Wohnungen für Menschen mit einer schlimmen Allergie
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MCS
MCS-Betroffene reagieren überempfindlich auf Alltagsstoffe wie Parfüms, Rauch, Lösungsmittel, Insektizide oder Pestizide. Die Folgen: chronische Erschöpfung, Muskelkrämpfe, Übelkeit, Hautausschläge, Schwindel, Gedächtnisstörungen, Angstgefühle, Depressionen. Die MCS-Forschung ist noch jung, das Wissen lückenhaft; entsprechend schwer tun sich die Ärzte, das Phänomen als organisches Leiden anzuerkennen, weshalb MCS-Kranke oft als Simulanten oder Sozialschmarotzer stigmatisiert werden. Neue Forschungen zeigen, dass veränderte genetische Anlagen im Körper dem MCS-Patienten den Abbau von toxischen Chemikalien – auch in kleinsten Mengen – erschweren bis verunmöglichen.
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Sie sind auf Wohnraum ohne giftige Schadstoffe angewiesen, weil sie von einer schweren Chemikalienunverträglichkeit geplagt werden. Die Umweltkrankheit heisst Multiple Chemical Sensitivity – kurz MCS. Betroffene sollen nun bald ein spezielles Haus erhalten, das ihnen das Leben in den eigenen vier Wänden erleichtert. Auf einem städtischen Grundstück am Uetliberghang in Leimbach ist für sie ein Neubau mit zehn bis zwölf 2- bis 3-Zimmer-Wohnungen vorgesehen.
Der Standort in der Sackgasse am Rebenweg eignet sich laut der Liegenschaftenverwaltung für das «wegweisende Projekt». Die Luft sei dort für stadtzürcherische Verhältnisse gut, zumal die Parzelle unmittelbar an Wiese und Waldrand grenzt. Obendrein liegt sie im Funkschatten der Uetliberg-Sendeantenne, weshalb das Haus keiner direkten Bestrahlung ausgesetzt ist.
Chronische Erschöpfung
So oder so muss das Gebäude höchste baubiologische Anforderungen erfüllen, damit MCS-Kranke darin leben können: Stein, Plattenböden und Glas sind geeignete Materialien, Holz zum Beispiel ist weniger geeignet, weil es Harz und natürliches Formaldehyd ausdünsten kann. Geringste chemische Konzentrationen lösen bei Betroffenen starke Beschwerden aus, die letztlich zu chronischer Erschöpfung führen.
Das Bauvorhaben ist ein Gemeinschaftswerk. An ihm beteiligen sich die Stadt sowie die Wohnbaugenossenschaft Gesundes Wohnen MCS mit Sitz in Zürich. Sie wurde Anfang 2008 gegründet mit dem Ziel, bezahlbaren Wohnraum für MCS-Erkrankte zu schaffen. Präsident ist Christian Schifferle, er ist selber von der schweren Allergie betroffen. «Wir sind der Stadt Zürich wirklich sehr dankbar für dieses umweltorientierte Pionierhaus», sagt er, «schon heute wären sämtliche Wohnungen ausgebucht, wenn das Gebäude bezugsbereit wäre.» Doch der Weg dahin ist noch weit. Bei optimalem Verlauf können die Umweltkranken frühestens 2014 in Leimbach einziehen, wie es aus dem Amt für Hochbauten heisst. Zunächst finanziert die Stadt den Projektwettbewerb in der Höhe von 150 000 Franken. Im Mai 2010 juriert das Beurteilungsgremium den Studienauftrag. Die Kosten für den Neubau belaufen sich auf rund 5 Millionen Franken.
Die junge Baugenossenschaft verfügt noch nicht über genügend Geld. Sie muss 1,5 Millionen Franken an Spenden zusammenbringen, damit sie die Wohnungen an die Erkrankten möglichst günstig vergeben kann. MCS-Patienten können nur bedingt oder gar nicht einer beruflichen Tätigkeit nachgehen, weshalb viele finanziell nicht gut dastehen. Etwa die Hälfte bezieht eine IV-Rente.
Hohe Dunkelziffer
Immer mehr Menschen leiden in der Schweiz an der schweren Chemikalienunverträglichkeit. Nach offiziellen Angaben sind es ungefähr deren 5000. «Doch die Dunkelziffer ist ungemein gross», sagt Christian Schifferle. «Zahlreiche Erkrankte treten nicht nach aussen, weil sie sich ihrer Allergie schämen.» Darüber hinaus würden sehr viele Patienten eine falsche Diagnose erhalten, weil MCS noch zu wenig bekannt sei. «Experten gehen davon aus, dass rund 5 Prozent der Bevölkerung davon betroffen ist.»
Christian Schifferle lebt seit Jahren in einem Wohnwagen in Egg auf der Forch oder auf der Lenzerheide und hält sich zwischenzeitlich im Kreis 4 in einer Dachwohnung auf, die mit Luftfiltergeräten und speziellen Alu-Bodenbelägen ausgestattet ist. Ist er in der Stadt unterwegs, trägt er eine Atemschutzmaske.
Das geplante Haus in Leimbach sei ein Hoffnungsschimmer für Betroffene, die sozial isoliert durchs Leben gehen müssen. Sollte Christian Schifferle dereinst dort wohnen, würde er am Haus eine Tafel anbringen: «Zutritt nur für Leute ohne Parfüm.» Denn für diese Allergikergruppe sind die allgegenwärtigen Duftstoffe nicht angenehme Gerüche, sondern ätzende Chemikalien.
Mehr Nachrichten und Hintergründe aus der Stadt Zürich gibt es täglich auf den Regionalseiten im zweiten Bund des Tages-Anzeigers. Schreiben Sie direkt an stadt@tages-anzeiger.ch (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 14.11.2009, 04:00 Uhr
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