«Wenn wir fertig sind, wird es unser Parteiensystem nicht mehr geben»

Wie laufen die Vorbereitungen für Occupy Paradeplatz? Facebook gibt Aufschlüsse.

Die Organisatoren wollen eine friedliche Protestaktion organisieren: Farbanschlag gegen die UBS am Paradeplatz (2009).

Die Organisatoren wollen eine friedliche Protestaktion organisieren: Farbanschlag gegen die UBS am Paradeplatz (2009). Bild: Keystone

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Die Szene aus dem Film «The Matrix» hat was. Neo liest den grauen Männern die Leviten, haucht in den Telefonhörer: «Ich weiss, dass ihr Angst habt vor uns. Ihr fürchtet den Umbruch.» Er werde den Menschen nun eine Welt zeigen ohne Regeln und Kontrollen. Eine Welt ohne Grenzen, in der alles möglich sei. Dann legt Neo auf und fliegt davon. Das geht, weil er das Spiel, die Matrix, durchschaut hat. Es folgt der Abspann mit harten Gitarrenriffs von Rage against the Machine. Und Sänger Zack de la Rocha schreit: «Wake Up!»

Nur ein Science-Fiction-Märchen aus Hollywood? Mag sein, liest man sich aber durch die Hunderte von Kommentaren der Occupy-Paradeplatz-Teilnehmer auf Facebook, beginnt man zu zweifeln. Ist die Matrix am Ende doch real? Erstaunlich oft wird da eine Schlüsselsequenz aus dem Blockbuster von 1999 zitiert. Held Neo, ein anonymer Hacker mit Vorliebe für schwarze Sonnenbrillen, wird von seinem Mentor Morpheus vor die Wahl gestellt: blaue Pille oder rote Pille. Blau bedeutet ein dumpfes Leben in Unfreiheit, dafür landet hin und wieder ein saftiges Steak auf dem Teller. Rot bedeutet ein Leben auf der Flucht, schleimiger Brei zum Frühstück und ständig Ärger mit den grauen Männern, den Wächtern der Matrix.

Eine neue Weltordnung

Aber auch Aufwachen. Neo entscheidet sich für Rot, und das empfehlen auch einige der Paradeplatzbesetzer. Denn von den politischen Parteien sei keine Hilfe mehr zu erwarten: «Parteienpolitik geht dem übergrossen schlafenden Bevölkerungsanteil am Arsch vorbei.» An die Adresse der Präsidentin der Jungen Grünen Kanton Zürich gerichtet schreibt einer: «Schliess dich doch in deine muffige Parteizentrale ein und wirf den Schlüssel weg.»

Parteien, so der Tenor auf Facebook, sind Teil des Systems, das für Ungerechtigkeiten auf dem ganzen Planeten verantwortlich ist. Die Lage scheint wirklich ernst. So schreibt eine Userin: «Nachts schlaft ihr alle ein, während wir Tag und Nacht unter Druck stehen.» Ihre Lösung wäre freilich simpel: Wenn alle Parlamentarier zurücktreten würden, wäre man bereit für ein «Himmelreich auf Erden». Es scheint, als habe die Politik sämtliches Vertrauen verspielt: «Ich, Max Muster (Name vom TA geändert), verspreche euch allen: Wenn wir mit Occupy Paradeplatz fertig sind, wird unser bisheriges Parteiensystem nicht mehr existieren!» Man fordert nichts anderes als eine neue Weltordnung: «Wir brauchen ein basisdemokratisches eGovernment bzw. einen Anarchokommunistischen Technokapitalismus.» Die Welt sei ein Schachbrett, und morgen Samstag würden sich die Bauern erheben. Natürlich müsse dies – im Gegensatz zu «The Matrix», wo Schusswaffen eine wichtige Rolle spielen – gewaltfrei geschehen, da ist man sich einig.

«Peacekeeper» gegen Agenten

Falls die Sache aus dem Ruder zu laufen droht, planen «Peacekeeper» (noch so ein Hollywood-Actionmovie) deeskalierend einzugreifen. Auf Facebook wird deren Mission zum Beispiel so definiert: «Wer Gewalt anwendet, wird ins Visier genommen und nur im Notfall ausgeliefert.» Vielen passt das gar nicht: «Werdet ihr nun Bullen, um die Welt zu verändern?» Nein, man müsse die Ankündigung der «Peacekeeper» als strategischen Schachzug verstehen, um den vom System beauftragen Krawall-Provokateuren das Wasser abzugraben: «Es geht darum, Unterwanderungen von Agents schon vorgängig zu thematisieren und so zu erschweren.» Agents? Hiessen so nicht die grauen Männer in The Matrix? Anyway, die Peacekeeper werden nun also fehlbare Occupy-Paradeplatz-Chaoten fotografieren und das Material der Polizei zur Verfügung stellen. Das sei zwar unschön, diene aber letztlich der Sache der 99 Prozent: «Ich bin absolut für Datenschutz und lese aus Prinzip nur 20min, wenn ich keine andere Wahl habe.»

Aber worum geht es eigentlich? Um die Ausrufung des «Autonomen Staates Pukistan», wo Moslems, Juden und Christen gemeinsam in Frieden leben? Auch, aber eigentlich darum: «Rettet Menschen, nicht die Banken!»

Und das kann man ja durchaus so unterschreiben. Trotzdem bleibt zu hoffen, dass die dutzendfach virtuell verabreichten roten Pillen bald Wirkung zeigen und die nackten, schmerzhaften Fakten die diffusen Banken-Weltverschwörungsszenarien verdrängen. Zum Beispiel, dass in der Schweiz im Juli 2,8 Prozent der Jugendlichen zwischen 15 und 24 Jahren arbeitslos waren. In den USA haben in manchen Staaten 3 von 4 Jugendlichen diesen Sommer keine Stelle gefunden.

Und noch was: Vor fünf Jahren wurde die Journalistin Anna Politkowskaja ermordet. Vielleicht ein Transparent wert morgen? Welcome to the real world.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 14.10.2011, 09:03 Uhr)

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