Wer ein Auto hat, bekommt keine Wohnung

In Leutschenbach entsteht für 180 Millionen Franken ein grünes Vorzeigequartier mit 450 Wohnungen.

Das Hunziker-Areal: Blick auf einige der 13 Häuser, die ab Juli gebaut werden.

Das Hunziker-Areal: Blick auf einige der 13 Häuser, die ab Juli gebaut werden. Bild: Visualisierung: Carol Egger

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Am Stadtrand entsteht eine Siedlung der Zukunft: Auf dem HunzikerAreal in Zürich-Nord baut die Baugenossenschaft «Mehr als Wohnen» ab Juli 13 Häuser mit 450 Wohneinheiten. Im 180 Millionen Franken teuren Quartier sollen neue und ökologische Wohnformen erprobt werden. Wer ein Auto besitzt, hat darum keine Chance auf eine Wohnung. Es gibt aber Ausnahmen: Wer unbedingt auf ein Auto angewiesen ist – zum Beispiel, weil er in der Nacht arbeitet oder beruflich Waren ausliefern muss –, kann ein Gesuch für einen der 106 Parkplätze in der geplanten Tiefgarage stellen.

«Mehr als Wohnen»-Geschäftsführerin Monika Sprecher glaubt dennoch, dass sie die Wohnungen ohne Probleme vermieten kann, wenn sie auf den Markt kommen. «Der Kreis der Interessenten wird zwar kleiner sein als üblich, aber immer noch genügend gross – gerade in der Stadt Zürich, wo fast die Hälfte aller Haushalte über kein Auto verfügt.»

Im neuen Quartier will «Mehr als Wohnen» dem Ziel einer 2000-Watt-Gesellschaft nicht nur durch Autoverzicht näherkommen. Auf den Dächern werden Fotovoltaikanlagen stehen, die Häuser erfüllen Minergie-P-Standard, für die Wohnungen gelten Belegungsvorschriften. Der Energieverbrauch hängt aber auch stark von den Bewohnern selbst ab. Abgesehen von der Auto-Regel kann «Mehr als Wohnen» die Mieter nicht zum Energiesparen verpflichten. In den Statuten steht aber, dass die Genossenschafter die Ziele der 2000-Watt-Gesellschaft anstreben wollen. Zudem gibt es die Idee, einen jährlichen Preis an jenes Haus zu vergeben, das am wenigsten Energie verbraucht hat.

Réception für die Bewohner

Die Baugenossenschaft will in ihrem «Innovationslabor» in Leutschenbach nicht nur das ökologische Know-how für künftige Genossenschaftssiedlungen gewinnen, sondern auch erproben, wie sich die Vernetzung der Bewohner und ihre freiwillige Mitarbeit fördern lässt. In einer ständig besetzten Réception sollen die Bewohner Dienstleistungen anbieten und tauschen können. Wer Hilfe bei der Montage eines Büchergestells braucht, bügelt dem Helfer im Gegenzug vielleicht die Hemden. Den Bewohnern werden zudem mehrere Allmenden zur Verfügung stehen – Freiflächen innerhalb und ausserhalb der Häuser, wo die Mieter eigene Ideen verwirklichen können: Feste feiern, Gemüse anpflanzen, einen Bauspielplatz eröffnen.

Grossen Wert legt die Genossenschaft auf die Durchmischung. Von der 1- bis zur 10-Zimmer-Wohnung wird es alles geben. Die Stiftung Zürcher Kinder- und Jugendheime richtet Wohngruppen ein, 60 Zimmer sind für Studierende reserviert. Eine Kinderkrippe ist vorgesehen, zudem sollen alle Kindergartenklassen aus dem benachbarten Schulhaus Leutschenbach hierher umziehen.

Eine wichtige Zielgruppe sind die Senioren: Am meisten Anfragen bekommt «Mehr als Wohnen» bis jetzt von Menschen über 60 – oft von solchen, die mit Freunden eine Alters-WG gründen wollen. Sie interessieren sich für die Satelliten-Wohnungen. In ihnen leben mehrere Parteien, die je ein eigenes Zimmer mit WC, Dusche und Kochnische haben. Daneben verfügen die Wohnungen über eine grosse Gemeinschaftsküche und weitere Räume.

Noch offen ist, wie teuer die Wohnungen sein werden. Die Preise sollen moderat sein, 20 Prozent der Wohnungen sind subventioniert. Die Vermietung hat noch nicht begonnen. Der Bezug ist auf Mitte bis Ende 2014 geplant.

Vier verschiedene Architektenteams haben die 13 Gebäude entworfen, jedes hat eine eigene, unverwechselbare Fassade. In die Erdgeschosse zieht Gewerbe ein. Einer oder mehrere Läden für die Grundversorgung, ein Restaurant, Büros, Kleinunternehmer. Das Einzugsgebiet ist gross: Bereits heute stehen in Leutschenbach mehrere grosse Wohnsiedlungen wie der Andreaspark, weitere sind geplant. Das Schweizer Fernsehen, die Karl Steiner AG, Pfizer und weitere Unternehmen haben ihren Sitz im Quartier. Ausser einem Tankstellenshop gibt es heute aber keinen einzigen Lebensmittelladen, und es gibt nur ein Restaurant. «Nun schaffen wir neue Angebote», sagt Sprecher. Ihr schwebt eine Art Idaplatz in Zürich-Nord vor.

Weitere autoarme Siedlungen

Noch deutet vor Ort nichts darauf hin, das Hunziker-Areal ist Brachland. Es gehört der Stadt Zürich. Eigentlich wollte sie es an einen privaten Bauherrn verkaufen, die Verhandlungen waren weit fortgeschritten. Doch der Gemeinderat sprach sich auf Initiative der SP dagegen aus: 2007 verlangte er vom Stadtrat, das Areal im Baurecht an eine Baugenossenschaft abzugeben. Im selben Jahr feierte der gemeinnützige Wohnungsbau in Zürich sein 100-Jahr-Jubiläum. «Mehr als Wohnen» entstand daraus. 54 Stadtzürcher Baugenossenschaften waren an der Gründung beteiligt.

Mehrere grosse ökologische Siedlungen in Zürich sind schon im Bau. Im Projekt Sihlbogen in Leimbach entstehen 222 Wohnungen mit 111 Parkplätzen. Nur 12 Parkplätze wird die Siedlung Kalkbreite mit 250 Bewohnern haben. Der Bau einer völlig autofreien Siedlung ist in Zürich aus gesetzlichen Gründen noch nicht möglich. Anders in Bern: Die Siedlung Burgunder in Bümpliz hat keine Parkplätze – als einzige in der Schweiz. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 08.02.2012, 07:14 Uhr)

«Mehr als Wohnen»: Der Standort der neuen Siedlung. (Bild: Grafik TA)

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