Wenn Politiker «s Chalb» machen
Von Janine Hosp und Monica Müller. Aktualisiert am 01.02.2010 5 Kommentare
Kalb Leonie posierte am Samstag statt Esel Beppo mit Kathrin Martelli. (Bild: Nicola Pitaro)
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Mit der Einladung, ihnen beim Eselreiten zuzuschauen, lockten die FDP-Frauen am Samstagmorgen Wähler und Presseleute vor das GZ Wipkingen. Doch sie hatten die Rechnung ohne Esel Beppo gemacht. Statt brav auf den Transporter zu trotten, schlug er aus, bockte und weigerte sich, die Fahrt anzutreten. Die FDP-Frauen warteten bereits mit Plakaten auf Brust und Rücken mit den Slogans «Keine Eseleien» oder «gegen Staupolitik- und Paragrafenreiterei».
Biobauer Urs Flückiger konnte auf die Schnelle keinen anderen Esel mobilisieren und lieferte stattdessen Leonie, ein sechs Wochen altes Kalb ab. «Leonie ist hübsch, handlich und nicht allzu wild», versicherte Flückiger. Und so posierten die Gemeinderatskandidatinnen Theresa Hensch, Ursula Uttinger, Tamara Lauber, Beatrice Bänninger und Ursina Pajarol neben Kathrin Martelli und Doris Fiala kurzerhand mit Leonie – und sprachen von Kalbereien statt Eseleien.
Nur was um Himmels willen bringt die FDP-Frauen auf den Esel oder neben das Kalb? Wahrscheinlich haben sie etwas missverstanden, damals, im Sommer 2007, als die Jungen Grünen mit einer Überraschungsaktion ein Thema in die Schlagzeilen brachten, für das sich zuvor keine Menschenseele interessierte; sie posierten nur mit Nummernschildern bedeckt, aber mit perfekt in Szene gesetzten Waschbrettbäuchen vor der Polizeiwache Urania und machten so die Öffentlichkeit darauf aufmerksam, dass sich hinter den Mauern der Polizeiwache Verhaftete nackt ausziehen müssen.
Bastien Girod, früherer Greenpeaceaktivist und heutiger Nationalrat, verriet später das Erfolgsrezept: Um in die Medien zu kommen, muss man ein einprägsames Bild schaffen.
Zu kalt für nackte Posen
Offenbar haben sich viele Kandidatinnen und Kandidaten für Stadt- oder Gemeinderat diesen Ratschlag zu Herzen genommen; in diesem Wahlkampf versuchen auffallend viele, sich mit mehr oder weniger schrägen Aktionen zu überbieten. Dass sie in diesen Tagen nicht nackt in der Kälte posieren, kann man ihnen nicht vorwerfen, falls sie mit Kleider besser aussehen als ohne, muss man es ihnen im Gegenteil verdanken. Aber mit einer ausgefallenen Aktion alleine ist es eben noch nicht getan; sie sollte auch clever sein, überraschend. Und sie sollte Sinn machen.
Hier stellt der TA eine Auswahl gut gemeinter Aktionen vor:
- Am 22. Dezember hüllten sich zwei Jung-SPler in Lumpen und trotteten als Maria und Josef mit einem Esel durchs Seefeld – auf Wohnungssuche. Der lockige Josef und die hochschwangere Maria waren guter Dinge, bewunderten die schönen Quartierstrassen, realisierten aber nach dem ersten Korb bei einer Immobilienfirma: «Hmm, so einfach wird das wohl nicht.» Sie sprachen Passanten im Quartier an, wurden mehr oder weniger freundlich abgewimmelt und trafen schliesslich im GZ Riesbach scheinbar zufällig auf Claudia Nielsen (SP) und André Odermatt (SP), die ihnen Baugenossenschaften empfahlen und von der gelungenen SP-Wohnbaupolitik der vergangenen 70 Jahre schwärmten.
- Für einen vermeintlich knackigen Auftritt gehen die Stadtratskandidaten auch ungewöhnliche Allianzen ein. So bildeten Denise Wahlen (GLP), Susi Gut (PfZ), Richard Rabelbauer (EVP) und Urs Egger (FDP) am letzten Freitagabend ein Team bei einem ferngesteuerten Autorennen im Dolder Grand. Als Team von Kontrahenten waren sie in guter Gesellschaft: Auch der Schriftsteller Gion Matthias Cavelty und der Italo-Sänger Piero Esteriore spannten zusammen: Esteriore war 2007 nach einem Artikel von Cavelty im «Blick» mit dem Mercedes seiner Mutter ins Ringier-Pressehaus gebraust. Auch drei der ferngesteuerten Autos erlitten Totalschaden, das Stadtratskandidatenteam verantwortete aber keinen davon. Es fuhr dem Resultat nach defensiv – und belegte den zweitletzten Platz.
- Das Bild war gross in der Pendlerzeitung «20 Minuten»: Susi Gut (PFZ), Herausforderin von Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP), schneidet in der Stube des Ehepaars Schlaginhaufen ihren selbst gebackenen Zitronencake an. Die Idee hinter dem Bild: Wer mit ihr und ihrem Parteikollegen Markus Schwyn diskutieren will, kann die beiden zu sich nach Hause einladen, und sie rücken mit Kuchen und Kaffee an. Nun bäckt Susi Gut Kuchen im Akkord: «Linzertorte, Schoggikuchen, Haselnusscake – ich bin vielseitig», sagte sie «20 Minuten». Die zusätzliche Arbeit nimmt sie klaglos in Kauf. Schwerer wiegt etwas anderes: Die Fitnesstrainerin muss nun jeden Tag sechs bis sieben Stück Kuchen essen.
- Aber immerhin bringen Gut und Schwyn die Verpflegung selber mit. Die Sozialdemokratin Claudia Nielsen macht ebenfalls Hausbesuche zwecks gemeinsamer Diskussion, lässt sich aber einladen. Worauf FDP-Kandidat Urs Egger schnödete: «Die Eigeneinladung passt ja bestens zur Philosophie der SP – selber fordern, zahlen sollen es aber die anderen.» So ist Nielsen auch erst viermal eingeladen worden, auch von Bekannten von ihr, Gut hingegen hat schon gegen zwanzig Kuchen gebacken.
- Eine graue Maus soll sie sein, Zürichs Stadtpräsidentin Corine Mauch. Am 18. Februar wird sie aber richtig aufdrehen. Dann steht sie in Kurt Aeschbachers Laborbar hinter den Plattentellern und heizt den «Frauen, die Frauen lieben», so der Slogan, mit De-luxe-Pop ein. Mauch war im Dienste ihrer Partei schon Kinder hüten, bald wird sie Platten auflegen – und was kommt als Nächstes? Etwa eine Teilnahme bei «MusicStar»?
- Auch Stadtratskandidat Mauro Tuena (SVP) und Gemeinderatskandidat Res Marti (Grüne) gehen neue Wege in der Werbung in eigener Sache. So will Tuena seine Wahlplakate auch in Skigebieten wie etwa dem Hoch-Ybrig aufhängen und die Zürcher in ihrer besten Ferienlaune für sich gewinnen. Marti verfolgt die potenziellen Wähler nicht in die Ferien, sondern bietet ihnen seine Wohnung als Plattform: Er will seine Stube mit Anliegen aus der Bevölkerung tapezieren. Am 6. Februar lädt er alle Interessenten zu sich nach Hause ein.
Bis zu den Wahlen am 7. März dürften die Kandidierenden wohl noch einige weitere Aktionen austüfteln. Man ist gespannt – und auf alles gefasst.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 01.02.2010, 04:00 Uhr
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5 Kommentare
Grundsätzlich finde ich es für unsere Gesetzesvertreter ein grosses Armutszeugnis, wie die sich benehmen und mit welchen Mittel Sie sich in den Wahlkampf stürzen. Wir hätten glaub ganz andere Probleme im Landa, wie Armut (jeder 10ter unter der Armutsgrenze) und man müsste wohl mal das heisse Eisen Sozialamt, RAV usw. in die Hand nehmen, da sich dort wohl genügend Eseleien und schwarze Schafe sind. Antworten
Solche Spielchen sind leider in der heutigen Politik Normalzustand. Die Herren und Damen würden sich besser durch effektive Taten in Szene setzen. Beispielsweise Aktionstag für behinderte, sozial benachteiligte oder für Lehrstellensuchende etc. etc. Anscheinend sind solche Events zu wenig wirksam..? Wer versuchts mal..? Meine Überzeugung: Es bringts..!! Antworten



