Wie die Zeugen Jehovas die Aussteiger ächten

Ex-Mitglieder der Zeugen Jehovas haben in Zürich eine Arbeitsgruppe gegründet, um sich gegen die Endzeitgemeinschaft zu wehren.

Mitglieder der Zeugen Jehovas an einem Sommerkongress in Zürich.

Mitglieder der Zeugen Jehovas an einem Sommerkongress in Zürich. Bild: Steffen Schmidt/Keystone

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In Zürich haben sich am Wochenende deutschsprachige Aussteiger und Kritiker der Zeugen Jehovas getroffen, um Aktionen zur Aufklärung über die sektenhafte Bewegung zu initiieren. Organisiert hat das internationale Treffen die Zürcher Beratungsstelle Infosekta, die nach eigenen Angaben immer häufiger von Betroffenen kontaktiert wird. «Nie fliessen bei uns so viele Tränen wie bei Gesprächen mit Angehörigen der Zeugen Jehovas», sagte Susanne Schaaf, Leiterin von Infosekta. Hauptgrund sei die verordnete Trennung: Aussteiger oder ausgeschlossene Zeugen Jehovas würden geächtet, und der Kontakt zu Eltern und Geschwistern würde ihnen in der Regel untersagt, ergänzte Initiantin Regina Spiess.

Von der Familie ausgeschlossen

In der Diskussion über mögliche Kampagnen zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit erzählte eine Aussteigerin, sie habe als Kind in der Isolation der Sekte gelebt und sei nach dem Ausstieg von ihrer Familie ausgeschlossen und in der Gesellschaft isoliert gewesen. Deutsche Teilnehmer an der Tagung engagieren sich seit Jahren in der Aufklärung und erhoffen sich von der Zürcher Initiative eine internationale Vernetzung. Sie sprachen von einer «Religionsdiktatur» bei den Zeugen Jehovas, die die Religionsfreiheit benutzten, um Anhänger abhängig zu machen.

Als besonderes Problemfeld nannten sie den Kindsmissbrauch innerhalb der rigiden Glaubensbewegung. In den USA seien 23 700 Fälle bekannt, wie eine geheime interne Datenbank belegen würde. Publik gemacht hat dies die Aussteigerin Barbara Anderson auf ihrer Homepage. Ausserdem hätten die Zeugen Jehovas mehreren Opfern Millionen von Dollar zahlen müssen. In Australien sähen sie sich ebenfalls mit Klagen konfrontiert. Im deutschsprachigen Raum würde es den Zeugen Jehovas hingegen meist gelingen, Missbrauchsfälle weitgehend unter dem Deckel zu halten.

Unterstützung für Aussteiger

Die Sensibilisierung der Öffentlichkeit sei nötig, weil die Zeugen Jehovas als vergleichsweise harmlose Glaubensgemeinschaft betrachtet würden, sagten die Opfer. Für Aussenstehende sei es schwierig nachzuempfinden, wie gross die mentale Abhängigkeit der Gläubigen sei. Als Beispiel für die Repression nannten sie das Verbot der Bluttransfusion und die mehrmals verkündeten falschen Endzeittermine.

Die Arbeitsgruppe will Aussteiger und Ausgeschlossene – fehlbare Zeugen Jehovas werden ausgestossen – unterstützen und begleiten. Hilfe sollen auch Angehörige erhalten, die Familienmitglieder an die Zeugen Jehovas verlieren, da dies meist mit einem Kontaktabbruch verbunden ist. In diesem Zusammenhang hatte Infosekta schon früher eine Selbsthilfegruppe organisiert.

Info-Kampagne geplant

Manche Teilnehmer am Zürcher Treffen erhoffen sich Unterstützung von Politikern und Behörden. Andere gaben zu bedenken, dass Sektenthemen ein sensibler Bereich seien, den Verantwortungsträger meiden würden. Diese hätten Angst, sich zu exponieren und als religiös intolerant zu gelten. Die Teilnehmer beschlossen, Informationen für Betroffene bereitzustellen, Fachpersonen wie Sozialarbeiter, Therapeuten, Lehrpersonen oder Schulleiter im Umgang mit Opfern und Ausstiegswilligen zu schulen oder zu unterstützen.

Die Experten und Aussteiger überlegten weiter, welche Öffentlichkeitskampagnen am wirksamsten seien. Als Ideen wurden Strassenaktionen von Opfern, Plakatkampagnen, Klagemauern und Informationsveranstaltungen diskutiert. Einig waren sich die Teilnehmer, dass die Vernetzung der Aussteigergruppen und Sektenberatungsstellen vordringlich sei. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 03.11.2014, 08:30 Uhr)

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