Drittel geht einer Erwerbstätigkeit nach. Deutlich zurückgegangen sind laut der Umfrage die Einkünfte durch Beschaffungsdelikte: Hatten 1997 noch drei von zehn Personen illegale Einkünfte angegeben, war es 2007 nur noch jede zehnte.

Laut Michael Herzig, Leiter des Bereichs Sucht und Drogen, entspricht das Angebot der Anlaufstellen weitgehend den Bedürfnissen der Drogenabhängigen. Diese suchten sie primär deshalb auf, weil sie dort Drogen unter kontrollierten und hygienischen Bedingungen konsumieren können, ohne von der Polizei gebüsst zu werden. Die Benützer möchten aber häufiger in der Einrichtung arbeiten und mehr Verantwortung im Betrieb übernehmen.

Für Herzig leidet die Überlebenshilfe derzeit unter einem Glaubwürdigkeitsproblem. Mit dem Verschwinden der offenen Szene sei auch der unmittelbare Beweis für ihre Notwendigkeit entfallen. Stattdessen mehrten sich Vorwürfe, die «Sozialindustrie» halte vorab sich selber am Leben. Deshalb müsse die Drogenhilfe nicht nur ihren Nutzen für die Allgemeinheit – Verhinderung von offenen Szenen und Beschaffungskriminalität – stärker hervorheben, sondern sich auch laufend der veränderten Situation anpassen.

Drogeneinrichtungen nicht schuld

Herzig wehrte sich zudem gegen den Vorwurf, die aktuellen Dealerprobleme im Langstrassenquartier hätten mit einer Häufung von Drogenhilfe-Einrichtungen im Kreis 4 zu tun. Dies treffe nicht zu. Weiter verteidigte er die Gassenzimmer gegen die oft geäusserte Kritik von Politikern, sie seien nicht auf Abstinenz ausgerichtet. Entzüge und Therapien gehörten ebenfalls ins Repertoire, aber Abstinenz könne nicht immer das einzige Ziel sein, es gehe primär um die Verbesserung der sozialen und gesundheitlichen Situation, um weitere Integrationsschritte erst zu ermöglichen.

Stadtrat Waser nutzte die Buchpräsentation, um im Hinblick auf die Volksabstimmung über das revidierte Betäubungsmittelgesetz vom 30. November für ein Ja zu werben. Die Überlebenshilfe sei mittlerweile zwar ein professionelles sozial-medizinisches Angebot, aber nach wie vor nicht gesetzlich verankert. Dies soll ein Ja zur Revision ändern. Gleichzeitig würde damit auch die ärztliche Heroinabgabe definitiv festgeschrieben. «Es ist für die Stadt Zürich mit ihrer Geschichte ganz wichtig, dass die Revision des Betäubungsmittelgesetzes angenommen wird», sagte Waser. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.09.2008, 08:31 Uhr

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