Wie es sich mit 50 Franken pro Woche lebt

Die Stadt Zürich ist ein teures Pflaster. Ein IV-Rentner, der raucht und trinkt, kommt aber mit 50 Franken wöchentlich aus. Wie macht er das?

Fast bei jedem Wetter mit dem Scooter unterwegs: André Peytregnet und Pflegehund Basco am Utoquai.

Fast bei jedem Wetter mit dem Scooter unterwegs: André Peytregnet und Pflegehund Basco am Utoquai. Bild: Sophie Stieger

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Eine Patentlösung, um mit möglichst wenig Geld über die Runden zu kommen, kann André Peytregnet nicht präsentieren. Es gehe darum, möglichst gut zu kalkulieren und verzichten zu können, sagt der 44-Jährige. Kino- und Theaterbesuche haben in seinem Leben ebenso selten Platz wie der Gang in Restaurants. Trotzdem wird ihm nie langweilig. Er unternehme viel: «Ich fahre oft an den See oder gehe mit einem Cervelat in den Wald.» Manchmal schaffe er es vor lauter Abwechslung kaum, den Haushalt in seiner Wohnung in Oerlikon zu erledigen. «Ich bin halt echli en Zigüner», sagt der Mann, der als Sechsjähriger mit seiner Familie aus der Welschschweiz nach Witikon zog und seither in der Stadt wohnt. Seit ein paar Jahren lebt er getrennt von seiner Frau und seinen beiden Töchtern.

Bier, Milch und Schoggi

Peytregnet geht mit seinem Geld sehr haushälterisch um. Wenn es gut läuft, bleiben ihm nach Abzug der Kosten für Strom, Gas, Regenbogenkarte und Heizkosten-Akontorechnung 600 Franken netto monatlich für sämtliche Lebenskosten. Läufts schlecht, sind es 300 Franken oder weniger. Dann muss er sich einschränken. «Mit 400 Franken lebe ich aber bereits sehr gut», sagt er, «und 50 Franken reichen mir, wenns sein muss, für eine Woche.» Darin enthalten seien selbst die Ausgaben für Rauchwaren und Alkohol. Zigaretten für unterwegs kaufe er bei Denner. Die Stange à 45 Franken reiche für bis zu zwei Monate. Daheim dreht er seine Zigaretten selbst.

Sechs bis zehn Bier trinke er täglich, sagt der Mann, der sich selber als «Pegeltrinker» betitelt. Bereits am Morgen braucht er sein erstes Bier, meint er damit. Und über den Tag verteilt, kommen kontinuierlich kleine Mengen Alkohol dazu. Er schütte das Bier aber nicht hinunter, sondern lasse sich Zeit beim Trinken. Deshalb sei er auch nie richtig betrunken. Und als ob er diese Aussage beweisen müsste, trinkt er ein einziges Bier während unseres rund zweistündigen Gesprächs. Nach dem Aufstehen trinke er zum Frühstück aber als Erstes eine heisse Schoggi, fügt er an – und über den Tag verteilt einen Liter Milch. Die grosse Kiste Bier à 24 Büchsen kauft er für 14.80 Franken bei Denner, den Liter Milch für 80 Rappen bei Caritas.

Wegen eines kaputten Knies ist Peytregnet seit 1998 IV-Rentner und bezieht Sozialhilfe. Miete und Krankenkasse bezahlt das Sozialamt, ebenfalls Hilfsmittel wie seinen Scooter – ein 4-Rad-Elektromobil – oder seine Stahlschiene mit Gelenk fürs Knie. Seit 2001 ist er wegen seines Alkoholkonsums in medizinischer Behandlung beim Arzt Jürg Siegfried im Medizinischen Zentrum Löwenstrasse. Dort will Peytregnet an Kursen anderen Patienten aufzeigen, wie man mit möglichst wenig Geld gut in Zürich leben kann, ohne betteln zu müssen.

Tagsüber ist der gebürtige Romand bei fast jedem Wetter mit seinem Scooter unterwegs. An Wochenenden unternimmt er sporadisch Ausflüge. So fuhr er kürzlich an einem warmen Sonntag mit dem Schiff nach Rapperswil. Allein. Um möglichst wenig Geld auszugeben, nahm er Getränke und Sandwichs von zu Hause mit.

Rückhalt bei seiner Clique am See

Kann er morgens nicht schlafen, fährt er wie am Tag unseres Treffens bereits früh an den See zu seiner Clique. Dort verbringt er den Morgen mit Reden und Rumsitzen, dem Hüten von Hunden oder mit Nichtstun. Das Mittagessen lässt er grosszügig aus. Erst nach seiner Rückkehr isst er am Abend zu Hause. Tagsüber nichts zu essen, bereite ihm keine Probleme. Er sei das als langjähriger Lastwagenfahrer gewohnt. Auf seinen Fahrten ans Nordkap, nach Spanien oder in die ehemalige DDR habe er kaum je Zeit gehabt für eine warme Mahlzeit. Einmal sei er 72 Stunden nonstop gefahren, sagt er – und nippt an seinem Bier. Wegen der unregelmässigen Ernährung habe er Magenprobleme bekommen. Der Arzt riet ihm, mindestens eine warme Mahlzeit täglich zu essen und sich dabei Zeit zu lassen. Seit er diese Empfehlung befolge, gehe es ihm deutlich besser.

Was er denn so koche? «Am liebsten irgendwas aus dem Meer mit Gemüse», sagt Peytregnet, «je nachdem, was ich mir leisten kann.» Beim Einkauf im Denner achte er auf Aktionen. Und in den Caritas-Läden gebe es Superfleisch zu Spottpreisen. Fünf oder sechs Franken zahle er dort für einen kompletten Einkauf – Crèmes und Seifen für die Körperhygiene inklusive. Zweimal im Jahr kauft er Kleider im Brockenhaus oder in Billigläden.

Sein Bruder wohnt wieder in der Romandie – in einem Haus mit eigenem Rebberg. André Peytregnet sagt, dass er nicht mit ihm tauschen möchte: «Ich könnte mit dem Haus eh nichts anfangen.» Er schätze die Symbiose mit langjährigen Kollegen und Freunden hier in der Stadt: «Leute, die nicht viel besitzen, sind zuverlässig und helfen sich gegenseitig.»

Früher, als er noch gesund war und regelmässig Lohn bekam, hatte er ein Segelboot auf dem Zürichsee. Hätte er einen Wunsch offen, wäre dies «ein grosses Segelboot auf dem Meer». In Zürich würde er am liebsten einen Imbissstand eröffnen. «Einen kleinen mit zwei Tischchen.» Die Bratwurst würde bei ihm höchstens drei Franken kosten, ein Hamburger mit gutem Fleisch und möglichst frischem Salat vier.

Doch vorläufig muss er mit seinen 300 bis 600 Franken monatlich weiter wirtschaften. Selbst mit seiner bescheidenen Art zu leben, kann er fast nichts auf die hohe Kante legen. Peytregnet kümmert dies wenig. Er grinst, steigt in seinen Scooter und fährt im Schritttempo davon. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.09.2008, 10:02 Uhr

TA Marktplatz

Blogs

History Reloaded Die schlechtesten US-Präsidenten

Sweet Home Attraktive Tiefgänger

Abo

Weekend-Abo

Unter der Woche Zugang auf das digitale Angebot, am Wochenende die Zeitung im Briefkasten. Jetzt testen.

Die Welt in Bildern

Küsschen gefällig? Die US-amerikanische Sängerin Macy Gray unterhält das Publikum mit ihrer Show am Jazzaldia Festival Spanien. (24.Juli 2017)
(Bild: Vincent West) Mehr...