«Wir leben in einem religiösen Vakuum»

Adolf Muschg ist wieder in die Kirche eingetreten. Am Sonntag predigt der Schriftsteller im Grossmünster.

«Die Kirche ist unbequem, aber gnädiger als jede ökonomische Bilanz»: Adolf Muschg vor dem Grossmünster. Foto: Doris Fanconi

«Die Kirche ist unbequem, aber gnädiger als jede ökonomische Bilanz»: Adolf Muschg vor dem Grossmünster. Foto: Doris Fanconi

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Am Sonntag steigen Sie auf die Zwingli-Kanzel. Sie sagten einmal, Sie seien «bis in die Wolle reformiert gefärbt» – meinten das aber negativ.
Zwingli war eigentlich nicht der Heilige meines Vaters. Das waren die Pietisten, der kleine Zirkel, der Hauskreis, wo man den Pfarrer fortschickte, weil man es besser wusste. Das war das Modell meines Vaters. Mein Vater ist zwar in die Kirche gegangen, aber nur, wenn kein Liberaler predigte, sondern ein sogenannt Positiver. In Zollikon war das Hugo Sonderegger, der sich später am Grossmünster als Nonkonformist entpuppte und etwa die Bewegung Longo maï unterstützte. Für mich war er das Vorbild eines lebendigen Christen, der sich befreit hatte von seinen eigenen Windeln und Zwangsjacken. So wie ich. Ich habe aber kein Recht, mein kulturelles Genom zu disqualifizieren. Man lebt davon, genauso, wie man dagegenleben muss.

Werden Sie das Erbe von 500 Jahren ­Reformation verteidigen?
Das wäre vermessen. Gottesfürchtige Kindheiten, die es in meinem Fall noch gab, sterben aus. Wir haben nie ein lebendiges Bild Zwinglis gehabt. Das Klischee bornierter Sittenstrenge ist zu dürftig, nicht nur, weil er, wie so mancher Kleriker, ein Kind zeugte, was bekannt war und seiner Berufung nach Zürich nicht im Wege stand. Ein Genie wie Luther war er nicht, dafür die Spitze einer Bürgerbewegung und als Person ein frei gesinnter Humanist und Ehrenmann – mit Toggenburger Hintergrund.

Gibt es für Sie tragende christliche Werte, die mit der Reformation verbunden sind?
Einer der Gründe, warum ich in die reformierte Kirche wiedereingetreten bin . . .

...Sie sind wiedereingetreten?
Ich war fast mein ganzes Erwachsenenleben lang draussen. Das war ein Bekenntnisakt. Und paradoxerweise ist es jetzt wieder einer. Ich bin wiedereingetreten vor etwa zwei Monaten. Es geht mir nicht einmal um die reformierte Kirche, sondern um den Status der Reli­gionen in der Gesellschaft überhaupt. Heute ist das eine Minderheitenposition geworden, und die Werte, die die Kirche transportiert, wenn sie dem Evangelium treu sein will, sind immer radikale, der Normalität entgegengesetzte, widernatürliche Werte gewesen wie die Feindesliebe. Dieses Gebot der Feindesliebe ist der Kern der evangelischen Botschaft. Die Kirche, in die ich wiedereingetreten bin, ist unbequem, aber auch gnädiger als jede ökonomische Bilanz.

Lebt denn die Kirche diese Feindesliebe?
Sie ist für den «natürlich» genannten Menschen Überforderung pur. Aber der zivile Kern davon ist: Man muss sich in die Position der anderen Seite versetzen können. Das ist ein Stück Aufklärung. Wir erleben gerade die Wahl eines Präsidenten, dem diese Freiheit abgeht, und er ist auch noch stolz darauf: Wer nicht für ihn ist, ist gegen ihn.

Ihr Wiedereintritt ist eine Reaktion auf die Wahl Donald Trumps?
Nein, das wäre zu viel Ehre für Trump. Wenn Sie wollen, ist es eine Reaktion auf die Globalisierung und Digitalisierung des Lebens. Was sich rechnet, ist real, was sich für mich rechnet, ist gut. Das ist Idioten-Ökonomie, und sie hat sich zur Richterin über alle Lebensbereiche gemacht, bis zum Gesundheits- und Bildungswesen. Auch da wird ersparter Aufwand zum Mass aller Dinge. Die typische Frage eines Studenten lautet heute: Muss ich das lesen? Was die sogenannte Bologna-Reform «Qualifikation» nennt, ist ein Fitness-Training für den Markt, Abrichtung zum Quote-Machen. Unterm Strich, auf den junge Menschen in den Wettbewerb geschickt werden, erscheint eine statistische Grösse, kein gebildeter Mensch. Alles, wofür ich zu leben gelernt habe – ich kann jetzt schon langsam vom nahenden Ende reden –, beruht auf dem entgegengesetzten Prinzip, auf dem Zweckfreien.

Werte wie die Feindesliebe sind nie staatstragend geworden.
Aber ohne den Stachel der Feindesliebe: Wie wäre der Staat jemals dazu gekommen, Untertanen als Bürger anzuerkennen? Das heisst: sie von seinem eigenen Anspruch freizustellen und ihre Rechte auch gegen sich selbst zu garantieren? Die Würde des Menschen ist immer die Würde des andern. Sicher: Der Verfassungsstaat musste zuerst einer allmächtigen Religion abgewonnen werden. Heute aber ist er fast so ohnmächtig geworden wie sie. Er hat an seinen rechtsstaatlichen Prinzipien ja auch mehr als genug gesündigt, namentlich als kriegstreibender Nationalstaat. Wenn ihm in der christlichen Religion wieder etwas von seinem verlorenen Gewissen, seiner verkauften Seele begegnete – wo denn sonst? Dafür aber müsste die Kirche selbst wieder mehr sein als eine Agentur guten Verkaufs.

Die mit Strukturprozessen beschäftigte Kirche widerspiegelt dieses Ideal also nicht?
Sie sucht Mieter für leere Kirchenräume oder füllt sie mit Events. Aber die Architektur dieser Räume sagt immer noch, dass sie für etwas anderes gebaut wurden. Der Auftrag der Religion ist ein permanenter. Er erschöpft sich nicht in Seelsorge oder Krankenfürsorge. Die Kirche muss in alle unbesetzten Stellen unserer Gesellschaft stossen und hat mehr zu tun als je. Wir leben ja in einem unglaublichen religiösen Vakuum.

Drängt sich da die Wertedebatte auf?
Alle führen Werte im Mund, aber wir gehen stillschweigend davon aus, unter dem Strich müssen sie sich lohnen. In der Kunst ist es ein bisschen anders. Jacob Burckardt hat gesagt, wir hätten drei Grundbedürfnisse: Religion als Sinn, den Staat als gute Ordnung und die Kultur als Freiheit. Diese drei Bedürfnisse sind in sich widersprüchlich. Diesen Widerspruch auszuhalten, da erst beginnt die Zivilisation. Wir halten heute die Widersprüche nicht mehr aus. Wir müssen sie schubladisieren, ablegen in einer Kategorie. So entstehen Feindbilder. Wir beschränken uns durch unsere Feindbilder selbst. Das haben die alten chinesischen Taoisten besser gemacht: Zu jedem Yin gehört ein Yang, zu jedem Schachzug in Weiss einer in Schwarz.

Sie werden über den Guten Hirten predigen. Die Gegenfigur zum ­autoritären Gott Ihrer ­Kindheit?
Vielleicht, aber der Gute Hirte ist eine unglaublich dialektische Figur. Er ist ja auch das Lamm, das der Welt Sünde trägt. Hier scheint das zentrale Opfer der menschlichen Kulturgeschichte auf: der Sündenbock, den wir erst schlachten müssen, bevor wir anfangen können, ihn göttlich zu verehren.

Das wäre heute der Islam?
Ja, der kommt uns als Instant-Feindbild überaus gelegen. Wer interessierte sich vor zwanzig Jahren für den Islam? Wer erinnert sich daran, dass er in unserem Mittelalter eine Hochzivilisation entwickelte, die uns nicht nur Mathematik, Medizin und Astronomie voraushatte, sondern auch Toleranz und Ritterlichkeit? Dass er die Quellen der antiken Kultur für ihre Renaissance hütete, als bei uns noch Bücher brannten – und Hexen?

Heute tritt der Islam gewalttätig auf.
Wie wir in unseren Kreuzzügen gegen ihn – bis zu denen der US-Präsidenten Bush. Dabei war der koloniale Westen am Zustand des Nahen Ostens seit dem Ersten Weltkrieg ursächlich beteiligt. Wären wir, statt mit «Grimms Märchen», mit «Tausendundeiner Nacht» aufgewachsen, oder hätte es bei uns, statt der Zen-Mode, eine des Sufismus gegeben, wir brauchten die Abgestürzten unserer Weltwirtschaft nicht mit Glaubenskriegern zu verwechseln. Das Gemeinsame zwischen dem radikalen Islam und der AfD sind die von der Glo­balisierung und der Monetarisierung der Welt Abgehängten. Ob Muslime, Deutschnationale oder America-First-Anhänger – überall ist es eine Reaktion auf einen Zustand der Welt, der ausser Gleichgewicht ist.

Der Islam zeigt nicht sein wahres Gesicht?
Ich glaube, wir täten gut daran, in jedem angeschwärzten Gesicht zuerst den Schatten zu bemerken, den wir selber darauf werfen.

Sie haben als Kind ein autoritäres Christentum aufgesogen, sich dann aber nicht direkt seinem mystischen Pol zugewandt, sondern dem Buddhismus.
Ich habe die christliche Mystik über den Umweg Japan entdeckt. Der Zen-Buddhismus war meine befreiende Kraft. Und jetzt traue ich mir langsam zu, zum alten Lessing und seinem Toleranzprinzip zurückzukehren. Zu einem Pluralismus, der nicht unverbindlich ist. Im Alter landet man unvermeidlich bei Goethe, der sagte, Toleranz könne immer nur ein vorübergehender Zustand sein, der beim Interesse enden müsse. Doch Neugier und Interesse gelten wenig in der heutigen politischen Kultur. Wer hat wirklich Interesse an den Flüchtlingen, die hierherkommen? Wie dankbar sind wir ihnen, dass sie uns das Interesse schwer machen, indem sie kriminell werden und wir wissen, mit wem wir es zu tun haben?

Zieht Sie mehr das aufklärerische oder das mystische Moment zur Religion hin?
Aufklärung und Mystik – geöffnete Augen und geschlossene – bilden für mich keinen Widerspruch. Sie verhalten sich zueinander wie Einatmen und Ausatmen. Ich würde für mich aber nicht das mystische Moment in Anspruch nehmen. Ich bin nicht einer, der hinsitzt und meditiert. Das habe ich früher gemacht. Je älter ich werde, umso dank­barer bin ich, dass es diesen Skandal namens Aufklärung gab, als ungemein widersprüchliches Gebilde. Ich entdecke eben im Toleranzgebot, oder im Interessegebot, wie es Goethe zugespitzt hat, das Moment der Feindesliebe, etwas, was schon im Evangelium angelegt ist: die Perspektive des andern.

Aber Ihr Wiedereintritt in die ­Kirche ist Ausdruck eines erstarkten Glaubens?
Ich bin mir meines Erbes bewusster geworden und von diesem Erbe ein Stück freier. Das erlaubt die Rückkehr zu den alten Matrizen. Aber ich bin weniger gläubig als je. Meine gottesdienstlichen Bedürfnisse werden wenn schon durch die Kunst abgegolten. Wenn ich sehe, wie die antike Tragödie mit der Widersprüchlichkeit des Menschen umgeht, dann muss ich sie einfach bewundern.

Predigt Adolf Muschg, Sonntag, 10 Uhr, im Grossmünster. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.03.2017, 08:19 Uhr

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