Wo die Zürcher in der Stadt Probleme sehen

Die Bevölkerungsbefragung 2015 zeigt grosse Unterschiede in der Wahrnehmung der einzelnen Quartiere.

Im Quartier Langstrasse  ist der Lärm das grösste Problem, auch fehlt Grünraum. Aber mit Bus und Tram sind die Bewohner höchst zufrieden .  Foto: Emanuel Ammon (Aura)

Im Quartier Langstrasse ist der Lärm das grösste Problem, auch fehlt Grünraum. Aber mit Bus und Tram sind die Bewohner höchst zufrieden . Foto: Emanuel Ammon (Aura)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

An jeder Ecke Lachen, Schwätzchen, Grüssen, Singen, Ringelreihen und Polonaise – wenn es das in Zürich gäbe, dann am ehesten in Albisrieden. 86,1 Prozent der Einwohner dort sind zufrieden mit ihrem Quartier, so viel wie nirgendwo sonst. Das ergab die Bevölkerungsbefragung 2015 mit ihren zehn Fragen zur Zufriedenheit im Quartier. Gefragt wurden stadtweit 2500 Einwohnerinnen und Einwohner zu folgenden Themen: Nähe zum öffentlichen Verkehr, Grünraum, Sicherheit, Einkaufsmöglichkeiten, Nachbarschaft, Sauberkeit, Verkehrssicherheit, Zusammensetzung der Quartierbevölkerung, Ruhe und Möglichkeiten der Freizeitgestaltung.

Ein Graben im Kreis 9

In Albisrieden erzielten diese Fragen Zufriedenheitswerte zwischen 77 und 96 Prozent: Nähe von Tram und Bus, Einkaufsmöglichkeiten und Sauberkeit werden als besonders positiv genannt. Die Ruhe im Quartier und die Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung bewerten die Albisrieder weniger euphorisch. 87 Prozent sind mit der Zusammensetzung der Quartierbevölkerung zufrieden, deutlich mehr als im nördlichen Nachbarquartier Altstetten (66 Prozent). Was auffällt: In Albisrieden liegt der Ausländeranteil bei 25,6 Prozent, in Altstetten bei 35,4. In der Problemwahrnehmung stehen Ausländerfragen in Albisrieden an sechster Stelle, in Altstetten an dritter. Generell ist die Zufriedenheit der Altstetterinnen und Altstetter in dieser Befragung vergleichsweise tief: 77,3 Prozent – ähnlich wie in Affoltern und im Kreis 5.

Dafür sind die südlichen Nachbarn fast so gut gelaunt wie die heiteren Albisrieder: Im Quartier Friesenberg herrscht eine Zufriedenheitsquote von 84,6 Prozent mit Spitzenreiter öffentlicher Verkehr und Grünraum. Schlusslicht sind die Einkaufsmöglichkeiten in der Nähe. Neun von zehn Befragten am Friesenberg sind mit ihrer Wohnsituation zufrieden – so viel wie in keinem anderen Quartier. 55 Prozent der Wohnungen gehören Baugenossenschaften. Nur Saatlen hat einen höheren Anteil.

Doch wo bleibt der Zürichberg mit seiner privilegierten Lage? Macht Aussicht nicht glücklich? In Fluntern offenbar nicht, denn dort ist die durchschnittliche Zufriedenheit tiefer als in den tiefer gelegenen Quartieren Hottingen/Hirslanden und Unterstrass. Sie haben 83,4 Prozent Zufriedenheit – der dritthöchste Wert in Zürich. In diesen drei Quartieren sind die Bewohner vom öffentlichen Verkehr begeistert und sehr zufrieden mit der öffentlichen Sicherheit. Weniger gut schneiden die Möglichkeiten der Freizeitgestaltung ab. Unterstrass bemängelt vor allem die Verkehrssicherheit und die Ruhe.

Witikon ist mit 83,2 Prozent fast gleich zufrieden, doch fehlt es dort an der Begeisterung über den öffentlichen Verkehr. Das hoch gelegene Randquartier hat immer noch keine direkte Busverbindung ins Stadtzentrum. Auf Witikon folgt der Kreis 8 mit 82,9 Prozent ­Zufriedenheit. Wegen der Lage am See hätte man in diesem Quartier mehr Frohlocken erwartet, doch die Möglichkeiten der Freizeitgestaltung und die Zusammensetzung der Quartierbevölkerung werden eher skeptisch bewertet (64 Prozent). Zum Vergleich: In Oberstrass sind 88 Prozent zufrieden mit ihrer Bevölkerungsstruktur.

Es ist zu laut

Unten in der Stadtmitte hat es das Glück schwieriger als am Berg. Der Kreis 4 mit den Quartieren Werd/Langstrasse und Hard weist mit 72,8 Prozent und 73,0 Prozent die geringste Zufriedenheitsrate in Zürich aus. Mangelhaft ­werden wahrgenommen: Grünraum, Sauberkeit, Verkehrssicherheit und Ruhe. Mit bloss 46 Prozent Zufriedenheit hat die Ruhe im Langstrassenquartier den tiefsten Wert der gesamten Bevölkerungsbefragung. Die Sicherheit in der Öffentlichkeit wird im Langstrassenquartier zwischen Kaserne und Helvetiaplatz mit 75 Prozent bewertet – 8 Prozentpunkte tiefer als im Gesamtschnitt der Stadt.

Und wie sieht es jenseits des Irchels aus? Zürich-Nord hatte noch nie den Ruf, ein Garten der Glückseligen zu sein; der Hang von Schwamendingen, in Volksabstimmungen Nein zu sagen oder mit dem höchsten Nein-Anteil zu stimmen, ist legendär. Doch letztes Jahr in der Bevölkerungsbefragung waren es nicht die Schwamendinger, sondern die Seebacherinnen und Seebacher, die in Zürich-Nord am meisten Unmut über ihr Umfeld äusserten: bloss 73,1 Prozent Zufriedenheit, fast wie in Aussersihl. Dabei beurteilt Seebach die Lebensqualität in Zürich eigentlich als hoch bis sehr hoch. Doch vor der eigenen Haustür siehts weniger gut aus: öffentliche Sicherheit (68%), Sauberkeit (69%), Freizeitgestaltung (67%) und Zusammensetzung der Quartierbevölkerung (52%). Kein Quartier bewertet Sicherheit und Bevölkerungsstruktur so schlecht wie Seebach.

Grünes Schwamendingen

In Hirzenbach, dem östlichen Teil von Schwamendingen, ist die Zufriedenheit im Quartier leicht grösser: 75,1 Prozent. Anders als in Seebach deckt sich das mit dem Wert für die ganze Stadt. In allen Quartieren wird die Lebensqualität von Zürich höher eingestuft als die Qualität im Quartier, ausser in Hirzenbach: 76 Prozent. Besonders geschätzt werden in Hirzenbach der öffentliche Verkehr – auch wenn sich der Kreis 12 einst gegen das Tram nach Schwamendingen gewehrt hat. Ferner gelten die Grünräume und die Einkaufsmöglichkeiten als Pluspunkte. Doch mangelt es an den Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung (58%), an der Ruhe (62%) und an der Zusammensetzung der Bevölkerung im Quartier (56%).

Wenn die Zürcherinnen und Zürcher ihren Blick übers Quartier heben und an die Stadt als Ganzes denken, werden sie sofort euphorisch: 89 Prozent der Befragten bewerten die Lebensqualität in Zürich mit gut bis sehr gut, 2 Prozentpunkte mehr als vor zwei und vier Jahren. So differenziert sie ihr Quartier offenbar wahrnehmen, von der Stadt schwärmen sie wie Touristen.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 19.02.2016, 22:41 Uhr)

Stichworte

Artikel zum Thema

Hier wohnen die Urzürcher

Datenblog Eine Datenauswertung zeigt, in welchen Quartieren echte Stadtzürcher wohnen. Viele sind es nicht. Zum Blog

Neuer Stadtteil nimmt Formen an

Das Interesse an den knapp 800 Miet- und 200 Studentenwohnungen auf dem ehemaligen Areal des Zollfreilagers in Albisrieden ist riesig. Mehr...

Freie Republik Aussersihl

Serie Im Wahlkreis 4/5 hat die SP ein Heimspiel. Nicht nur, weil dort die «Büezer» einst günstige Wohnungen fanden. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

TA Marktplatz

Werbung

Kommentare

Abo

Digital Abos

Tages-Anzeiger unbeschränkt lesen:
Im 1. Monat nur CHF 1.-

Die Welt in Bildern

Zurück in die Wildnis: Einer von rund 40 Igeln, die nach Verletzungen wieder gesund gepflegt worden sind, wartet in den Händen eines Hüters auf seine Freilassung im ungarischen Kecskemet. (24. August 2016)
(Bild: Sandor Ujvari/EPA) Mehr...