«Wir alle erwarteten einen Polizeieinsatz»

Die Krawallnacht vom Wochenende hat nicht nur die Polizei überrascht. Ein Teilnehmer berichtet. Aufgezeichnet von Stefan Hohler.

1/10 Polizeivorsteher Daniel Leupi will mehr Polizeipräsenz auf den Strassen Zürichs.
Markus Heinzer, newspictures

   

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«Das SMS kommt am Samstagnachmittag: ‹Reclaim the Streets. Kommt zahlreich!› Es stammt von einer Kollegin, die es wiederum von einer Kollegin erhalten hatte. Der Freundeskreis reagiert aufgeregt. Die letzte ‹Reclaim the Streets› im Herbst 2003 ist vielen als legendärer Abend im Gedächtnis geblieben. Ein Abend, an dem das junge Zürich trotz Tränengasnebel und Gummischrotregen seine Lebendigkeit bewies. Leider klappte das nicht ohne Sachbeschädigungen. Aber die Euphorie dominiert die Erinnerung.

Am Samstagabend um zehn sieht alles nach einer gelungen Wiederholung aus. Es ist kühl, aber trocken. Zwei Disco-Mobile, eines als Polizeiauto bemalt, sorgen für den Sound. Der DJ trägt ein Kostüm aus blinkenden Glühbirnen, sorgfältig hergerichtet wie für einen Fastnachtsumzug. Die Mehrheit der Teilnehmer sind weder Hooligans noch Linksautonome, sondern junge Zürcher, die studieren oder normalen Jobs nachgehen. Sie halten Zürich für zu durchkommerzialisiert und freuen sich auf einen Abend, der sich nicht an den immer gleichen fünf Orten abspielt. Dann geht es los. Man tanzt – die Musik unterscheidet sich kaum von einer Klubnacht – schwatzt, trifft Bekannte und geniesst es, in der Mitte der Fahrbahn über die Limmatstrasse zu spazieren. Aus einem gemieteten Lieferwagen wird Suppe und Bier verkauft. Der halbe Liter kostet 3 Franken. Übermässig betrunken scheint niemand. Am Rande des Zuges rennen Maskierte hin und her, sie wirken jung, mit Schablonen versprayen sie Gebäude. Niemand weist sie zurecht. Polizisten sind weit und breit keine zu sehen. Zuschauer laufen spontan mit, Flyer, die gegen die Räumung des Kalkbreite-Areals protestieren, machen die Runde.

Zerstörungswut ist gross

Beim McDonald’s an der Langstrasse klirren die ersten Scheiben. Wir gehen am Ende des Zuges und haben von der Aktion nichts mitbekommen. Man schüttelt die Köpfe – ‹so billig, was hat McDonald’s mit Freiflächenmangel zu tun?› – und spaziert weiter. In der Langstrassenunterführung bricht Jubel aus. Wo sonst Autos röhren, tun dies nun die Bässe. Beim Hooters vor dem Helvetiaplatz zertrümmern Vermummte die Scheiben, es folgen die ZKB und die Mercedesgarage 200 Meter weiter. Die üblichen Klischee-Ziele. Die Zerstörungen geschehen ausgesprochen schnell. Nach ein paar Sekunden haben sich die Vermummten wieder unter die Menge gemischt.

Alle erwarten den Polizeieinsatz, doch er kommt nicht. Offenbar auch zur Überraschung der Organisatoren. Der Zug stockt mehrmals, als ob über die Richtung diskutiert werde. Schliesslich bewegt er sich über die Stauffacherstrasse Richtung Innenstadt, bis die Polizei die Brücke über die Sihl blockiert. Man hört Schreie, Glasscheiben zersplittern, Feuerwerk explodiert, Tränengas breitet sich aus, Maskierte spurten herum. Einer blutet im Gesicht. Die Discowagen und das Barauto sind in Seitenstrassen verschwunden. Der Zug verzettelt sich. Kurz darauf sammeln sich die Teilnehmer erneut auf der Badenerstrasse. Es sind bedeutend weniger als zuvor. Die Stimmung ist gedrückt. Die meisten gehen enttäuscht nach Hause. Die grosse Party auf Zürichs Strassen ist ausgeblieben. In Erinnerung bleiben die Schäden.» (mro)

Erstellt: 09.02.2010, 14:07 Uhr

Zürich

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