Wo sich Asylsuchende und Anwohner gute Nacht sagen

Eineinhalb Jahr nachdem rund 100 Flüchtlinge im Wydäckerring eingezogen sind, fällt die Bilanz unter den Anwohnern positiv aus – trotz kleiner Konflikte.

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Ruhe und Ordnung herrscht im Wydäckerring an diesem Donnerstagmorgen. Und das, obwohl die meist langjährigen Bewohner der Plattenbausiedlung noch vor eineeinhalb Jahr um diese Idylle fürchteten. Mit einem knappen Zettel in den Briefkästen hatte die Asylorganisation Zürich (AOZ) im Mai 2011 informiert, dass in die leer stehenden Blöcke Asylbewerber einziehen, bis die Häuser totalsaniert werden.

«Früher war hier eine Oase mitten in der Stadt. Jetzt haben wir die Asylbewerber», sagt eine ältere Anwohnerin, die namentlich nicht genannt werden möchte. «Niemand hat Freude an der neuen Situation.» Einen positiven Aspekt kann die Frau der Zwischennutzung jedoch abgewinnen: «Solange dort Asylanten leben, werden die Liegenschaftsbesitzer unsere Häuser bestimmt nicht zu Luxuswohnungen umbauen.»

«Wir wurden ja nicht gefragt»

Weder fühle sie sich in der Nachbarschaft unsicher, noch gebe es Probleme mit Dreck und Lärm. Sie würde sich aber wünschen, dass die fremden Leute sie etwas freundlicher grüssen würden, meint die Frau, die bereits seit 35 Jahren am Wydäckerring lebt. «Aber die kleinen Kinder, die im Hof spielen, sind eigentlich noch herzig», meint sie. «Das bringt ein bisschen Leben in die Siedlung.»

Auch Elisabeth M. hegte Befürchtungen, als sie das Informationsschreiben der AOZ las, das letzten Mai in ihrem Briefkasten lag: «Wir wurden ja nicht gefragt.» Weil ihr der Wydäckerring, in dem sie seit seiner Entstehung Ende der 1970er-Jahre lebt, am Herzen liegt, habe sie sich mit zwei anderen Nachbarn gemeldet, als die AOZ Anwohner für eine Begleitgruppe suchte.

«Rambazamba während des Ramadan»

Konflikte habe es durchaus gegeben: «In den letzten Sommerferien während des Fastenmonats Ramadan haben die Leute am Abend im Innenhof Rambazamba veranstaltet, gekocht und gefeiert.» Viele Bewohner des Wydäckerrings hätten sich über den Lärm aufgeregt.

«Aber es wird nicht besser, wenn man nur hintenrum flucht.» Sie habe darum bei der AOZ angerufen, um im Innenhof ein Treffen zu organisieren. «Genau an jenem Tag regnete es in Strömen, aber es kamen trotzdem Alteingesessene, Vertreter der AOZ und Flüchtlingsfamilien. Ich habe dann vorgetragen, was mich alles störte.»

Sie forderte, dass es ab 20 Uhr und am Sonntag ruhiger werde und dass Raucher ihre Zigarettenkippen nicht im Hof auf den Boden werfen. «Seit diesem Zeitpunkt funktioniert das Zusammenleben gut», sagt Elisabeth M., die von manchen Asylbewerbern schlicht «die Frau mit den weissen Haaren» genannt wird.

Auch Fairouz Ahmad nahm an der Sitzung im Hof teil. Die knapp 30-jährige Syrerin wohnt mit ihren beiden Söhnen in einer Zweizimmerwohnung. Vor einem Jahr sind sie aus der Kriegshölle Aleppo in die Schweiz geflohen. Am Wydäckerring lebt sie, seit ein Teil der Siedlung zur Asylunterkunft umfunktioniert wurde. «Ich verstehe, dass die Leute Ruhe wollen, wenn sie von der Arbeit nach Hause kommen», sagt die Syrerin in gebrochenem Deutsch. «Aber ich kann doch im Sommer, wenn es schön und warm ist, nicht den ganzen Tag mit meinen Kindern in der Wohnung verbringen.» Trotzdem arrangieren sich die Asylbewerber und die Anwohner miteinander: «Mein Sohn Ibrahim geht jetzt mit seinen Freunden zum Fussballspielen auf einen Sportplatz. So stört er hier im Hof niemanden mehr.»

Erfahrungen an Seebacher weitergeben

Ihre Erfahrungen wollte Elisabeth M. an einer Versammlung in Seebach weitergeben. Dort wehren sich die Quartieranwohner vehement gegen eine geplante Containersiedlung für Asylsuchende. Schliesslich würden die Bewohner der 70er-Jahre-Siedlung im Triemli-Quartier auf relativ engem Raum zusammenleben. «Ich war ein bisschen enttäuscht, als man mir dort vorwarf, ich würde den Seebachern in den Rücken fallen, weil ich erzählte, dass es bei uns im Wydäckerring gut klappt», sagt «die Frau mit den weissen Haaren».

Aber zumindest ihre Nachbarn danken Elisabeth M. das Engagement: «Sie ist die Grösste», sagt Bernadette Lauper. Es seien halt sehr viele Kinder eingezogen, die im Sommer im Hof spielten. «Viele störte es, dass sie nach der Arbeit nicht mehr in Ruhe auf dem Balkon ihren Feierabend geniessen konnten», fasst Lauper die Beschwerden der Anwohner zusammen.

Aber seit dem Treffen im Hof würden alle mehr Rücksicht aufeinander nehmen, ist sie überzeugt. Störender seien da die Jugendlichen des Quartiers, die in der Nacht in den Wydäckerring kämen und ihre Abfälle dort hinterliessen. Oder der ständige Wechsel der Leute, die in den Business-Apartments untergebracht würden, die sich im Wydäckerring eingemietet haben.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 18.10.2012, 13:37 Uhr)

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