«Wir müssen den Dealern sagen: Ich lebe hier»

An einer Kundgebung beklagten am Samstag rund 70 Anwohner die zunehmende Gewalt im Kreis 4. Sie forderten Zivilcourage gegen Dealer – und ein Konzept für die Entwicklung des Quartiers.

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Das Restaurant Pflug an der Brauerstrasse hat auf eigene Faust einen Sicherheitsdienst verpflichtet und so auf die zunehmende Aggression der Drogendealer reagiert. Seit zwei Wochen patrouilliert der private Sicherheitsdienst zu unregelmässigen Zeiten, um die Dealer abzuschrecken. «Seither ist die Situation besser geworden», sagt einer der Sicherheitsleute. Er ist überzeugt, dass allein seine Präsenz mässigend auf die Drogenhändler wirke.

Besser bedeutet in diesem Fall jedoch noch nicht gut. Wie gross die Sorgen und Ängste, ja die Verzweiflung und Wut der Anwohner sind, zeigte sich an einer Kundgebung am Samstag deutlich. «Kann mir jemand sagen, was ich konkret machen soll, wenn mich ein Dealer bedroht?», fragte eine Frau. Betretenes Schweigen. «Alles Schoggiköpfe. Man sollte sie alle ausschaffen», schrie ein Mann aus Österreich, der seit Jahren im Quartier wohnt.

Anwohner sollen sich vernetzen

Die meisten der rund 70 Teilnehmer waren sich jedoch einig, dass Rassismus und populistische Forderungen ihnen nicht weiter helfen, auch wenn der anwesende SVP-Gemeinderat Mauro Tuena eine erhöhte Polizeipräsenz forderte. «Wir wollen keine Bürgerwehr errichten. Wir wollen auch keine neue Partei gründen. Wir müssen uns vernetzen und uns gegenseitig unterstützen. Jeder von uns sollte Zivilcourage gegenüber den Drogendealern zeigen und dabei nicht von den andern allein gelassen werden», sagte Felix Schaer, einer der Organisatoren der Kundgebung, in einem flammenden Appell. An den Österreicher gerichtet, sagte er laut: «Hinter jedem schwarzen Drogendealer steht ein Schweizer, der damit Geld verdient. Und vielleicht besitzt er sogar eine Liegenschaft an der Langstrasse!» Grosser Applaus. Die Anwohner haben einstweilen ein Forum eingerichtet, auf dem sie ihre Adressen und Erfahrungen, Tipps und Ratschläge austauschen wollen. «Wir müssen den Dealern laut und deutlich sagen: Ich lebe hier!», sagte Schaer.

Besonders in die Kritik geriet Rolf Vieli, der Leiter des Projekts «Langstrasse Plus». Seine Rede wurde wiederholt durch Zwischenrufe unterbrochen. An seiner Person entzündete sich die Wut über die Entwicklung der letzten Jahre im Langstrassen-Quartier: Weil die Langstrasse aufgewertet wurde und deshalb chic geworden ist für das Partypublikum, sind nach Ansicht der Kundgebungsteilnehmer Prostitution und Drogenhandel in die Seitenstrassen abgedrängt worden, aktuell an die Brauerstrasse. Zudem plagt die Anwohner der zunehmende Lärm, hervorgerufen durch immer neue Trendlokale mit Musik bis in die frühen Morgenstunden.

«Die Drogendealer sind lediglich der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Im Grund geht es uns um die Entwicklung des gesamten Quartiers», sagte der Anwohner Schaer. Er und die andern Teilnehmer fordern bessere Schulen, weniger Lärm und günstige Wohnungen, um die Abwanderung von Familien und einkommensschwachen Menschen zu stoppen. «Um die Lebensqualität zu erhöhen, genügt es nicht, die Polizeipräsenz zu erhöhen. Dann verschieben sich die Dealer einfach in die nächste Seitenstrasse», ist Schaer überzeugt.

Laut Daniel Sigg, einem Grafiker, der ebenfalls im Quartier wohnt, ist die zunehmende Gewalt der Drogenhändler eine Folge der Fussball-EM: Während der Euro habe die Polizei sämtliche Seitenstrassen abgesperrt, um die Langstrasse fröhlich und sauber erscheinen zu lassen. Seither habe sich der Handel in die Seitenstrassen, besonders in die Brauerstrasse, verlagert. Sowohl Dealer wie auch Junkies seien einem grossen Stress ausgesetzt und würden sich immer aggressiver verhalten. Während der Kundgebung am späten Samstagnachmittag waren sie für einmal nicht zu sehen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.09.2008, 10:59 Uhr

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