Werden die deutschen Ärzte am Zürcher Uni-Spital gemobbt?
Von Daniel Schneebeli. Aktualisiert am 22.03.2010
Arzt Paul Brandenburg sieht keine Zukunft am Uni-Spital. (Bild: Doris Fanconi)
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Paul Brandenburg, Assistenzarzt aus Deutschland, hatte am Freitag seinen letzten Arbeitstag am Zürcher Universitätsspital, und er ist heilfroh darüber. Zu gross war die Ablehnung gegen «die Dütsche, die hier die Harmonie stören». Brandenburg hat seine «Leidensgeschichte» am Uni-Spital in einem vierseitigen Schreiben an den «Tages-Anzeiger» zusammengefasst.
Vorwürfe von Anfang an
Angeeckt ist er in der Klinik für Herz- und Gefässchirurgie bereits in der ersten Arbeitswoche. Seine Oberärztin machte ihm klar: «Sie sind einer von diesen Ausländern, die die Schweiz kaputt machen.» Für die Äusserungen der Oberärztin entschuldigte sich der Klinikdirektor bei Brandenburg. Doch die Probleme hörten nicht auf – im Gegenteil. Von allen Seiten war er Klagen über «die arroganten deutschen Ärzte» ausgesetzt. Nach sechs Monaten hatte er genug und wechselte in die Klinik für Viszeral- und Transplantationschirurgie.
Doch auch dort dauerte es nicht lange, bis sich Anfeindungen und Sticheleien einstellten. Vor allem vom Pflegepersonal fühlte er sich ständig über die örtlichen Sitten belehrt – nicht selten blossgestellt vor seinen Patienten. Rückendeckung spürte Brandenburg von niemandem, auch von seinem Schweizer Oberarzt nicht. Dieser hatte ihm empfohlen, bei den Provokationen wegzuhören und sich ja nicht zu beschweren. Dies würde auf ihn zurückfallen, weil die Pflegelobby zu stark sei.
Hektik nach Aggressionsvorfall
Schliesslich eskalierte die Situation an einem Morgen, als sich eine Oberschwester in der Notfallaufnahme einer ärztlichen Anweisung Brandenburgs lautstark widersetzte: «Du spinnst wohl, das kannst du zu Hause machen, aber nicht hier!» Brandenburg liess sich das nicht gefallen und setzte sich in gleicher Lautstärke durch. Dieser «Aggressionsvorfall» löste hektischen Mailverkehr aus und endete schliesslich in einem Personalgespräch in der Spitaldirektion. Nun dachte Brandenburg erstmals darüber nach, das Universitätsspital zu verlassen. Doch dann wurde ihm eine Rotation auf einen begehrten Posten auf der Intensivstation angeboten.
Kaum war Paul Brandenburg am neuen Arbeitsplatz angekommen, erklärte ihm sein Leitender Arzt, er habe schon von ihm gehört. Er sei nicht «der erste Deutsche, der hier Probleme hat». Auch er wies Brandenburg darauf hin, dass er sich den Landessitten anzupassen habe. Bis zur Eskalation dauerte es nicht lang. Brandenburg räumt ein, dass diesmal nicht seine Herkunft ausschlaggebend war. Er geriet sich nämlich mit einem deutschen Pfleger in die Haare.
Brandenburg stellte bei einem Patienten in kritischem Zustand einen «massiven Pflegefehler» fest. Der Mann wurde nach seiner Einschätzung falsch beatmet. Doch der zuständige deutsche Pfleger unterliess es tagelang, die Beatmung umzustellen, weil es sich um die Anweisung eines «ahnungslosen Arztes» handle. Assistenzarzt Brandenburg setzte sich auch in diesem Fall entschieden durch. Doch damit war sein Aufenthalt auf der Station bereits zu Ende.
Reto Stocker, Leiter der Station, versetzte ihn zurück in die Klinik für Viszeral- und Transplantationschirurgie. Er habe zwar medizinisch richtig gehandelt, sei aber zu wenig diplomatisch gewesen. So hatte Stocker den Rausschmiss gemäss Brandenburg begründet. Nun suchte der verschmähte Deutsche rechtlichen Beistand beim Verband Schweizerischer Assistenz- und Oberärzte (VSAO). Doch die Hilfe fiel für Brandenburg enttäuschend aus. VSAO-Präsident und Rechtsanwalt Rudolf M. Reck empfahl ihm, ein schriftliches Zeugnis zu verlangen und die Sache auf sich beruhen zu lassen.
In die Sprechstunde versetzt
Dazu blieb dem deutschen Arzt nicht mehr viel Zeit. Denn Klinikchef Pierre-Alain Clavien liess ihm ausrichten, er sei politisch nicht mehr tragbar und werde für den Rest seiner Vertragszeit in die Sprechstunde versetzt. Dort werden Patienten nach Operationen behandelt, gefragt sind medizinische Hilfsarbeiten wie etwa die Wundpflege. Jetzt war Brandenburg endgültig abserviert. Ein Kaderarzt aus der Klinik empfahl ihm nun dringend, sich eine neue Stelle zu suchen, am besten in Deutschland, denn hier werde er kaum Karriere machen. Brandenburg versuchte es dennoch zuerst im Spital Limmattal. Aber auch dort hiess es: «Sie sind hervorragend qualifiziert, aber Sie machen es sich in der Schweiz nur unnötig schwer.» Nun gab Paul Brandenburg auf und kündigte seine Stelle in Zürich.
Keine Vorurteile
Paul Brandenburg sieht sich als Opfer systematischen Deutschenhasses am Universitätsspital. Zu Recht? Reto Stocker weist einen solchen Vorwurf entschieden zurück. Er bestätigt zwar, dass er Brandenburg freigestellt und zurück in die Klinik für Viszeral- und Transplantationschirurgie geschickt habe. Er bezeichnet dies aber als reine «Sicherheitsmassnahme». Auf der Intensivstation, wo es oft um Leben und Tod gehe, sei es zwingend, dass das Verhältnis zwischen Ärzten und Pflege unbelastet und vertrauensvoll sei. Mit Brandenburg sei dies nicht möglich gewesen. Weiter will er den Fall nicht kommentieren. Stocker, der heute in der Privatklinik Hirslanden arbeitet, dementiert, Vorurteile gegen Deutsche zu haben. Auf der Intensivstation stamme mindestens ein Drittel der Ärzte und der Pflegenden aus Deutschland. Zudem habe er im letzten Jahr drei Deutsche zu Oberärzten befördert.
Auch für VSAO-Präsident Rudolf M. Reck ist Brandenburg ein Einzelfall. Er habe praktisch nie mit deutschen Ärzten zu tun, die sich in Schweizer Spitälern wegen ihrer Nationalität gemobbt fühlten. Häufiger seien Kompetenz-streitigkeiten zwischen Ärzten und Pflege. Gemäss Reck sind die Deutschen in Schweizer Spitälern sehr leistungsbereit, und 99 Prozent von ihnen gelinge es, sich an «unsere Umgangsformen» anzupassen. Reck weiter: «Wir können froh sein, dass Deutsche zu uns kommen. Ohne sie ginge in unseren Spitälern nichts mehr.» (Siehe Grafik)
Verständnis für den Landsmann
Mehr Verständnis für Brandenburg haben deutsche Kollegen. Eine junge Assistenzärztin, die noch am Universitäts-spital arbeitet, kennt die Klagen der Schweizer über «die Germanisierung». Sie fühlt sich zwar nicht persönlich gemobbt, weil sie sich nicht gegen solche Äusserungen zur Wehr setze. Doch sie kennt mehrere Beispiele von deutschen Ärzten, die Probleme bekommen haben, weil sie nicht alles geschluckt hätten. Sie kennt auch mehrere Deutsche, die wie Brandenburg desillusioniert nach Hause zurückgekehrt sind. Auch sie selber will früher zurück als geplant. In Berlin seien zwar die Bezahlung und der Lebensstandard schlechter. Dafür seien die Arbeitszeiten nicht so unendlich lang wie in Zürich, und: «In Berlin fühle ich mich nicht so fremd wie hier.»
Bereits ausgereist ist Manfred Klapp (Name geändert). Er ist Österreicher und arbeitete 14 Monate als Assistenzarzt am Universitätsspital. Als Österreicher habe er es zwar weniger schwer gehabt als die deutschen Kollegen. Doch auch er habe zu spüren bekommen, dass er nicht willkommen sei. Selbst die Patienten hätten manchmal ultimativ die Behandlung durch einen Schweizer Arzt verlangt. «Ich kann Herrn Brandenburg gut verstehen.» Heute arbeitet Klapp wieder in Österreich und schätzt dort vor allem, dass die Pflege nicht diese «enorme Macht» hat wie in Zürich: «Hier muss ich nicht immer jeden ärztlichen Entscheid mit der Krankenschwester diskutieren, und ich muss mich auch nicht immer bedanken für Arbeiten, die einfach nur selbstverständlich sind.»
Auf solche kulturellen Unterschiede weist auch Petra Seeburger, Sprecherin des Universitätsspitals, hin. In der Schweiz seien die Hierarchien flacher als in Deutschland. Zudem sei die Pflege besser ausgebildet und übernehme medizinische Aufgaben, wie Blutentnahmen oder das Stecken von Infusionen. Das wird in Deutschland von den Ärzten gemacht. Den Vorwurf der Fremdenfeindlichkeit weist Petra Seeburger zurück. Am Zürcher Universitätsspital werde die Kultur der Multi-nationalität gepflegt, was Seeburger als Wettbewerbsvorteil bezeichnet.
Zum Schluss ein Mail an die SVP
Paul Brandenburg, zu dessen Fall sich das Uni-Spital aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nicht äussert, wird nun seine Wohnung auflösen und der Schweiz den Rücken zukehren. In einem Spital in Berlin hat er eine Stelle gefunden. Aber bevor er abreist, hat er dem Präsidenten der Stadtzürcher SVP, Roger Liebi, noch eine deutsch und deutliche Mail geschrieben: «Ihre Botschaft von der Ausländerflut ist angekommen. Ich werde es vielen meiner Kollegen gleichtun und in meine Heimat zurückkehren. Sollten Sie einst bei einem der wenigen Schweizer Ärzte keinen Termin mehr bekommen, lade ich Sie sehr herzlich nach Deutschland ein. Es wird mir eine Freude sein, Sie ganz persönlich zu behandeln... Bis dahin geniessen Sie Ihre gesäuberte Schweiz.»
Arzt Paul Brandenburg sieht keine Zukunft am Uni-Spital. Foto: Doris Fanconi
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 22.03.2010, 04:00 Uhr


































