Wohnungen in Kisten unter der Hochstrasse
Von Martin Huber. Aktualisiert am 26.03.2010 25 Kommentare
Ein «Schandfleck» auf Pfosten
Die Sihlhochstrasse ist ein 1,5 Kilometer langes Autobahnstück zwischen Sihlhölzli und Allmend Brunau. Die 1974 fertiggestellte Strasse steht auf Betonpfosten im Fluss und überdeckt diesen. Die Strasse ist ein Überbleibsel der Autobahnplanung der 60er-Jahre, namentlich des berüchtigten Express-Strassen-Vorhabens «Ypsilon»: Dieses sah die Verknüpfung von drei Autobahnen beim Platzspitz vor. Davon gebaut wurden der Milchbucktunnel und die Sihlhochstrasse.
1999 bis 2002 wurde die Stadtautobahn, auf der damals täglich 50'000 Fahrzeuge verkehrten, für 84 Millionen Franken totalsaniert. Immer wieder wurde auch der Abbruch des Bauwerks gefordert, das selbst der frühere SVP-Regierungsrat Hans Hofmann als «Schandfleck» bezeichnete. Allerdings machte der Kanton bei der Sanierung klar, dass ein Abbruch frühestens nach dem Bau der Sihltiefstrasse möglich sein dürfte, deren Realisierung in weiter Ferne liegt. Damals hiess es auch, um das Jahr 2030 werde entschieden, ob die Sihlhochstrasse weiter in Betrieb belassen oder abgerissen werde.
Im letzten Mai stimmte der Zürcher Gemeinderat überraschend einem Postulat der SD zu, das den Abbruch der Sihlhochstrasse verlangt. Diese sei nach dem Bau der Westumfahrung nicht mehr nötig, wurde argumentiert.
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Gläserne Wohn- und Arbeitsboxen, die unter der Betonbrücke befestigt werden und über der Sihl schweben: Die Idee zu diesem ungewöhnlichen Szenario stammt vom Zürcher Architekten Fabian Mantel. Ausgerechnet am wenig einladenden Ort direkt unter der Sihlhochstrasse zwischen Giesshübel und Brunau will der 35-Jährige Wohnen und Arbeiten zwischen Beton und Wasser ermöglichen: In den Sihl-Lofts soll es eine gemischte Nutzung mit Wohnen, Gewerbe, Gastronomie und Kultur geben.
«Das Beste herausholen»
«Der Ort unter der Brücke hat sehr grosses Potenzial», ist Mantel überzeugt. Er liege nicht weit weg vom Stadtzentrum und unmittelbar bei Sihlcity in einem Gebiet, das in den letzten Jahren eine starke Aufwertung erfahren habe. Mit den geplanten Wohn- und Gewerberäumen würde dem «malträtierten Ort» unter der Stadtautobahn Leben eingehaucht und aus einem «Planungsfiasko der 60er-Jahre» das Beste herausgeholt: «Der Schandfleck Sihlhochstrasse wird aufgewertet und besser genutzt.»
Mit den Sihl-Lofts, die mittels Stegen vom Ufer her erschlossen würden, könnte die Sihlhochstrasse laut Mantel gar «zur Vermittlerin» werden: Ihre bisher trennende Funktion würde aufgehoben, die Quartiere beidseits des Flusses besser miteinander verbunden.
Erst eine Vision
Allerdings sind die Lofts bisher erst eine Vision; konkrete Pläne zur Realisierung und Finanzierung existieren noch nicht, wie Mantel einräumt. «Die Umsetzung wäre ein langwieriger Prozess», macht er sich keine Illusionen. Zahlreiche Hindernisse wären zu überwinden, angefangen bei zonen-, bau- und wasserrechtlichen Vorschriften.
Doch Mantel will mit dem «provokativen Vorschlag» vor allem eine Diskussion über die bauliche Verdichtung lancieren. «Bauland ist ein rares Gut in Zürich, Verdichtung ist darum nötig, um mehr Wohnraum zu schaffen.» Zudem sei der politische Druck auf die Stadt, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, gewachsen. Der Architekt ist überzeugt, dass baulich-technische Probleme etwa bezüglich Statik und Erschütterung beim Bau der Brücken-Lofts lösbar wären. Auch kämen die Bauten nicht derart nahe an den Fluss, dass sie hochwassergefährdet wären. Sonnenlicht wäre auch vorhanden, wenn auch nicht im Übermass. Das Lärmproblem stuft Mantel ebenfalls als nicht so gravierend ein: «Direkt unter der Brücke ist man dem Schall weniger ausgesetzt als daneben.» Zum Knackpunkt könnten die Abgase werden. Doch auch hier lasse sich «mit cleveren Lüftungssystemen Abhilfe schaffen».
Kreativwirtschaftler im Fokus
Als Zielgruppe der Sihl-Lofts sieht Mantel Kleingewerbler und Kreativwirtschaftler wie Architekten, Grafiker und Filmschaffende sowie junge Pärchen, die ein urbanes Umfeld suchen. Familien mit kleinen Kindern kämen dagegen eher weniger infrage. Inspiriert wurde Mantel von der neuen Nutzung der Viaduktbögen im Kreis 5. Auch dort habe man dank planerischem Esprit aus einer Brücke einen Mehrwert gezogen. Eine andere Inspirationsquelle waren die Docklands in englischen Städten. Mantel will sein Projekt demnächst dem Hochbaudepartement vorlegen. Dieses reagiert zurückhaltend. Zwar handle es sich um einen «visuell spannenden Vorschlag», wie Sprecher Urs Spinner sagt. Mit Blick auf die baurechtlichen Bestimmungen dürfte er aber «kaum realisierbar sein». Zudem habe aus städtebaulicher Sicht der Freiraum am Fluss Priorität. Verdichtung müsse nicht unbedingt dort stattfinden, wo es auf Kosten von Naturräumen gehe. Die Stadt habe genügend Baulandreserven, sodass die bauliche Verdichtung an anderen Orten möglich sei.
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(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 26.03.2010, 04:00 Uhr
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25 Kommentare
Möchte folgendes Anmerken. Vor ca. 6 Jahren haben Architekturstudenten der Uni Darmstadt in Ihrer Abschlussarbeit sich dieses Themas angenommen und viel schönere Lösungen gefunden als dieser Architekt der nur Glas und Beton zu kennen scheint. Eine Lösung war zum Beispiel auf der Hochstrasse Platz Inliner und Schrebergärten zu schaffen und seitlich hängende Wohnungen. Antworten



