«Wohnraum ist eine Frage des Prestiges»
Interview: Tina Fassbind. Aktualisiert am 17.09.2011 3 Kommentare
Online-Debatte über die Entwicklung der Stadt Zürich. (Bild: PD)
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Seit Donnerstagmorgen läuft auf dem Online-Portal «Stadtdebatte» eine Diskussion über die Entwicklung von Zürich. Lanciert wurde das Projekt von der Stadt Zürich, um die Bevölkerung stärker in die Gestaltung der Stadt einzubeziehen. An der Diskussion beteiligt sich auch der Autor Lukas Bärfuss, der seit 1997 in Zürich lebt und derzeit als Dramaturg am Schauspielhaus Zürich arbeitet.
Herr Bärfuss, bei welchem Thema der «Stadtdebatte» haben Sie bisher mitgeredet?
Ich habe eine Debatte über den Wohnbedarf in Zürich angeregt. Die Diskussion verläuft sehr lebendig.
Welchen Bereich haben Sie dabei angesprochen?
Den steigenden Platzbedarf. Heute rechnet man damit, dass jede Person 50 Quadratmeter Wohnraum für sich beansprucht. Das hat Folgen. Während der Innenraum ständig grösser wird, verkleinert sich der Aussenraum und damit auch der öffentliche Raum. Auch die Mieten steigen. Damit man sie zahlen kann, muss man mehr arbeiten – und hat dann weniger Zeit, den grösseren Wohnraum auch zu nutzen. Ein Paradox. Dazu stellt sich die Frage, wofür dieser Platz gebraucht wird. Worin liegt der Nutzen, über so viel Wohnraum zu verfügen?
Und wie lautet Ihre These?
Grösserer Wohnraum ist vor allem eine Frage des Prestiges. Es spiegelt sich in dieser Entwicklung also weniger der Wunsch nach mehr Platz, sondern nach einem höheren Status. Man baut in Zürich neue Wohnungen, die aussehen wie Lofts. Als ob die Menschen in leeren Hallen leben wollten. Mit klugen Grundrissen, die den Raum effizient nutzen, wäre den Mietern mehr gedient. Aber daran scheinen die Hauseigentümer kein Interesse zu haben.
Was wäre ein probates Mittel, um diese Entwicklung zu stoppen?
Im Forum wird eine Raumbedarfssteuer diskutiert. Dass also nicht die Allgemeinheit die Kosten dieser Entwicklung – Stichwort Zersiedelung – trägt, sondern jene, die diese Kosten verursachen. Zweitens müsste man den gemeinsamen Raum attraktiver gestalten. Zum Beispiel ein Parkplatzverbot in Innenhöfen, dafür Spielplätze und Grillstellen – Orte, wo sich die Menschen begegnen können. Drittens müsste man bei Neuwohnungen an flexible Grundrisse denken. Im Winter braucht man eine grössere Wohnung als im Sommer, wenn man die meiste Zeit draussen verbringt.
Liegt es nicht an der zunehmenden Individualisierung, dass die Platzansprüche in Zürich steigen?
Das mag sein, aber eine grosse Wohnung widerspricht der Individualisierung. Denn gross bedeutet auch teuer. Und das heisst, dass ich höhere Fixkosten habe und damit weniger Geld, über das ich frei verfügen kann. Eine teure Wohnung bedeutet, dass ich mein Leben weniger nach meinen Vorstellungen gestalten kann. Weniger reisen, weniger Kultur, weniger Restaurants und vor allem weniger Zeit für mich selbst.
Als Autor hätten Sie ja auch die Freiheit, in anderen Städten oder Ländern zu leben und zu arbeiten. Warum haben Sie sich ausgerechnet für Zürich entschieden?
Dass ich vor 13 Jahren hierher gezogen bin, hatte persönliche Gründe. Ich bin der Liebe gefolgt – und geblieben. Zürich ist in vielerlei Hinsicht Weltklasse. Die Kleinräumigkeit der Stadt ist ein unschätzbarer Vorteil. Die Bibliotheken sind fantastisch. Zudem bin ich in fünf Minuten im Grünen, obwohl ich mitten in der Stadt wohne. Und wenns einem zu eng wird: Zürich ist verkehrstechnisch sehr gut mit der Welt verbunden. Und schliesslich: Zürich ist zwar nicht meine Heimat – aber die Heimat meiner Kinder. Wir müssen Sorge tragen zu den vielen Vorteilen, die Zürich bietet.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 17.09.2011, 06:46 Uhr
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3 Kommentare
Das grosse Problem sind vor allem diejenigen, die hunderte von m2 pro Person an bester und exklusiver Lage (z.B. für die Oeffentlichkeit hermetisch abgeriegelte Zonen an Seeen) besetzen und dazu noch x weitere feudale Wohnsitze haben, welche sie bestenfalls während wenigen Wochen pro Jahr benutzen. Infolge fiskalpolitisch angeheizter Zuwanderung wird dieses Problem noch massiv verschärft. Antworten

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