Wie die Asylbewerber im Altstetter Containerdorf leben

Rund 160 Asylsuchende haben vor kurzem Wohn- container in Leutschenbach und Altstetten bezogen. Dort entwickelt sich ein WG-Leben der etwas anderen Art.

In Zürich-West gestrandet: Eine Familie vor der provisorischen Asylunterkunft an der Aargauerstrasse.

In Zürich-West gestrandet: Eine Familie vor der provisorischen Asylunterkunft an der Aargauerstrasse. Bild: Dominique Meienberg

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Reichtum, Sorglosigkeit und Freiheit – das erträumt sich mancher Asylsuchende, der in der Schweiz landet. Wie rasch er dann in der Realität ankommt, kann erahnen, wer das Grundstück der temporären Containersiedlung in Altstetten betritt: Bahngleise in Hör- und Sichtweite, eine Baustelle gleich nebenan und Industrie rundherum. Die Asylbewerber sind angekommen, am Rande der Stadt, am Rande der Gesellschaft.

Der Blick von der Europabrücke auf die aufeinandergestapelten Container stützt diesen Eindruck. Die Einschätzung täuscht aber, wie ein Besuch vor Ort zeigt. Es sind nicht einfach Blechcontainer, die da an der Aargauerstrasse stehen. «Es ist Wohnraum, der den Menschen ein Zuhause geben soll», sagt Peter Pfister vom NRS-Team. Das Architekturbüro hat sich auf temporäre Zwischenlösungen spezialisiert. Bekannt wurde es mit dem Container-Künstlerdorf in der Binz. Das gleiche Prinzip hat es nun in Altstetten angewendet.

Vor allem Männerhaushalte

Die orange-, gelb- und beigefarbenen Wohncontainer bestehen aus isolierten Stahlwänden und Gipskartonplatten. Vier bis fünf Schlafzimmer, eine Küche und einen Toiletten- und Duschraum enthält jede der zwölf Wohneinheiten des Haupttraktes. Manche der Räume wirken noch etwas kahl und unbewohnt – meist handelt es sich um Männerhaushalte. Andere haben sich die Familien bereits angeeignet: mit Perserteppichen auf den Böden, Tücher an den Wänden und ab und zu einem Kinderspielzeug.

140 Asylbewerber kann die Siedlung der Asylorganisation Zürich (AOZ) in Altstetten aufnehmen. Weitere 110 Personen können im zweiten Containerdorf in Leutschenbach untergebracht werden. Dass die Wahl auf Wohncontainer fiel, hat laut Astrid Willimann von der AOZ mehrere Gründe. Die Stadt Zürich muss 1800 Asylsuchende unterbringen. Das ist schwierig, finden sich doch kaum Wohnungen. Hinzu kommt, dass im August der Vertrag für die Zwischennutzung des ehemaligen Hotels Atlantis auslief. Rund ein halbes Jahr blieb Zeit, um ein neues Projekt zu planen und zu verwirklichen. Die beiden rund 8,4 Millionen Franken teuren Containersiedlungen in Leutschenbach und Altstetten stehen nun seit diesem Sommer und sind für die nächsten fünf bis zehn Jahre das Zuhause für Asylsuchende.

Wenn jemand zu laut betet

In Altstetten sind momentan 78 Plätze besetzt – je zur Hälfte von Familien und Einzelpersonen. Die Mehrheit sind einzelne Männer aus Ostafrika. Wie die Familien auch, teilen diese sich zu acht oder zehnt eine Wohneinheit und müssen sich selbst um das Kochen und den Haushalt kümmern. Vergleichbar mit einer Wohngemeinschaft sind sowohl das Zusammenleben als auch die Probleme, die dieses mit sich bringt: Nicht selten beschwert sich ein Bewohner bei der AOZ, wenn die Nachtruhe nicht eingehalten wird, einer zu laut betet oder der andere seine Sachen herumliegen lässt.

Dass es nicht mehr Reibereien gibt, führt Astrid Willimann, die Leiterin des Fachbereichs Wohnen, auf den Mix von Familien und Einzelpersonen innerhalb der Siedlung zurück. «Unsere Erfahrung zeigt, dass dies den sozialen Frieden am besten gewährleistet.» Zusätzlich förderlich sind Deutschkurse, Kurse in der hiesigen Kultur und Arbeitsintegrationsprogramme der AOZ.

Beschäftigung ist wichtig

Diese sorgen für Beschäftigung. Wer keine Arbeit hat, wird in die Werkstatt, das Restaurant, den Umzugs- und Putzservice oder die Näherei der Organisation eingebunden. «Die Leute lernen durch die Arbeit bei uns Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit», so Willimann. Das sei für viele neu und wichtig, damit sie später in der Arbeitswelt zurecht kommen. Falls sie in der Schweiz bleiben können, sollen sie von der Sozialhilfe unabhängig sein, so das Hauptziel.

Hinter den Programmen steckt aber mehr. Die Beschäftigung macht das oft zermürbende Warten auf den Asylentscheid erträglicher. Sie lenkt ab. Zudem müssen die Asylsuchenden sich an den AOZ-Arbeitsplätzen integrieren. Eine Erfahrung, die sie brauchen können, falls der Bescheid negativ ausfällt. Wenn die Asylsuchenden nach Hause zurückkehren, sei die Welt nicht mehr gleich, gibt Willimann zu bedenken. «Sie haben sich hier verändert und müssen sich dort wieder in die Gesellschaft integrieren.»

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(Erstellt: 01.10.2010, 07:25 Uhr)

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