Zürich

«Wir sind grössenwahnsinnig geworden»

Von Christoph Landolt. Aktualisiert am 10.08.2010 67 Kommentare

In einer Nacht sprayte Florian L. 46 Graffiti und verursachte einen Schaden von 425'000 Franken. Jeder Rappen, den er über das Existenzminimum verdient, wird ihm seit der Verurteilung vor neun Jahren gepfändet.

1/6 Für die Schmiererei im Hintergrund hat er wenig Verständnis: Florian L. am Bahnhof Hardbrücke.
Felix Schindler

«Wir sind grössenwahnsinnig geworden»

   

Der Fall Puber

Kürzlich sind neue Schmierereien von einem der aggressivsten Writer Zürichs aufgetaucht. Puber sprüht, malt und schreibt seit Jahren überall seinen Namen hin – gegen ihn seien schon «sehr viele Anzeigen» eingegangen, sagt die Stadtpolizei. Puber selbst sagt, er habe schon tausende Tags gemacht. Dabei gehe es ihm einzig darum, auf jeder Wand seinen Namen zu sehen. Dass er seine Schriftzügen auch auf Bilder anderer Sprayer hinterlässt, bringt Puber auch in der Sprayerszene einen schlechten Ruf ein. Sprayer wie Florian L., die Bilder mit einem ästhetischen Anspruch machen, bezeichnet er abschätzig als «ZHDK-Studenten», als «Michis». (fsc)

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Er war 21-jährig, als die Handschellen zuschnappten. Allein in dieser lauen Frühlingsnacht hatten Florian L. und seine Kumpanen 46 Sachbeschädigungen begangen, die von der Polizei nachgewiesen werden konnten. «Wir sind grössenwahnsinnig geworden», gibt L. zu. «Wir haben am helllichten Tag gesprayt, ab Mittag» – und das, obwohl zwei Crew-Mitglieder der Polizei bereits bekannt waren. Dennoch wüteten L. und seine Sprayerkumpanen weiter, ohne an die Risiken zu denken.

Heute ist Florian L. 30-jährig und stottert noch immer den Sachschaden ab, den ihm die Polizei vor neun Jahren nachweisen konnte. Dabei waren deren Bemühungen, den Sprayern auch vergangene Taten nachweisen zu können, nicht einmal sehr erfolgreich: Lediglich zwei weitere Fälle von Sachbeschädigung kamen zu den 46 aus der Nacht der Verhaftung hinzu. Dennoch musste sich das Quartett vor Gericht für immensen Schaden verantworten. Die Sprayereien kumulierten sich auf mehr als eine Millionen Franken.

500'000 Franken Schulden

Florian L. und zwei seiner Kumpane kooperierten bei den Verhören nicht. Der Vierte allerdings packte aus. Seine Aussagen halfen der Polizei, die Taten ihren Verursachern zuzuordnen, was mit einer Strafminderung belohnt wurde. L. aber, der von der Staatsanwaltschaft als Drahtzieher verdächtigt wurde, zeigte vor Gericht keine Reue. Mehrere Instanzen befanden ihn für schuldig. L. hatte 425'000 Franken Schadenersatz zu bezahlen. Dazu kamen eine Busse sowie Anwaltskosten und Gerichtsgebühren.

Der damals 21-Jährige wusste nicht, wie er diese insgesamt 500'000 Franken je würde zurückzahlen können. «Deshalb flüchtete ich nach Berlin, dort habe ich von T-Shirt-Verkäufen und meiner Kunst gelebt», erinnert er sich. An eine Rückkehr war nicht zu denken. Dann aber geriet er in der U-Bahn in eine Personenkontrolle. Florian L. wurde an sein Heimatland ausgeliefert. Nun erst stellte er sich seiner Verantwortung. «Ich wollte und will eine Familie gründen, und dafür muss ich meine Schulden begleichen.»

Unter dem Existenzminimum

Seither wird jeder verdiente Rappen, der das Existenzminimum übersteigt, gepfändet. «Manchmal überweise ich sogar mehr, damit der Schuldenberg endlich schrumpft.» Nach neun Jahren ist noch immer die Hälfte davon übrig. Dass auch nach bald einem Jahrzehnt des Verzichts erst die Hälfte der Schäden abbezahlt ist, frustriert Florian L. «Ich kämpfe immer wieder mit Motivationsschwierigkeiten.» Oft habe er mit dem Gedanken gespielt, abzuhauen. «Aber das braucht viel.» Sein Umfeld in Zürich wolle er nicht einfach aufgeben, seine Wurzeln nicht einfach kappen.

Deshalb werden die Pfändungen weitergehen. Florian L. will sich seinen Platz in der Gesellschaft zurückkaufen. Dazu jobbt er in einem Brockenhaus. Die Spraydose hat er auch nach seiner Verurteilung nicht weggelegt. In legalem Rahmen, bei der Roten Fabrik etwa, betreibt er weiterhin «Street Art». Manchmal springt sogar etwas raus, wenn er ein Graffito verkaufen kann.

Mit 13 hat Florian L. begonnen, Graffiti zu sprühen. «Mein Traum war, Kunstmaler zu werden.» Mit 16 zog er aus der Agglomeration in die Stadt Zürich und fand Kumpane; gemeinsam zogen sie fast jeden Abend los. «Wir wollten Grosses tun: Keine Schriftenmalerei, sondern Comics, richtige Bilder.» Mit 18 sprayten sie nicht nur in ganz Zürich, sondern auch in Spanien, Frankreich oder Ägypten.

Ausbildung abgebrochen

Natürlich würde L., wenn er denn könnte, das Rad der Zeit zurückdrehen und einige Dinge anders machen. «Das Sprayen hat mir damals Spass gemacht, aber es ist nun einmal mit Sachbeschädigung verbunden. Und die ist verboten.» Diese Botschaft überbringt er heute auch an Workshops an Primarschulen. Obschon Florian L. wenig Wert auf materielle Güter legt – den Gedanken, was er sich mit all dem Geld leisten könnte, diesen Gedanken will er nicht laut zu Ende denken. «Ich wäre sicher an einem anderen Ort.» Er hätte die Kunstgewerbeschule abgeschlossen, die er wegen der Schulden abbrechen musste. Gerne hätte er auch eine Ausbildung als Kunsttherapeut angehängt. Vielleicht würde er heute ein eigene Wohnung besitzen.

Florian L. wird voraussichtlich 40 sein, wenn er seinen Schuldenberg abgetragen hat. Dann will er mit seiner Kunst eine Familie über die Runden bringen. «Ich glaube immer noch, dass ich für die Kunst gemacht bin.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.08.2010, 12:32 Uhr

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67 Kommentare

susanne beerli

10.08.2010, 15:15 Uhr
Melden 2 Empfehlung

Über eine Million Franken für Farbentfernung?! Ist doch ein Witz! Da haben irgendwelche wohl eine goldene Nase verdient. Antworten


Philipp Betschart

10.08.2010, 14:17 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Ob schön oder nicht, darüber lässt sich bekanntlich streiten. Fakt ist, Florian hat gegen das Gesetz verstossen und steht dafür gerade, wozu heute leider nur noch die wenigsten fähig sind. Man muss sich wohl eher fragen, warum andere Personen die wesentlich schlimmeres angestellt haben häufig mit einem blauen Auge davon kommen... Antworten



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