Wenn die Begegnungszone Angst macht

Seit gut einem Jahr ist die Bullingerstrasse eine Begegnungszone mit Tempolimit 20. Die Anwohner freuen sich dennoch kaum. Ihr Fazit: Die Zone ist für Kinder zu gefährlich.

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Die Bullingerstrasse im Kreis 4 ist eine Begegnungszone. Vor gut einem Jahr hatte die Stadt das Tempolimit 20 ausgerufen und die Anwohner dazu angehalten, sich das ehemals stark befahrene Quartier zurückzuerobern. Nun melden sich die Anwohner zu Wort: Sie fürchten um ihre Sicherheit und jene ihrer Kinder und kritisieren die Stadt für ein unausgegorenes Konzept.

Obwohl die Polizei um die Bullingerstrasse herum Geschwindigkeitskontrollen durchführt, seien viele Autos zu schnell unterwegs, sagt Philippe Meier, Vorstandsmitglied des Elternforums Schule Sihlfeld: «Im Sommer veranstalteten Anwohner vereinzelt Feste, um den Menschen, die hier wohnen, und den Autofahrern das Gefühl zu vermitteln, dass die Bullingerstrasse wirklich eine Begegnungszone ist. Aber wenn dafür jedes Mal eine Bewilligung bei der Polizei eingeholt werden muss, dann ist der Organisationsaufwand einfach zu gross.» Zudem wirkten einzelne Feste kaum verkehrsberuhigend, sagt Meier.

Die Eltern des Quartiers seien zudem aufgeschreckt worden, weil Ende September auf der Sihlfeldstrasse ein Fahrradfahrer mit einem Auto kollidierte. «Es gibt hier weder Zebrastreifen noch sonstige visuelle Signale, die die Autos dazu anhalten, langsamer zu fahren. Gleichzeitig müssen viele Kinder die Strasse überqueren. Besonders wenn es früh dunkel wird, ist das gefährlich», sagt Meier. Der zweifache Vater bemängelt auch, dass Schule und Kindergarten es diesen Sommer verpasst hätten, den neuen Klassen beizubringen, wie Fussgänger eine solche Strasse überqueren können. «Wir stehen aber in engem Austausch mit der Schule und sind uns unserer Mitverantwortung diesbezüglich bewusst. Die neuen Kindergarten- und Schulkinder werden demnächst informiert.»

Stadt sieht keinen Handlungsbedarf

Man habe sich die Anliegen der Anwohner zu Herzen genommen und Möglichkeiten zur Entschärfung der Verkehrssituation präsentiert, sagt Heiko Ciceri, Sprecher der Dienstabteilung Verkehr. «Bereits diesen Sommer wurden an den Zoneneingängen und -ausgängen Betonelemente platziert. Die Signalisationstafeln wurden gegen die Strassenmitte versetzt, sodass eine Eingangstor-Wirkung entsteht», sagt Ciceri. Diese habe sich seither punkto Geschwindigkeit und Verkehrsmenge verbessert, «derzeit besteht kein Handlungsbedarf», schliesslich habe sich seit der Einführung der Begegnungszone auf der Bullingerstrasse noch kein Unfall mit Verletzungsfolgen ereignet.

Laut Elternforums-Vorstand Meier seien entlang der Strasse zwar Bäume gepflanzt und Sitzbänke montiert worden, «aber das allein und ein Quartierfestchen reduzieren den Verkehrsfluss nicht». Er wolle der Stadt nicht erklären müssen, wie sie das Problem in den Griff bekomme. Einen Vorschlag hat er dennoch: «Vielleicht wäre es sinnvoller, die Bullingerstrasse würde zur Tempo-30-Zone, aber dafür würden Fussgängerstreifen aufgemalt. Dann wären wenigstens die Verhältnisse klarer.» Ciceri hält dies für keine gute Idee: «In Tempo-30-Regimen sind Fussgängerstreifen nur ausnahmsweise zugelassen.»

Boulevardcafé soll Strassenverkehr beruhigen

Man hätte Pflastersteine als Bodenbelag verwenden sollen, «der Asphalt vermittelt zu stark das Gefühl einer Strasse», sagt Nushin Coste, die letzten Winter an die Sihlfeldstrasse gezügelt ist. Auch sie sei bereits angehupt worden, als sie mit ihrem kleinen Sohn die Kreuzung überqueren wollte. Die junge Mutter wird voraussichtlich ab nächstem Frühling zu der Rückeroberung des Quartiers beitragen, zu der die Stadt aufgefordert hatte: Coste eröffnet mit ihrem Mann ein kleines Restaurant.

«Wir bemerkten, dass zwar viele junge Familien hier wohnen, aber eigentlich gibt es nichts in der Nähe: kein Quartierlädeli, kein Café, kein Begegnungsort. Die Idee ist aus einem eigenen Bedürfnis entstanden», erklärt die diplomierte Hotelière/Restauratrice. Die Costes wollen im Café du Bonheur hausgemachte, südfranzösische Gerichte und Patisserie anbieten, aber auch Grundnahrungsmittel wie Brot und Milch verkaufen. «Zahlreiche Aussensitzplätze werden Quartierbewohner und Auswärtige zum Verweilen und Geniessen einladen und dem ganzen Bullingerplatz ein neues Gesicht verleihen», ist Coste überzeugt.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 07.11.2012, 15:13 Uhr)

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