Wie ein Kosovare Zürich bereichern will

Sislej Xhafa stellt eine überdimensionale Steinschleuder in den Hardau-Park. Gestern besuchte der in New York beheimatete Künstler mit kosovarischen Wurzeln die Baustelle in Zürich.

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Dicke weisse Stahlrohre liegen am Boden, daneben klafft ein tiefes dunkles Loch. Sind die Bauarbeiter im Kreis 4 etwa überraschend auf Öl gestossen und verlegen jetzt eine Pipeline? «Warum auch nicht», würde der sagen, der dafür verantwortlich ist. Sislej Xhafa freut es, wenn die Menschen seine Kunst auf unterschiedliche Art und Weise interpretieren: «Ich lerne immer gern dazu.» Übermorgen Freitag werden die Rohre aufgerichtet. Dann kommt in Zürichs neustem Stadtpark zwischen Hardau-Hochhäusern und Albisriederplatz ein 16 Meter hohes Ypsilon zu stehen.

«Mit meiner Kunst stelle ich Fragen», sagt Xhafa mit leiser Stimme und saugt an seinem Zigarillo. Der Mann trägt bei der Besichtigung der Baustelle einen schwarzen Kittel, eine schwarze Ray-Ban-Sonnenbrille und sieht mit seiner wilden Frisur und dem Schnurrbart ein bisschen aus wie Schauspieler Sean Penn. «Wüsste ich alle Antworten, müsste ich keine Kunst machen.»Englisch ausgesprochen heisst «Y» denn auch «why». Die Frage nach dem Warum stellten sofort auch diverse Online-Kommentatoren und Leserbriefschreiber, als die Stadt im Herbst 2009 das Siegerprojekt aus einem Wettbewerb präsentierte: Eine Heugabel sei das («warum auch nicht?»), «Kunst-Schrott», und überhaupt: «Sollte die Stadt nicht sparen?»

Kunst liegt eben nicht nur beim Hafenkran, sondern auch bei Xhafas Y im Auge des Betrachters. Wobei die Floskel hier nicht die Verschiedenheit der Geschmäcker meint, sondern die mannigfaltigen Lesarten. Die Skulptur ist Steinschleuder und Schaukel zugleich. Dann, in der Nacht, wenn die Kunststoffoberfläche in den Farben Weiss, Orange und Rot schimmert, gemahnt das verspielte Y an eine Raketen-Glace. Als man den Künstler auf das Y als Symbol für Männlichkeit (Y-Chromosom) aufmerksam macht, reagiert er begeistert: «Fantastisch, wenn die Skulptur jetzt auch noch zu einer Ikone für Homosexuelle wird.» Im Hardquartier leben überdurchschnittlich viele Menschen mit südosteuropäischen Wurzeln. Für den Wettbewerb zur Gestaltung des Hardauparks wurden deshalb Künstler eingeladen, die die Umwälzungen und Migrationsbewegungen direkt oder indirekt miterlebt haben oder in ihrem Schaffen thematisieren. Sie sollten die Lebensformen und Sichtweisen der Immigranten ins Blickfeld rücken.

Eine friedliche Schleuder

Sislej Xhafa, 1970 in Kosovo geboren, löste die Aufgabe, indem er der Schleuder, diesem Symbol des kämpferischen Widerstandes, jede martialische Bedeutung nahm. Weil er der Waffe überdimensionale Masse verlieh, ist sie schlicht nicht mehr als solche zu gebrauchen. Im besten Fall setzt sich nun ein Betrachter in die behagliche Schaukel, schaltet so das Licht im Innern des Ys ein und beginnt seine Wahrnehmung zu hinterfragen. Neben Schönheit und intellektueller Herausforderung bietet das Werk zudem einen ganz praktischen Nutzen: Leuchtet das Y, weiss die Mutter, dass ihr Kind beim Schaukeln ist. Dafür, dass der Sprössling oder auch ein verliebtes Pärchen beim Schaukeln nicht eine Höhe erreicht, wos gefährlich würde, sorgt ein ausgeklügelter Bremsmechanismus in den beiden Strängen.

Seit über zehn Jahren lebt und arbeitet Sislej Xhafa in Brooklyn, New York. Er ist überzeugt, dass Inserate gegen Masseneinwanderung, wie sie derzeit von der SVP in der Schweiz verbreitet werden, von der Bevölkerung in seiner neuen Heimat nicht akzeptiert würden. «Die Meinungsfreiheit darf nicht dazu missbraucht werden, um Bevölkerungsgruppen pauschal zu verunglimpfen.» Es seien stets Individuen, welche kriminelle Taten verübten.

Menschen würden immer dann intolerant und fühlten sich unsicher, wenn ihnen die Ideen ausgingen. «Dabei waren und sind Immigranten stets eine Bereicherung für jede Gesellschaft, in kultureller wie in wirtschaftlicher Hinsicht.» Laut Xhafa müssten sich beide Seiten anstrengen, damit Integration gelingen könne. Der Ankömmling müsse die Sprache lernen, sich einen Job suchen, Steuern bezahlen und wissen, wie man einen Geldautomaten bedienet. Dafür sollten die Lehrer im Gastland ihren Schülern von der 1. Klasse an nicht bloss beibringen, dass die Araber Couscous essen würden, sondern auch, welche bedeutenden Schriftsteller diese Kulturen jeweils hervorgebracht hätten.

Dass er mit seiner Kunst politischen Einfluss nehmen könnte, glaubt Xhafa indes nicht. Das Gute an der Demokratie sei ja, dass sich die Menschen selber aussuchen dürfen, wer sie repräsentieren soll: «Sind das eher Leute mit Visionen oder Leute ohne Visionen?»

«Wer bezahlt die Kunst?» &endash ein Podium zum Kulturengagement von Privaten und öffentlicher Hand. Freitag, 2. September, 18&endash19 Uhr, Kasernenstrasse 95 (1. Stock).

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 31.08.2011, 10:42 Uhr)

«Fantastisch!»: Sislej Xhafa beim Baustellenbesuch in Zürich.
(Bild: Dominique Meienberg)

Der Künstler

Sislej Xhafa wurde 1970 in Peja (Kosovo) geboren und lebt und arbeitet heute in New York. Mit seiner Kunst thematisiert er immer wieder autoritäre Strukturen, Immigration und Illegalität. Im Jahr 2006 bespielte er den Albanischen Pavillon an der Biennale in Venedig. 2009 beteiligte er sich mit der Installation «Axis of Silence» an einer Kunst-im-öffentlichen-Raum-Aktion in Genf.

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