Wo Junkies alt werden

Wer den Platzspitz überlebte, ist heute um die 50 und meist gebrechlich. In einem Haus in Zürich dürfen die Langzeit-Junkies bis zu ihrem Tode bleiben – aber jeder Vierte muss wieder gehen.

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«Ich fühle mich noch nicht reif fürs Altersheim», meint Anna Kübler*. Die 50-Jährige lebt seit sechs Monaten im «Altersheim» für Drogenabhängige an der Gerechtigkeitsgasse. Davor lebte sie ein halbes Jahr auf der Strasse. Ihr Zimmer in einer anderen sozialen Einrichtung hatte sie verloren: «Ich hatte einen Freier mit auf mein Zimmer genommen, was ich nicht durfte.»

Kübler ist klein, ihr Gesicht vernarbt, die Hände von Einstichen geschwollen. Ihr Leben hat ihrem Körper einiges abverlangt. «Meine beiden Kniescheiben sind kaputt, ein Rippenbruch ist niemals richtig ausgeheilt», erzählt sie. Wo sie sich die Verletzungen zuzog, weiss sie nicht mehr. «Wahrscheinlich irgendwo auf der Strasse.» Eine schwere Bronchitis und eine chronische Lungenentzündung plagen sie zusätzlich. Ihre Geschichte gleicht einer Achterbahn. Mit 17 holte sie das Sozialamt von ihrem prügelnden Vater weg. Mit 19 kam sie auf den Geschmack von Drogen. Mit 20 hing sie an der Nadel.

Kübler war überall dabei, wo sich die Drogenszene in den letzten 30 Jahren breitmachte. Im AJZ als sie Anfang 20 war, später in der Wolgroth und in der offenen Drogenszene auf dem Platzspitz und beim Letten. Früh musste sie sich auf dem Strich Geld dazuverdienen, um ihre Sucht zu finanzieren. Noch heute steht sie täglich drei Stunden am Sihlquai und wartet auf Kunden. «Es ist schwierig geworden. Die jungen Osteuropäerinnen sind halt sehr beliebt.»

Fast alle Bewohner sind HIV-positiv

Das Zimmer von Kübler ist sauber und auffallend detailverliebt eingerichtet. Afrikanische Masken und ein grosser Kerzenständer zieren den Raum. Auf ihrem Pult liegt das Besteck für den Konsum, fein säuberlich neben Lesebrille und Schreibwaren. Kübler ist eine von 19 Schwerstabhängigen, die im Betreuten Wohnen City ein Zuhause gefunden haben. «Fast alle sind HIV-positiv und haben allerhand Gebrechen, die mit ihrer Sucht zusammenhängen», erklärt Marianne Spieler, die Leiterin der städtischen Einrichtung. Der jüngste ist 36 Jahre alt, der älteste – ein schwerer Alkoholiker – zählt 76 Lenze.

Jeder hat ein einfaches Zimmer, in dem er auch konsumieren darf. Doch nur wenige richten dieses so sorgsam her, wie es Kübler tut. «Einmal am Tag machen wir eine Güselrunde, damit die Zimmer ein Mindestmass an Sauberkeit aufweisen», meint Spieler. Die Mitarbeiter gehen dabei äusserst vorsichtig vor. Sie tragen Handschuhe, fassen nur direkt an, was nicht mit einem Hilfsmittel zu bewegen ist. Eigentlich müssten die Bewohner ihre Spritzen in Petflaschen entsorgen, «aber man weiss ja nie, ob nicht doch eine woanders landet.»

Drogen besorgen als Tagesstruktur

Auch Rundgänge stehen auf der Tagesordnung. «Weil die Klienten auf ihren Zimmern rauchen dürfen, besteht immer die Gefahr eines Brandes.» Der Zimmerboden eines Mitbewohners macht dies deutlich: Neben einem Löffel, den er zum Erwärmen des Stoffs braucht, ist der Boden mit Dutzenden Brandlöchern übersät.

Für die Bewohner sei es schwierig, auch nur im Kleinen eine Tagesstruktur aufrechtzuerhalten. Die Betreuer sind somit Tag und Nacht für sie da: «Wir koordinieren Termine wie Arztbesuche, schauen, wie es ihnen geht und dass die Regeln eingehalten werden.»

Einzig ihr Geld und ihre Drogen müssen die Bewohner selbst besorgen. Ersteres bei den zuständigen Ämtern, Letzteres bei der Heroinabgabe in der Apotheke oder auf der Strasse. «Damit haben sie eine gewisse Tagesstruktur», meint Spieler. Doch auch hier gibt es Ausnahmen. «Für Notfälle haben wir Methadon und Medikamente im Haus und geben diese auch kontrolliert ab.»

Vier bis fünf pro Jahr müssen gehen

Für die Bewohner gelten klare Regeln: Besuch muss angemeldet werden und nicht jeder wird bewilligt. Gewalt ist tabu, Prostitution verboten und gedealt werden darf innerhalb der Einrichtung nicht. Es droht der Rauswurf. Doch Spieler räumt ein: «Wenn die Zimmertüren geschlossen sind, wissen wir nicht immer, was passiert.» Dennoch müssen vier bis fünf Bewohner im Jahr das Haus verlassen. Meist, weil Drohungen und Gewalt im Spiel waren.

Unter den Bewohnern herrscht denn auch nicht immer eitel Sonnenschein. «Es gibt immer wieder kleinere Streitereien, vor allem wegen ausgeliehenen Geldes», erklärt Spieler. Viele Bewohner seien auch zum Personal oft mürrisch. «Sie sind unzufrieden mit ihrer Lebenssituation und lassen uns dies spüren. Manchmal brauchen wir schon ein dickes Fell», meint Spieler.

«Nach uns die Strasse»

Anders bei Anna Kübler. Sie ist sichtlich froh darüber, einen Unterschlupf gefunden zu haben. Auf der Strasse zu leben, sei ein ständiger Stress. Seit sie in der Einrichtung lebe, habe sich vieles verbessert. «Ich nehme nur noch Kokain.» Mit den Regeln habe sie keine Mühe, den anderen Mitbewohnern gehe sie meist aus dem Weg. Auch mit ihrer Familie pflegt sie keinen Kontakt mehr. «Ich bin eher eine Einzelgängerin.» Kübler möchte bleiben – für immer.

Grundsätzlich darf dies auch jeder Bewohner, sofern er sich an die wenigen Regeln hält. Nur eines könnte bei Kübler zum Problem werden: «Ich habe viele offene Polizeibussen.» Muss sie deswegen für mehrere Monate ins Gefängnis, könnte sie ihr Zimmer verlieren. Diese können nicht lange leer gehalten werden. Zu hoch ist die Nachfrage, zu teuer ein freigehaltener Platz. Solche Fragen beschäftigen auch Einrichtungsleiterin Spieler: «Wir hoffen immer, dass die Leute hier sterben dürfen. Nach uns gibt es nur noch die Strasse.»

*Name geändert

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 17.02.2012, 11:16 Uhr)

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