Zürich

Waser beerdigt IT-Flop, der Millionen kostet

Von Peter Aeschlimann. Aktualisiert am 04.10.2011 55 Kommentare

Das neue Informatiksystem für das Sozialdepartement ist nicht mehr zu retten. Stadtrat Martin Waser (SP) zieht dem 30-Millionen-Projekt den Stecker.

Hat genug von Elusa: Stadtrat Martin Waser.

Hat genug von Elusa: Stadtrat Martin Waser.
Bild: Keystone

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Wenn beim PC Hopfen und Malz verloren sind, hilft oftmals nur noch die Tastenkombination Ctrl, Alt und Delete. Damit erzwingt man ein Runterfahren abgestürzter Programme und bringt in der Regel einen Rechner wieder zum Rechnen. Den «Affengriff» im übertragenen Sinn verwendete jetzt auch Stadtrat Martin Waser. Der Vorsteher des Sozialdepartements stoppte das problembehaftete IT-Projekt Elusa, ehemals Famoz.

Grund: Die Fertigstellung des Informatiksystems wäre nicht in den angepeilten zwei Jahren möglich gewesen. Und es wäre nochmals teurer geworden. Das hat eine neue Offerte der verantwortlichen IT-Firma ergeben. Weil das Parlament diese Kröte wohl nicht geschluckt hätte, zog Waser die Notbremse: «Kosten und Nutzen standen einfach in keinem Verhältnis mehr.»

Zu drei Vierteln funktionierts

Die noch im letzten Juli vom Stadtrat bewilligten 6 Millionen Franken können nun gespart werden. Elusa hat demnach «nur» rund 15 Millionen mehr gekostet, als ursprünglich geplant. 2006 betrug der Kredit 11,4 Millionen Franken, wurde mehrfach erhöht und belief sich zuletzt auf 29,3 Millionen. Die Software funktioniert derzeit bloss zu drei Vierteln. «Wir haben nicht erreicht, was wir wollten. 75 Prozent der Funktionen laufen aber soweit stabil», sagt Waser. 780 Angestellte des Sozialdepartements verwenden das System. Teils seien zwar Kniffe nötig, um mit den Programmen zurechtzukommen. «Aber wir müssen halt mit dem leben, was wir haben», so Waser.

Von einem «ziemlichen Trümmerhaufen» spricht Gemeinderat Roger Tognella. «Ich habe mich fast am Kaffee verschluckt, als ich am Morgen davon erfuhr.» Dennoch ist es für den FDP-Fraktionschef der «politisch einzig gangbare Weg für Zürich». Das Parlament habe im Sommer der Weiterentwicklung von Elusa nur widerwillig zugestimmt. «Es wurde uns damals versprochen, dass man die Sache im Griff hat.» Der Imageschaden für die Spezialisten in der Verwaltung sei enorm.

«Lieber spät als nie»

«Elusa ist ein Desaster ohnegleichen», sagt Gemeinderat Mauro Tuena (SVP). Deshalb sei es richtig, dass Waser einen Schlussstrich gezogen hat: «Lieber spät als nie.» Sein Vertrauen sei aber stark angeritzt, sagt Tuena, «es würde mich nicht wundern, wenn weitere Hiobsbotschaften folgen würden.» Tuena und Tognella gehen beide davon aus, dass sich die Geschäftsprüfungskommission des Gemeinderats nochmals vertieft mit dem Fall Famoz/Elusa auseinandersetzen wird. Dem sieht Waser gelassen entgegen: «Wir haben stets völlig transparent informiert und nichts beschönigt.»

«Sehr erstaunt» über den Entscheid ist Gemeinderätin Jacqueline Badran (SP). Die IT-Unternehmerin fragt sich, ob es für Angestellte zumutbar ist, mit einer halb fertigen Software arbeiten zu müssen. Und: «Wenn jeder Prozess ein paar Minuten länger dauert, wird es auch schnell sehr teuer.» Ihre Parteikollegin Min Li Marti nennt Elusa eine «unglückliche Geschichte». Waser habe die Übung aber bestimmt nicht leichtfertig abgebrochen. «Offenbar gabs einfach keine Hoffnung mehr.»

Kosten für Support halbiert

Elusa bleibt voraussichtlich bis 2019 im Dienst. Dann läuft der Wartungsvertrag mit den Softwareentwicklern aus. Welches System danach Elusa ersetzen wird, ist derzeit offen. Man werde sich auf dem Markt umschauen müssen, sagt Martin Waser. Roger Tognella favorisiert eine standardisierte Variante, wie sie etwa in Winterthur zum Einsatz kommt. Eigenentwicklungen seien zwar schön, dafür habe man danach ein Tool, das wahnsinnig viele Kosten verursache.

Famoz wurde 2006 ins Leben gerufen, um vier Systeme zu ersetzen: jene für Sozialhilfe, Jugend- und Familienhilfe, vormundschaftliche Massnahmen und Alimentenwesen. Jährlich steuert das 2010 in Elusa umgetaufte Programm die Auszahlung von über 350 Millionen Franken. Als Teilerfolg bezeichnet Waser die Tatsache, dass die jährlichen Supportkosten gegenüber der abgelösten Applikation von 1,64 Millionen Franken auf 734'000 Franken halbiert werden konnten. Jene Angestellten, die auf Departementsseite das Projekt mit entwickelt haben, werden nach dem ordentlichen Abschluss ihre angestammten Arbeitsplätze wieder einnehmen. Laut Martin Waser gibt es sonst keine personellen Konsequenzen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.10.2011, 10:55 Uhr

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55 Kommentare

Maximilian Gerber

04.10.2011, 11:23 Uhr
Melden 27 Empfehlung

Die wesentlichen Fragen sind hiermit aber nicht beantwortet:
a) welche IT-Firma war für die Entwicklung des Systems zuständig?
b) wer ist für den Schaden verantwortlich?
c) welche weitere Schritte gedenkt das Departement zu unternehmen, um den finanziellen Schaden zu minimieren?
Antworten


Felix Eichmann

04.10.2011, 11:44 Uhr
Melden 22 Empfehlung

Wieso spannen nicht mehrer Städte in der Schweiz zusammen, machen ein "Opensource"-Projekt aus dieser Software. Wäre viel günstiger wenn der Staat die Löhne für die Programmierer selbst bezahlt als irgendeinem profitgeilen Unternehmen Geld in den A zu schieben, und nicht mal sich durchsetzen können. Wo ist die Vernunft in der Verwaltung? Korruption, Bestechung oder Inkompetenz fallen mir ein... Antworten



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