Wildwuchs in der Schönheitschirurgie

Unzählige Ärzte verdienen ihr Geld mit plastischen und ästhetischen Operationen. Eine Qualitätskontrolle gibt es dabei kaum. Die Fachgesellschaft hat sich zerstritten.

Wie kann die Kundin wissen, ob eine Klinik seriös ist? Brustoperation in der Klinik Pyramide am See in Zürich. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

Wie kann die Kundin wissen, ob eine Klinik seriös ist? Brustoperation in der Klinik Pyramide am See in Zürich. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

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Die Schönheitsmedizin boomt. Soeben hat in Zürich an nobler Adresse am Utoquai eine neue Klinik den Betrieb aufgenommen, die sich exklusiv an Männer richtet. Das Angebot ist vielfältig, es reicht von Check-up über Lifting, Fettabsaugen und Bauchdeckenstraffung bis zu Penisvergrösserung und Brustverkleinerung. Doch wie kann der Kunde wissen, ob die Klinik seriös ist? Ein wichtiger Anhaltspunkt ist die Ausbildung der Ärzte. Die Website der neuen Klinik zeigt: Immerhin einer von drei Belegärzten und zwei Belegärztinnen hat den Facharzttitel für plastische und ästhetische Chirurgie. Bei chirurgischen Eingriffen bietet dieser Titel laut einhelliger Meinung der Fachleute eine gewisse Gewähr für Qualität.

Darüber hinaus gibt es in der Schweiz und in Deutschland eine Art Gütesiegel für Schönheitschirurgen. Entwickelt hat es der Ökonom Stephan Hägeli. Er gründete 2006 die Firma Acredis, das laut eige­nen Angaben «erstes unabhängiges Beratungszentrum für plastische und ästhe­tische Chirurgie in Europa». Schönheitschirurgen können sich bei Acredis zertifizieren lassen und müssen dazu ein umfangreiches Testverfahren durch­laufen. Neben dem Facharzttitel müssen sie zum Beispiel nachweisen können, dass sie sich ständig fortbilden, dass sie die Operationen, die sie anbieten, überdurchschnittlich oft durchführen, dass mindestens 95 Prozent ihrer Patientinnen zufrieden sind, dass sie diese umfassend aufklären und dass ihre Infrastruktur und die verwendeten Materialien höchsten Standards genügen.

Aus eigener Erfahrung

Hägeli hatte selber eine schlechte Erfahrung gemacht mit einer Nasenoperation. «Es hat sehr viele Generalisten auf diesem Markt», sagt er. Der Facharzttitel garan­tiere nicht, dass der Chirurg eine bestimmte Operation häufig durchführe. Acredis fördere die Spezialisierung. Die zertifizierten Ärzte seien erwiesenermassen Experten für die gewünschten Operationen. «Eine Nasenkorrektur durch einen Brustexperten gibt es bei uns nicht.» Bis vor zwei Jahren hatte Acredis auch eine Telefon­beratung angeboten. Diese wurde eingestellt, «da sich die Konsumenten heute vorzugsweise über das Internet informieren», sagt Hägeli. Auf der Acredis-Website finden sie laut Hägeli ärztlich geprüfte Informationen zu Schönheitsoperationen und Zugang zu allen zertifizierten Ärzten. Die Firma nennt sich jetzt «Gruppe führender Spezialzentren für Ästhetische Chirurgie».

Geringe Beteiligung

Im Beirat sitzt unter anderem die Co-Geschäftsführerin der Schweizerischen Stiftung SPO Patientenschutz, Barbara Züst. Sie schätzt die Arbeit von Acredis: «Stephan Hägeli hat sich stark dafür engagiert, dass in der Schönheitschirurgie ein gewisser Qualitätslevel erreicht wird. Denn dieser Markt ist unzu­reichend geschützt.» Der Haken an der Sache ist bloss, dass nur wenige Ärztinnen und Ärzte bei Acredis mitmachen. Derzeit sind es in der Deutschschweiz 24 und in Deutschland 38. Grund für die magere Beteiligung ist ein Streit unter den Schönheitschirurgen.

Die Schweizerische Gesellschaft für Plastisch-Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie hat sich ob der Frage der Qualitätssicherung entzweit. Gemäss TA-Recherchen wollten die Acredis-Befürworter in der Fachgesellschaft eine externe Qualitätskontrolle aller Mit­glieder einführen. Dagegen wehrte sich eine Mehrheit von Acredis-Gegnern. Sie argumentieren, die Firma sei nicht unabhängig, weil sie sich teilweise über Provisionen für die vermittelten Fälle finanziere. Insider nennen einen anderen Grund für die Ablehnung von Acredis als Qualitätsprüferin: Die Schönheits­chirurgen wollten einfach niemanden, der ihnen in die Praxis schaut und Vorschriften macht.

Laut Stephan Hägeli finanziert sich Acredis nicht über Provisionen, sondern über Fallpauschalen. «Wir erbringen für unsere Netzwerkärzte verschiedene Dienstleistungen.» Die Höhe der jeweiligen Entschädigungen gibt Hägeli nicht bekannt. Die Unabhängigkeit der Zertifizierung sei damit nicht infrage gestellt, sagt er und verweist auf Deutschland. Dort sei Acredis Exklusivpartner der Fachgesellschaft.

Bei der Schweizer Gesellschaft wollte sich niemand zum Streit mit Acredis äussern. Zur Qualitätssicherung generell sagt Dirk Schaefer, Vorstandsmitglied und Professor in Basel: «Die Fachgesellschaft unternimmt grosse Anstrengungen bei der Selektion der Facharztkandidaten und in der Weiterbildung. Dort setzen wir an – nicht erst, wenn die Chirurgen bereits in der Praxis tätig sind. Der Facharzttitel bürgt für Qualität.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.10.2014, 22:00 Uhr

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