Zürich

«Weil viele zu Hause keinen Respekt mehr lernen»

Von Felix Schindler. Aktualisiert am 07.10.2011 37 Kommentare

Auf der Facebook-Seite «Fertig Puff» diskutieren Jugendliche unter anderem, warum sie nicht ohne Gewalt feiern können. Dabei vertreten einige Junge auch altmodische Meinungen.

Vor den Krawallen am Bellevue: Junge versammeln sich für eine «fette Party» am Stadelhofen.

Vor den Krawallen am Bellevue: Junge versammeln sich für eine «fette Party» am Stadelhofen.

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Knapp einen Monat ist es her, als sich die Unzufriedenheit der Jugendlichen in einem spektakulären Massenauflauf manifestierte, der wenig später in einem wüsten Krawall endete. Seit gestern haben die Jugendlichen ein Forum, in dem sie sagen können, was sie stört, was sie wollen und wie sie sich die Rolle der Polizei wünschen. Direkt, unzensiert und nicht durch die Medien gefiltert.

Die Stadt hat dafür auf Facebook eine Plattform geschaffen. «Wir haben vom Stadtrat den Auftrag erhalten, eine Strategie zum Umgang mit illegalen Partys und Freiräumen zu entwickeln. Dafür wollen wir die Meinungen der direkt Betroffenen kennen. Facebook ist ein geeigneter Kanal dafür», sagt Patrick Pons vom Schul- und Sportdepartement.

«Das Forum ist nicht schlecht angelaufen. Es wird viel diskutiert, es sind einige gute Inputs gekommen.» Zur Diskussion, die die Stadt auf Facebook lanciert hat, sind seit gestern bereits über 100 Beiträge eingegangen. «Bis jetzt zeigt die Diskussion, dass der Wunsch nach Freiräumen gross ist und dass viele Jugendliche ein Problem mit den Preisen in Zürich haben», sagt Pons. Ihn würde es freuen, wenn alle jene Jugendlichen etwas ins Forum schreiben würden, die damals am Bellevue ohne Gewalt eine Botschaft vermitteln wollten.

Forderung nach unorganisierten Räumen

Unter dem Titel «Welche Freiräume fehlen dir in der Stadt Zürich» schreiben tatsächlich mehrere Personen, sie hätten gerne «unorganisierte Räume», nicht kommerzielle Partys, Plätze, an denen man sitzen, reden, trinken, rauchen und Musik hören kann, ohne gleich von der Polizei kontrolliert zu werden. Eine Nutzerin wünscht sich Partys für Jugendliche unter 16 Jahren, dass für sie einige Clubs zwar lange offen haben, ohne aber Alkohol auszuschenken.

In derselben Diskussion wird der Anspruch auf Freiräume gleichzeitig vehement bestritten. Ein User bezeichnet die Jugendlichen als «verwöhnte Kinder, die nur zu arrogant sind, das bestehende Angebot anzunehmen, und beschimpft sie anschliessend gar als «Faschos». Eine Userin scheint nicht daran zu glauben, dass Jugendliche ohne Aufpasser ein gewaltfreies Fest feiern können, «weil viele zu Hause keinen Respekt mehr lernen». Ihr Facebook-Foto lässt darauf schliessen, dass sie im selben Alter ist wie jene, die am Bellevue den Wunsch nach Freiräumen forderten.

Den Jungen eine Chance geben, verantwortlich zu sein

Ein anderer meldet sich allein in dieser Diskussion stolze achtmal, fordert mehrere Male «härteri Strafe» und erklärt jenen, die Freiräume fordern, wie sie ihre Freizeit verbringen sollen. «Mer muss sicher nöd extra Freirüüm mache, das isch lächerlich, s git Wichtigers.»

Auffallend wenige Einträge verzeichnet die Diskussion «Was könnte man machen». Lediglich fünf Kommentare sind eingegangen. Der Erste sticht ins Auge, denn sein Verfasser spricht mit sorgfältig gewählten Worten die Komplexität des Problems an: «Es müsste den Jungen auch die Chance gegeben werden, selbst verantwortlich sein zu können.» Etwas vom Wichtigsten sei, dass nicht gleich Vorschriften zu allem gemacht würden. Ein zweiter Autor schreibt, dass es unabdingbar sei, dass sich die Stadt und die Jungen gegenseitig respektierten.

Die stadträtliche Delegation «Stadtleben im öffentlichen Raum» (SiöR) unter Leitung des Polizeivorstehers Daniel Leupi hat unmittelbar nach den beiden Ereignissen mit der Erarbeitung einer Strategie zum Umgang mit illegalen Partys und Freiräumen begonnen. «Die Meinung der Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist dem Stadtrat in der Erarbeitung dieser Strategie wichtig», betont Stadtrat Daniel Leupi.  (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.10.2011, 12:34 Uhr

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37 Kommentare

Marc Gubler

07.10.2011, 14:37 Uhr
Melden 56 Empfehlung

Freiräume - um Alkohol zu konsumieren, den man in teuren ZH-City-Disco-Schuppen nicht bekommt, da noch keine 16 und die Polizei einen nicht kontrolliert. Aha! Ich sehe diese Freizone schon vor mir - voll mit Kotze, Urin und anderen Sekreten, Abfall über Abfall. Ich gehe davon aus, dass die "Freiräumler" zumindest nichts dagegen haben, wenn die Reinigungsleute am nächsten Tag "für sie" aufräumen! Antworten


Marc Meier

07.10.2011, 14:00 Uhr
Melden 41 Empfehlung

Was heisst hier "vertreten einige Junge auch altmodische Meinungen"? Zum Glück! Betrachtet der Tagi das als negativ, was ist an alten bestehenden Werten schlecht, und ist nur interessant was neu und modern ist? Ich wünschte mir, das alte und bewährte Werte in der Gesellschaft viel mehr Beachtung bekämen. Antworten



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