«Wir Schweizer haben den Unternehmergeist in den Genen»

Michael Stucky hat geschafft, wovon viele träumen: Sein Start-up wurde von einer Grossfirma für 212 Millionen Dollar gekauft.

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Mit dem Verkauf von GlycoVaxyn im letzten Jahr wurde ein Megadeal abgeschlossen. Dennoch sind Sie und Ihr Unternehmen der Öffentlichkeit kaum bekannt. Weshalb?
Das hängt wohl damit zusammen, dass der Impfstoffbereich nicht sehr sexy ist. Krebs- oder Herz-Kreislauf-Therapien werden öffentlich stärker wahrgenommen. Dabei handelt es sich um einen interessanten Markt – auch wirtschaftlich gesehen.

Weshalb war die Firma dem Pharmakonzern GlaxoSmithKline 212 Millionen Dollar wert?
Mein Partner Michael Wacker entwickelte im Rahmen seiner ETH-Dissertation eine neue Plattformtechnologie. Diese ermöglicht eine biotechnische Herstellung von Impfstoffen. Im Gegensatz zum herkömmlichen chemischen Verfahren funktioniert sie schneller und günstiger. Sie ermöglicht die Herstellung von Impfstoffen gegen Krankheiten, für die es bisher keine gab. Unser Fall bestätigt damit den Trend: Grosse Pharmafirmen kaufen innovative Unternehmen vermehrt auf, statt selbst Ideen zu entwickeln.

Immer mehr Zürcher Start-ups gelingt ein sogenannter Exit – der gewinnbringende Verkauf. Hat jeder Jungunternehmer dieses Ziel?
Es ist einem Unternehmen nicht förderlich, wenn von Anfang an der Verkauf im Vordergrund steht. Der wahre Unternehmer will am Anfang einer Idee stehen, die später einmal den Unterschied macht. Diesen Unternehmergeist haben wir Schweizer irgendwie in den Genen. Ansonsten hätte dieses Land nicht so viele erfolgreiche Firmen hervorgebracht.

Der durchschnittliche Schweizer ist aber nicht sehr risikofreudig.
Mag sein. Was uns von den Amerikanern unterscheidet, ist die Fehlerkultur. Die Angst zu versagen ist gross, Scheitern in der Regel tabu. Wir sollten toleranter werden. Denn nur wer scheitert, weiss beim nächsten Mal, wie es besser geht. Deshalb ist es wichtig, dass man den Jungunternehmern in den ersten Monaten eine finanzielle Sicherheit bietet. Das gibt Raum zum Ausprobieren.

«Die Angst zu versagen ist gross, Scheitern in der Regel tabu. Wir sollten toleranter werden.»Michael Stucky

Die ETH unterstützt junge Unternehmer mit Infrastruktur und Know-how, stellt Kontakte zur Privatwirtschaft her. Was erhält die Hochschule im Gegenzug?
Der Ruf der Hochschule profitiert durch diese Erfolgsgeschichten. Sie sind der Beweis dafür, dass der Standort Schweiz für Jungunternehmer geeignet ist. Das zieht neues Kapital und ausländische Fachkräfte an.

Gibt es eine finanzielle Beteiligung oder ein Mitspracherecht?
Eine Beteiligung ist möglich, ein Mitspracherecht gibt es in der Regel nicht. Wie hoch der Gewinn für die ETH in unserem Fall war, kann ich nicht beantworten. (Anm. d. Red.: Gemäss ETH betrug sie rund 500 000 Franken.)

Sie und Ihr Geschäftspartner müssen sich wohl keine finanziellen Sorgen mehr machen.
Der Eindruck täuscht: Alleine 50 Millionen Dollar hatten wir zuvor an Eigenkapital aufgenommen. Meistens sind die Firmengründer nicht die Mehrheitsinhaber – auch wir nicht. Aber klar: Es handelt sich um einen Superdeal. Nun gebe ich mein Wissen als Start-up-Coach an andere Jungunternehmer weiter.

Was sind Fehler, die Jungunternehmer häufig begehen?
Der Schritt vom Labor in die Privatwirtschaft will oftmals nicht gelingen. Eine Idee kann noch so gut sein: Wenn nicht frühzeitig Kontakte zu Investoren und zur Industrie geknüpft werden, bleibt sie wertlos. Jungunternehmer treten diesbezüglich oftmals gehemmt auf. Der Schweizer Unternehmer Hansjörg Wyss hat dies erkannt. Sein Forschungszentrum wurde auch gegründet, um das «Todestal» zwischen Akademie und Privatwirtschaft zu überbrücken.

Gewisse Stimmen sprechen von einem «unternehmerfeindlichen Klima» in der Schweiz.
So schlimm kann es nicht sein. Sonst würde es nicht so viele erfolgreiche Start-ups geben. Bei Geldgebern besteht allerdings die Tendenz, in etablierte Firmen zu investieren, weil die kurzfristige Rendite über der Risikobereitschaft steht. Ausserdem muss die Politik höllisch aufpassen, dass sie die Schweiz nicht isoliert. Dass die Zusammenarbeit mit europäischen Forschungseinrichtungen gefährdet ist, stimmt mich nachdenklich. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 23.01.2016, 17:37 Uhr)

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Michael Stucky (42) gründete 2004 gemeinsam mit Michael Wacker und Urs Tuor das ETH-Spin-off GlycoVaxyn in Schlieren. Nach mehrjähriger Abwesenheit und Aufenthalten im Ausland, kehrte er 2011 als Finanzchef zum Unternehmen zurück. Im Februar 2015 wurde GlycoVaxyn für 212 Millionen Dollar an den britischen Pharmakonzern GlaxoSmithKline (GSK) verkauft. Heute arbeitet Stucky als operativer Chef im Wyss Translational Center Zurich. Nebenbei engagiert er sich bei der ETH im Förderprogramm für Jungunternehmer.

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