Wurde im Letzigrund bei der Sicherheit gespart?

Die Ausschreitungen seien auch wegen der Sparmassnahmen bei GC möglich geworden, glaubt ein Insider. Die Liga widerspricht.

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Die Überwachungskameras im Letzigrund hängen überall an den Decken. Und sie bieten nun dem Stadionmanagement, den Klubs und der Polizei die grosse Chance, mehrere Dutzend der Krawallmacher zu identifizieren, die am Sonntag das 226. Derby zwischen GC und dem FCZ zum Abbruch brachten.

Gemäss gut unterrichteten Quellen zeigen die Videoaufnahmen in bester Qualität, wie im GC-Sektor die Gruppe gewaltbereiter Fans ihre Gesichter maskiert und sich mit Stangen bewaffnet. Wie Krawallmacher aus der FCZ-Südkurve in Richtung GC-Sektor ziehen. Sie zeigen auch den Vermummten, der zwei brennende Petarden auf die GC-Fans wirft. Am Sonntag konnte der Mann den Sicherheitskräften im Getümmel entkommen. Es gibt jetzt trotzdem eine reelle Chance, ihm verspätet ein Gesicht zu geben. Die Verantwortlichen sichten in einer Sisyphusarbeit sämtliche Bilder des Nachmittags, um den (noch unvermummten) Täter beim Betreten des Stadions oder an einem Verpflegungsstand aufgrund seiner Kleider wiederzuerkennen. Christian Schöttli, der Sicherheitsverantwortliche der Swiss Football League, sagt: «Wir werden alles daran setzen, diesen Mann zu identifizieren.»

Viele Mängel im Letzigrund

Derzeit sind gegen FCZ-Fans über 100, gegen GC-Anhänger 70 Stadionverbote ausgesprochen. Szenenkenner gehen nach Sichtung der ersten Videobilder davon aus, dass rund 40 neue Stadionverbote dazukommen. Ob es auch zu Rayonverboten oder im Fall des Petardenwerfers zu einer Gefängnisstrafe kommt, ist nicht vorauszusagen.

Doch auch wenn die Nachbearbeitung zu Strafen führt, bleiben doch Fragen zum Ausbruch der Gewalt zurück: Wieso kann ein Chaot aus dem Familiensektor heraus ungestört zwei Fackeln entzünden und in den nahen GC-Sektor werfen? Wie schafften es die Chaoten aus dem GC-Sektor, Stangen ins Stadion zu schmuggeln? Wie kann sich eine Horde aus der Südkurve ungestört über die Balustraden auf die Tartanbahn schwingen, um in Richtung GC-Block zu stürmen? Wie können mehrere Personen aus der Südkurve trotz Zaun problemlos auf die Gegentribüne gelangen, wo doch die Sicherheitsreglemente der Liga Stadien mit vier undurchlässig abgetrennten Sektoren verlangen?

Zu durchlässiger Aussenzaun

Die Schwierigkeiten sind begründet in den organisatorischen und infrastrukturellen Mängeln des Designstadions, aber auch mit Defiziten im Sicherheitsdispositiv im Innern. Die Sektoren sind mit teilweise durchlässigen Netzen nur ungenügend voneinander getrennt. Das Stadion ist abgesehen von ein paar Stunden rund um die Fussballspiele herum für die Bevölkerung frei zugänglich. Den Fangruppen ist es in der Vergangenheit immer wieder gelungen, verbotene Gegenstände vorgängig zu platzieren. Es ist trotz Kontrollgängen unmöglich, 70'000 Quadratmeter Fläche, diverse Räume und 25'000 Klappstühle lückenlos abzusuchen. Zu den beliebten Verstecken gehörten lange Zeit die WC-Spülkästen. Selbst in weiblichen Körperöffnungen würden Fackeln transportiert, rapportieren Szenekenner.

Der zu durchlässige Aussenzaun ermöglicht das Durchreichen von pyrotechnischem Material oder Schlagwerkzeugen in unbeobachteten Augenblicken. Oft werden auch Rucksäcke unmittelbar hintereinander ins Stadioninnere geworfen, um die Sicherheitsleute zu düpieren. Vor dem Spiel FCZ - FCB löste ein vom Sicherheitspersonal abgefangener Rucksack der Basler Ultras die Gewaltszenen aus, die in der «Rundschau» gesendet wurden und die Schweizer Öffentlichkeit aufschreckten. «Es steckt sehr viel kriminelle Energie hinter dem Willen, Pyros ins Stadion zu bringen», sagt Schöttli.

Es ging in diesem Kampf zwischen rivalisierenden Fangruppen um einen Fahnenklau, um Provokationen und Reaktionen. Die gewaltbereiten GC-Anhänger verbrannten im Stadion Fahnen, die sie FCZ-Gruppierungen einst gestohlen hatten (siehe Text rechts oben). Vor der Partie konnten Kontrolleure zwar einzelne dieser Fahnen beschlagnahmen, die sich GC-Anhänger unter den Kleidern um ihre Oberkörper gewickelt hatten. Sie verstanden aber nicht die Brisanz, die sich hinter dieser offensichtlich orchestrierten Aktion verbarg.

Nur für GC-Niederlage bereit

Die taktgebenden Sicherheitsexperten im Kommandostand des Stadions, in dem sich in Zürich und im Unterschied zu allen grossen Schweizer Arenen nicht der Einsatzleiter der Polizei, sondern nur ein Verbindungsmann zur Polizei befindet, gingen davon aus, dass der gewaltbereite Teil des GC-Anhangs nur bei einem schwachen Auftritt des eigenen Teams gefährlich würde. Sie waren deshalb auf die Provokation beim Spielstand von 2:1 für die Grasshoppers nicht vorbereitet. So gelang es ihnen auch nicht, den gewalttätigen Gegenschlag der FCZ-Seite schnell genug zu unterbinden.

«Zu schnell, zu heftig»

Ein Insider, der Einblick ins Sicherheitsdispositiv hatte, aber seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, sieht die Ausschreitungen auch als Folge der Sparmassnahmen bei GC. Schöttli widerspricht dieser Ansicht. Der Klub hatte im Frühjahr gedroht, den Letzigrund zu verlassen, weil er sich die hohen Kosten nicht mehr leisten könne. Die Stadt als Verwalterin des Stadions kam GC aufgrund des politischen und öffentlichen Drucks auch bei den Sicherheitskonzepten entgegen.

Schöttli war beim Derby, um für die Liga die Inspektion durchzuführen. Er findet, es seien genügend Sicherheitsleute im Stadion gewesen, doch es sei alles «so schnell» gegangen und «so heftig» gewesen, dass ein früheres Eingreifen kaum möglich gewesen sei. Die privaten Sicherheitskräfte hätten danach in Zusammenarbeit mit der Polizei eine Eskalation verhindert und das Stadion nach dem Spielabbruch ohne wesentliche Schwierigkeiten entleeren können.

Bei all dem politischen Druck, der nun entsteht: Es ist möglich, mit baulichen und organisatorischen Massnahmen das Gewaltrisiko im Letzigrund zu mindern. Aufgrund früherer Ereignisse und Ausschreitungen im Stadion ist längst beschlossen, dass die Sektoren während der nächsten Winterpause durch starre Glas- und Metallkonstruktionen getrennt werden. Ausserdem werden vor den Fankurven Zäune und bei verschiedenen Eingängen hohe Gitterdrehtüren montiert, um effizienter kontrollieren zu können. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 04.10.2011, 07:42 Uhr)

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