Wohnungsmarkt: «Zürich wird die eigene Attraktivität zum Verhängnis»

Christian Schmid, ETH-Professor für Soziologie, findet die Wohnbaudebatte längst überfällig. Wenn nichts passiere, drohten ganze Quartiere zu Zonen für Reiche zu werden.

Christian Schmid ist seit 2001 Soziologie-Professor am ETH-Architektur-Departement. Schmid forscht vor allem über die Entwicklung moderner Städte. Er wohnt in Zürich.

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Herr Schmid, in Zürich wird momentan heftig über den Wohnungsmarkt diskutiert. Ist die Lage wirklich so dramatisch, wie es die SP behauptet? Oder wird hier lediglich ein Wahlkampfthema aufgebauscht?
Ich schätze die Situation tatsächlich als gravierend ein. Eine enorm grosse Nachfrage trifft auf ein viel zu kleines Angebot. Es mangelt Zürich an urbanem Wohnraum, und zwar in allen Preisklassen. Verschärfend wirkt sich aus, dass momentan viele Genossenschaften ihre Siedlungen aus den 30er- und 40er-Jahren durch Neubauten ersetzen. Dadurch verschwinden viele Wohnungen im untersten Preissegment.

Was verstehen Sie genau unter urbanem Wohnraum?
Dieser setzt sich aus verschiedenen Elementen zusammen: aus der Dichte und der Art der Bebauung, aus belebten öffentlichen Räumen, aus den Läden und Restaurants, die sich in einem Stadtteil befinden. Solche Qualitäten neu herzustellen, ist nicht einfach. In Neu-Oerlikon oder Affoltern ist es der Stadt bis jetzt nur teilweise gelungen. Zürich-West ist zwar gedrängt bebaut und verfügt über ein starkes urbanes Image. Der Anteil der Büroflächen liegt hier aber viel zu hoch, damit längerfristig ein lebendiges Quartier entstehen könnte.

Als Hauptproblem gilt die Verdrängung der weniger reichen Bevölkerung. Was aber ist so schlimm daran, wenn nicht mehr jeder im Seefeld wohnen kann? Schliesslich akzeptieren auch viele, dass die Goldküste ihr Budget übersteigt.
Das Problem ist, dass Quartiere homogen und damit langweilig werden, wenn dort nur noch einkommensstarke Menschen leben. Man kann Urbanität definieren als das Ausmass der Unterschiede, die auf engstem Raum aufeinandertreffen und sich gegenseitig anregen. Diese Gegensätze gleichen sich in sogenannt aufgewerteten Quartieren aber stark an. Das zeigt sich bereits im Seefeld. Aber auch in London oder Paris, wo aufregende Viertel ziemlich eintönig geworden sind. Diese Städte sind aber so gross, dass sich das urbane Leben in andere Quartiere verlagern kann. Im kleinen Zürich fehlen solche Ausweichmöglichkeiten fast völlig. Nach dem Seefeld kommt bereits die Stadtgrenze. Die eigene Attraktivität droht Zürich zum Verhängnis zu werden.

Oft werden die zugewanderten Wirtschaftsleute als Negativbeispiele angeführt. Stimmt der Vorwurf, dass sie sich nicht um ihr Quartier kümmern?
Es ist oft so, dass man sich weniger in seiner Umgebung engagiert, wenn man weiss, dass man bald wieder weiterzieht. Es gibt aber auch unter Schweizern völlig unterschiedliche Verhaltensweisen. Längst nicht alle verankern sich im Quartierleben. Manche betrachten die Stadt einfach als zeitgemässe Kulisse für ihre Aktivitäten.

SP und Grüne setzen vor allem auf die Förderung des gemeinnützigen Wohnungsbaus. Eine sinnvolle Strategie?
Ich denke schon. Die öffentliche Hand und die Genossenschaften können nicht nur tiefe Preise garantieren, sondern auch eine hohe Belegung. Im Luxussegment werden heute Wohnungen mit teilweise über 200 Quadratmetern angeboten, Wohnungen, in denen dann vielleicht eine oder zwei Personen leben. Dadurch nimmt die Bewohnerdichte deutlich ab, was auch einen Verlust von städtischer Qualität bedeutet.

Wie konnte es zu dieser Situation kommen?
Es gibt den äusseren und den inneren Druck. Zürich, wie viele Boomstädte weltweit, erlebt einen enormen Wachstumsschub. Der knappe urbane Wohnraum ist in wenigen Jahren extrem begehrt geworden, gerade auch unter einkommensstarken Schichten.

Und der innere Druck?
Zentral ist die BZO Hofmann, die der Regierungsrat der Stadt vor 14 Jahren aufgezwungen hat – und zwar gegen den Volkswillen. Die Bau- und Zonenordnung ermöglicht an vielen Orten einen sehr hohen Anteil an Büronutzung. So verringert sie den Wohnanteil und ist damit stark mitverantwortlich für die jetzige Situation. Ausserdem hat die Stadt, etwa im Kreis 4, zu lange an ihren Aufwertungsmassnahmen festgehalten, auch als bereits klar war, dass sie nicht mehr nötig sind. Damit hat sie die Preisspirale selber weitergedreht.

Was halten Sie von Zonenplänen, die vorschreiben, wie hoch die Mieten oder der Anteil genossenschaftlicher Wohnungen sein dürfen?
Solche Vorschriften können hilfreich sein. Man kann sie aber nur in Neubaugebieten durchsetzen, und die sind in Zürich rar. Um den Markt besser steuern zu können, braucht es Gesetzesänderungen auf Bundesebene, etwa im Mietrecht.

Das kann sehr lange dauern. Was kann die Stadt machen?
Zürich braucht endlich eine richtige Diskussion, wie sich die Stadt entwickeln soll. Ein erfolgversprechender Ansatz wäre sicher, die Aussenquartiere stärker zu verdichten. Wobei Dichte nicht zwingend urbane Qualität bedeutet. Hier muss man vorsichtig vorgehen. Ausserdem sollte sich Zürich stärker als Einheit mit seinen Nachbargemeinden sehen. In diesem Punkt ist auch der Kanton gefordert.

Verdichtung in Ehren: Aber Grossprojekte in Aussenquartieren stossen fast überall auf erbitterten Widerstand.
Das ist so. Und macht die Diskussion umso nötiger.

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Erstellt: 13.11.2009, 04:00 Uhr

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25 KOMMENTARE

sabine ziegler

13.11.2009, 18:19 Uhr

ENDLICH wird wieder über Raum- und Siedlungsplanung diskutiert! Leider kam sie erst, als die hohen Mieten Bewohnern aus der Stadt verdrängt. Die BZO Hoffmann wurde deutlich gegen die Stadt eingeführt, was uns heute Pendlerströme und überhöhte Bauten schenkt. Wir brauchen dringend eine aktive Bodenpolitik und eine durchmischte Lebensraumförderung (Wohnen, Freizeit und Arbeit zusammen bringen).


Peter Vogler

13.11.2009, 17:46 Uhr

Da hat es mir lezthin den "Nuggi" aus dem Maul gehauen,als im SF DRS ein Film über das Seefeld und Herr Ledermann gezeigt wurde.Da hat doch eine Investment-Bankerin mit deutschem Pass aber amerikanischer Herkunft gemeint:"Wer sich eben so eine teure Wohnung nicht leisten könne,solle halt wegziehen.Ausländer wollen also uns Schweizern sagen,wo wir zu wohnen hätten.


Pierre Rappazzo

13.11.2009, 15:26 Uhr

Das Problem gilt nicht nur für die Stadt Zürich, auch dem See hinauf, wird bezahlbarer Wohnraum knapp. Zur Zeit befindet sich die Grenze am linken Ufer bei Wädenswil. Es braucht einen neue ausgewogene BZO. Es braucht eine bürgerliche grüne Politik.


pawel silberring

13.11.2009, 15:12 Uhr

Das Problem ist doch, dass wir verglichen mit der Wohnbevölkerung sehr viele Arbetisplätze in Zürich haben. Ob die nun von Ausländern, oder von Schweizern besetzt werden, der Druck auf die Stadt bleibt gleich, hat also mit der Personenfreizügigkeit nichts zu tun.


Emanul Wyler

13.11.2009, 14:52 Uhr

@Zuwanderung: Zürich hatte in den 60ern fast 450'000 Einwohner, heute sind es 380'000. Als Zürich bis in die 90er immer mehr schrumpfte (auf ca. 360'000), wurde ebenso der Teufel an die Wand gemalt wie jetzt, wo es wieder zunimmt. Platz hätte es in Zürich, natürlich nicht mit gigantischen Luxuswohnungen, Lofts etc. Genossenschaften bauen nicht nur günstig, sondern auch platzsparend!


Peter Müller

13.11.2009, 14:16 Uhr

@Ruedi Lais: Sie fordern, dass ZH die 'Gemeindegrenzen' überwinden soll. Geht's noch? Wir hier in Schlieren erstellen zwischen 2008-2010 rund 1'000 neue Wohnungen. Aber von einer Eingemeindung in die rot-grüne Stadt ZH möchten wir nichts wissen! Das wäre reine Symptombekämpfung. Eine tolle, moderne Wohnung, wenn's geht mitten in der City gibt es nicht umsonst, leider! Luxus kostet, auch in Zürich!


Werner Blättler

13.11.2009, 13:07 Uhr

Die Probleme kommen auch von der Zuwanderung, aber wer ist dafür verantwortlich? Der Staat nur in beschränktem Umfang, verantwortlich ist die Wirtschaft, es sind jene die die Reichen mit Steuersenkungen anziehen wollen, es sind jene die Konzerne anziehen wollen mit Standortförderung und dann kommen auch gut ausgebildete, die sich etwas teures leisten können. Es lebe die "freie Marktwitschaft"!


Andrin Frei

13.11.2009, 12:56 Uhr

Die (Miet-)preise steigen, weil das Angebot zu klein ist. Die ewigen Bauverhinderer sollten endlich einsehen, dass Zürich eine richtige, urnbane Stadt wird, und Wohnraum kann geschaffen werden in dem man dichter (höher) baut und so Lebensraum schafft. Zudem kann man dank dichterem Bauen auch mehr Freiraum (Parks usw.) schaffen und so die Lebensqualität verbessern.


Gianni Dal Pont

13.11.2009, 12:53 Uhr

@Sibylle Ehrenreich , richtig und nicht zu vergessen , dass der grüne D.Vischer in eine von der Stadt subventionierte 4 Z-WG wohnte , bis die Medien dies publick machten .Als eh.Vermieter , merkte ich bereits 2003 ,dass sich auf Preislich im mittl.Segment bewegende Wohnungen, nur noch Ausl.Akademiker meldeten. Die SP/ Grüne habe die bei der PZ-Abstimmung verschwiegen ,oder "verpennt"..! bewusst ?


Jonas Schmid

13.11.2009, 12:23 Uhr

Bezahlbarere Wohnraum wird im ganzen Kanton zum Problem, nicht nur in der Stadt. Wir müssen uns Fragen wohin sich das entwickeln wird, über die Stadtgrenzen hinaus. London besteht schliesslich auch aus mehreren Gemeinden,....


Spring Monika

13.11.2009, 11:20 Uhr

Die Dichtediskussion ist dringend. Verdichtung ohne Verknüpfung mit festem Anteil preisgünstiger Wohnungen fördert die Spekulation. Bewilligungen für Ersatzneubauten sollten mit einer Mietzinsobergrenze verknüpft werden. Businesswohnungen über 200 m2 und Hotelzimmer sind nicht mehr als Wohnanteil anzurechnen. Verdichtung mit Büro(hoch)bauten ohne Wohnanteil führt zu mehr Pendlerverkehr.


Frank Pfau

13.11.2009, 10:42 Uhr

Nachdem ich geduldig Platzspitz und Letten erduldet habe, vorkommt "meine" Stadt zu einem Disneyland für Reiche. Die Londonisierung ist bereits Teilrealität. Zum Glück gibt es noch Genossenschaften, sonst müssten gleich alle ins Glattal zügeln, nur weil sich ein "paar" Reiche ihre Zweit- oder Drittwohnung in dieser Stadt leisten und die Preise ins unermessliche treiben. Rankinglisten sei Dank!


Urban Eugster

13.11.2009, 10:29 Uhr

Es wäre zu einfach alles auf die Zuwanderung zu schieben. Die MUSS gestoppt werden. Es steht klar, dass günstige Altwohnungen eingerissen & durch überteuerte Neuwohnungen die keiner wirklich braucht, ersetzt werden. Das wird künstlich + bewusst gemacht. Das sind die gierigen CH-Geldsäcke aus unseren eigenen Reihen. Denen ist das Volk völlig schnuppe. Die werfen auch alte Leute aus ihrer Wohnung.


Thomi Horath

13.11.2009, 10:29 Uhr

Ich bin gespannt, wie sich das ganze entwickeln wird, wenn die Krise anfängt. Vielleicht sollte man schon mal ein paar Zivilschutzanlagen ein bisschen häuslicher einrichten?


Ruedi Lais

13.11.2009, 10:28 Uhr

C. Schmid rührt an ein absolutes Tabu: Zürich muss die Gemeindegrenzen überwinden, wenn es politisch handlungsfähig bleiben will. Doch auf kantonaler Ebene ist diesbezüglich alles blockiert von Leuten, die von den längst überholten Strukturen (=Kleingemeinden) massiv profitieren.


Stefan Studer

13.11.2009, 10:25 Uhr

Verkehrte Welt... über die Entwicklung der Stadt wird heftig eine Diskussion gefordert, die SP macht auf Dramatik, aber wenn zB. Bastien Girod die Entwicklung im grösseren Zusammenhang anspricht, dann wird er mundtot gemacht. Das ärgert mich sehr, wie kann man die Stadtentwicklung von der nationalen Entwicklung trennen, ohne als Partei und Politiker völlig unglaubwürdig und inkompentent dazustehen


A. Schädler

13.11.2009, 10:10 Uhr

Unverständlich, dass eine (nicht mehr ganz so modern aussehende) Hausfassade oder Küche oder Bad über der Existenz, einer individueller Lebensplanung, einer freundschaftlicher Nachbarschaft, Glück und Wohlbefinden der Betroffenen steht! Ist das tatsächlich die Entwicklung von heute?Wie schön! Durchgeführt wird das doch nur, um hinterher die Mieten anzuheben. Wie enttäuschend doch immer wieder!!


Hans Meier

13.11.2009, 09:37 Uhr

Man kann nicht unbegrenzte Zuwanderung ermöglichen und darauf hoffen, dass es trotzdem freie und günstige Wohnungen gibt. Da spielt der Markt! Dazu renoviert die städtische Liegenschaftenverwaltung seit Jahren die günstigsten Wohnungen, z. B. im Kreis 3 (Zurlinden-, Brahmstr. usw.) und legt Wohnungen zusammen, obwohl die alten Wohnungen heiss begehrt sind. Gute Steuerzahler will man damit anziehe


Dan Wunderli

13.11.2009, 09:10 Uhr

Es muss gewissen Ländlern, die gemütlich in ihrem Einfamilienhaus in der Stadt leben endlich klar werden, dass sie mitverantwortlich für die Wohnungsmisere sind. Einfamilienhäuser razepuz weg und den Wohnungsraum dort sinnvoll nützen, z.B. mit vier- oder fünfstöckigen, modernen, schönen Mehrwohnungshäusern. Auch sonst gilt es, zu vergrössern & verdichten! Zürich ist zuwenig urban!!!


Sibylle Ehrenreich

13.11.2009, 08:35 Uhr

Liebe Stadt Zürich, dann redet doch mal mit dem Herrn Ledermann. Dem guten Herrn gehört bald das ganze Seefeld und für seine (alten!!!!!) Wohnungen verlangt er viel zu hohe Mieten!!! Wer kann schon 2500.-- für eine 50m2 2-Zr-Whg bezahlen??


ROberto Burnello

13.11.2009, 08:20 Uhr

Die öffentliche Hand und die Genossenschaften können nicht einmal den Sozialhilfeempfängern zahlbaren Wohnraum zur Verfügung stellen. Ob auch befürwortenden SP- und Grüne-Wähler in den Genuss solcher subventionierten Wohnungen kommen ist ziemlich ungewiss. Zudem müssen sich die Grünen ernsthaft überlegen, ob sie noch die letzten verbleibenden Grünflächen in der Stadt zubetonieren wollen.


Anders Daxer

13.11.2009, 08:03 Uhr

ich denke, dieser artikel kommt so in etwa an das ran, was wir in zürich erleben. aber was kann man dagegen machen....wohl kaum was wirksames. wem das land, auf dem gebaut werden soll gehört; der befiehlt. das ist freie marktwirtschaft. das kann auch mit gesetzen nicht verhindert werden. wer stutz hat, der kann es sich leisten; die anderen müssen wegziehen. hart; aber realität.


Lukas Engler

13.11.2009, 07:58 Uhr

Als Soziologieprofessor an der ETH verdient Herr Schmid sicher ein fürstliches Gehalt und könnte es sich leisten, überall in der Stadt Zürich zu wohnen. Die Stadt Zürich ist schon seit Jahren überfremdet und es kommen immer noch mehr finanzkräftige Leute aus dem Ausland hierher, die uns Eidgenossen aus Turicum verdrängen. Das ist der Kern der Wahrheit! Und niemand macht etwas dagegen.


Simon Westerhagen

13.11.2009, 07:38 Uhr

Halleluja endlich wird dieses Thema auch in einer Tageszeitung aufgegriffen. Jetzt stellt sich nur noch die Frage "bleibt Ihr auch dran (@Redaktion) und vorallem die Chance für unseren "Kasper das kleine Gespenst" aus dem Stadtrat. Frau Mauch bis jetzt hat man nichts gesehen oder gehört von Ihnen, dies ist Ihre Chance. Nutzen Sie sie.


Joe Amberg

13.11.2009, 07:14 Uhr

Das wirkliche Problem ist die exorbitante Zuwanderung ohne jede Kontrolle. Genauso wie es zu wenig Wohnungen hat es zu wenig Strassen und andere Infrastruktur. Neuester Plan: den Nordring möglichst sofort auf 6 Spuren ausbauen. Im Süden kommt noch heute der Totalkollaps wenn die A4 aufgeht. Wann nimmt die offizielle Politik endlich das Thema der aus allen Nähten platzenden Schweiz zur Kenntnis?



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