Wincasa vertreibt in Zürich türkische Läden

Die Immobilienverwalterin verlangt vom Dirok Market im Kreis 5, dass er keine Lebensmittel mehr verkauft. In einem ähnlichen Fall streitet Wincasa mit einem Ladenbesitzer vor Obergericht.

Gemüse gibt es an der Limmatstrasse 119 nur noch bis Oktober. Wincasa verlangt vom Dirok Market ein Ladenkonzept ohne Lebensmittel. Foto: Doris Fanconi

Gemüse gibt es an der Limmatstrasse 119 nur noch bis Oktober. Wincasa verlangt vom Dirok Market ein Ladenkonzept ohne Lebensmittel. Foto: Doris Fanconi

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der türkische Gemüseladen von Hasan Yapici im Kreis 5 ist eine Institution. Seit 17 Jahren verkauft er mit seiner Familie Gemüse, Fleisch, Tee, Whiskey und allerlei anderes im Dirok Market. Die Kundschaft des kurdischen Händlers schätzt die Freundlichkeit und die günstigen Preise. Im Sommer geht bei Yapicis Frau Fatma nebst frischem Koriander und Rosmarin auch Pfefferminze aus dem eigenen Garten über den Ladentisch.

Dem Verwalter der Immobilie passt das Sortiment im Dirok Market nicht mehr. «Sie haben mir gesagt, dass ich ab Oktober keine Lebensmittel mehr verkaufen darf, weil das schon Denner und die Migros tun. Sonst werde mein Mietvertrag nicht verlängert», erklärt Yapici. Die Immobilienverwalterin Wincasa gehört seit Juli 2013 zu Swiss Prime Site (SPS) und damit zur grössten Immobi­li­en­investmentgesellschaft an der Schweizer Börse. Eigentümerin des Blockrandgebäudes mit Yapicis Laden, der Bäckerei Jung, der Limmatplatz-Apotheke, dem Chornladen und zwei Restaurants ist ein Immobilienfonds der Credit Suisse.

Teure Einzimmerwohnungen

Im vergangenen Jahr liess dieser CS-Fonds die Wohnungen über den Läden von Grund auf modernisieren. «Vorher haben dort Familien gewohnt», sagt Fatma Yapici, heute würden Einzimmerwohnungen für 1000 Franken im Monat vermietet. Die Wincasa-Website preist die Aufwertung des Gebäudekomplexes zwischen Fierzgasse, Mattengasse und Limmatstrasse als Beispiel einer gelungenen Sanierung. Die CS habe man von den Vorteilen einer Gesamtsanierung überzeugt und «das Objekt für Markt und Mieter wieder attraktiv gemacht». Die Aufwertung mittels «stilvoll ausgebauter Apartments» habe «für den Eigentümer der Liegenschaft einen beachtlichen Mehrwert generiert».

Als Yapici im Zuge der Sanierung seine Ladentür durch eine moderne Schiebetür ersetzt haben wollte, beschied ihm Wincasa, den Wunsch müsse er sich auf eigene Kosten erfüllen. Fatma Yapici ist froh, dass sie auf die Investition von rund 20000 Franken verzichtet hat. «Die wären jetzt weg», sagt sie. Den geforderten Verzicht auf den Verkauf von Lebensmitteln habe Wincasa mit dem Denner im gleichen Gebäudekomplex begründet. Was es damit genau auf sich hat, wollte Wincasa gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet nicht präzisieren. Die Mediensprecherin erklärte per Mail, man dürfe sich zu einzelnen Mietverträgen nicht öffentlich äussern.

Der Inhaber der benachbarten Limmatplatz-Apotheke vermutet, dass die Denner-Filiale im Durchgang zwischen Limmatstrasse und Fierzgasse im Mietvertrag mit einer Ausschlussklausel vor Konkurrenz geschützt ist. «Ich habe in meinem Mietvertrag ebenfalls eine solche Klausel», sagt Albert Ganz. «Sie untersagt der CS, Ladenflächen an eine zweite Apotheke zu vermieten.»

Denner erklärt auf Anfrage, eine Konkurrenzklausel, die andere Lebensmittelhändler im gleichen Gebäude verbieten würde, stehe nicht in seinem Vertrag. Quartierkenner vermuten, dass Wincasa Denner und Migros lediglich ins Spiel brachte, um den türkischen Laden loszuwerden. Sie glauben, dass Wincasa als neuen Mieter Swisscom oder Sunrise im Auge habe.

Vorgehensweise bekannt

Fatma Yapici überlegt sich, Unterschriften zu sammeln, um zu zeigen, dass die Quartierbewohner weiter bei ihnen einkaufen möchten. Neben vielen Stammkunden decken sich auch Quartierrestaurants bei Yapicis ein. Wenn Fatma ihren Kunden erzählt, dass bald Schluss sein soll mit dem Verkauf von Obst, Gemüse, Fleisch und Wein, reagieren diese meist entsetzt. Sich gerichtlich gegen den Rauswurf zu wehren, kommt für die Yapicis nicht infrage. «Das kostet nur viel Geld und könnte das Ende unseres Ladens höchstens hinausschieben.»

Dass Wincasa nicht zögert, seine Juristen zu mobilisieren, wenn sie einen Rauswurf durchsetzen will, musste bereits der orientalische Lebensmittelhändler EGE Import Export an der Josefstrasse 53 erfahren. Seit Wincasa 2013 seinen Vertrag nicht verlängerte, versucht Inhaber Erol Kutlu, die Schliessung seines «Süpermarket» mit angeschlossenem Restaurant und Barbierladen zu verhindern. Seit 24 Jahren ist sein Geschäft mit 400 Quadratmetern Verkaufsfläche Anlaufstelle für die orientalische Exilgemeinde der ganzen Schweiz. Die Betreiber des Maison Blunt und des Bebek kaufen bei ihm Halal-Fleisch und nahöstliche Spezialitäten. «In den Laden habe ich sechsstellige Beträge investiert. Das Geschäft ist mein Lebenswerk», sagt Kutlu. Im Geschäft mit Kebab-Restaurant beschäftigt er 15 Mitarbeiter.

Auch von Kutlu verlangte Wincasa ein neues Nutzungskonzept, das den Handel mit Lebensmitteln ausschliesst. «Soll ich hier Frauen herbringen?», fragt Kutlu verbittert. Der Kampf mit dem übermächtigen Gegner hat dem Unternehmer sichtlich zugesetzt. «Wir sind jetzt vor Obergericht», sagt er. ­Wincasa erklärt lediglich, mit Kutlu bestehe «kein gültiges Mietverhältnis». Auf der Website hat Wincasa die 610 Quadratmeter an der Josefstrasse 53/59 bereits ausgeschrieben. Ab wann sie frei werden, kann der Wincasa-Ansprechpartner nicht sagen.

Nachtrag: Inzwischen wurde eine Unterschriftensammlung lanciert. Die Unterzeichnenden fordern den Verbleib des Dirok-Ladens im Kreis 5 «ohne schikanöse Auflagen.» (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 09.03.2016, 21:53 Uhr)

Stichworte

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

TA Marktplatz

Werbung

Kommentare

Blogs

Blog Mag Echt oder falsch?
Outdoor Der Lauf meines Lebens

Sponsored Content

Design Sackmesser

Weil Sie sowieso nie wissen, was Sie schenken sollen.

Die Welt in Bildern

Die Lichter am Ende des Laufstegs: Models präsentieren an der Fashion Week in Paris die Kollektion von Designer Simon Porte Jacquemus. (27. September 2016)
(Bild: Etienne Laurent (EPA, Keystone)) Mehr...