Zaubertrank Muttermilch

Eine Stiftung hat der Universität Zürich 20 Millionen Franken geschenkt. Die Uni soll damit den weltweit ersten Lehrstuhl für Muttermilch einrichten, um herauszufinden, weshalb diese so gesund ist.

Warum Muttermilch gegen Infektionen schützt, ist bisher unerforscht. Foto: Gallery Stock

Warum Muttermilch gegen Infektionen schützt, ist bisher unerforscht. Foto: Gallery Stock

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Muttermilch macht Frühgeborene resistenter gegen lebensbedrohliche Infektionen und gewisse Darmerkrankungen. Sie ist bei Säuglingen und Kleinkindern eine Prophylaxe gegen Atemwegsinfektionen und Mittelohrentzündungen, und langfristig bei Jugendlichen gegen Allergien und Übergewicht. Und stillende Mütter leiden weniger an Wochenbettdepressionen und erkranken später seltener an Brustkrebs. «Das alles wissen wir aus Beobachtungen», sagt Dirk Bassler, Direktor der Klinik für Neonatologie des Universitätsspitals Zürich. «Aber wir wissen nur wenig darüber, weshalb das so ist.» Muttermilch scheint ein Zaubertrank zu sein, der wirkt, ohne dass man genau weiss weshalb und wie.

Entsprechend begeistert reagierte Felix Sennhauser, der Direktor des Kinderspitals, als vor etwas über einem Jahr ­Michael Larsson bei ihm vorsprach und fragte, was er von einem Lehrstuhl für Muttermilch halten würde. Die Larsson-Rosenquist-Familienstiftung, deren Präsident er ist, sei bereit, dafür einen einmaligen Beitrag von 20 Millionen Franken zu sprechen. Begeistert trat gestern auch Michael Hengartner, der Rektor der Uni Zürich, vor die Medien, um über den weltweit ersten Lehrstuhl für Muttermilch zu informieren, der voraussichtlich ab Mitte 2016 an der Medizinischen Fakultät eingerichtet sein wird.

Der neue Lehrstuhl wird unter dem Patronat des Kinderspitals und der Neonatologie stehen und eng mit einem ebenfalls gestern vorgestellten neuen Lehrstuhl für Muttermilchforschung an der University of Western Australia in Perth zusammenarbeiten. Auch dieser wird von der Familie-Larsson-Rosenquist-Stiftung alimentiert – mit 8,6 Millionen australischen Dollars, was rund 6?Millionen Franken entspricht.

Ersatzprodukte nicht im Fokus

Verschenkt jemand ohne Hintergedanken so viel Geld? Das von Olle Larsson 1961 gegründete Unternehmen Medela mit Sitz in Baar ist bis heute in Familienbesitz und führend in der Entwicklung und Herstellung von Milchpumpen. «Im Rahmen unserer eigenen Forschungs­tätigkeit haben wir realisiert, dass das Thema Muttermilch noch unzählige ­offene Fragen birgt und jede Antwort neue Fragen aufwirft», erklärte Michael Larsson, der Verwaltungsratspräsident der Firma, die international über tausend Angestellte hat. Es gebe weltweit keine 500 Wissenschaftler, die sich intensiv mit der Muttermilch beschäftigen. Deshalb habe man beschlossen, einen «bedeutenden Teil» des Familienvermögens in eine Stiftung einzuschiessen, welche dieses gesellschaftlich wichtige Thema zum Inhalt habe.

Die Entwicklung von ökonomisch interessanten Muttermilchersatz-Produkten sei nicht im Fokus. «Dafür haben die entsprechenden Firmen ihre eigenen Forschungszentren», versicherte Larsson. Rektor Hengartner betonte, dass alle von der Uni für Schenkungen aufgestellten Bedingungen erfüllt werden und die Schenkungsurkunde für jedermann einsehbar sei. Das Geld werde nun über die Uni-Foundation angelegt. Die Rendite soll den Lehrstuhl für mindestens 25 Jahre sichern.

Auf Zürich fiel die Wahl wegen des ­international guten Rufs der Uni – «und weil die Idee dort spontan so begeistert aufgenommen wurde». In Perth wird bereits seit längerem über Muttermilch geforscht, allerdings ohne dass dafür ein eigener Lehrstuhl bestand. An der australischen Hochschule ist der Lehrstuhl bei der Biochemie angegliedert.

Langfristige Studien

Die beiden Unis werden unterschiedliche Forschungsschwerpunkte setzen: In Australien wird es vor allem um die Zusammensetzung und die Inhaltsstoffe der Muttermilch gehen, in Zürich vor allem um die Wirkung der Muttermilch und den längerfristigen Einfluss des Stillens auf die psychische, emotionale und kognitive Entwicklung von Säuglingen und Kleinkindern. Zudem kann das ­Kinderspital an seine Tradition von langfristig angelegten Studien anknüpfen. «Für überzeugende Resultate braucht es einen langen Atem», sagte Sennhauser. Hengartner betonte zudem, wie wichtig auch die Lehre sei, damit das neue Wissen sich schnell verbreite: «Damit Mütter, die stillen wollen, das auch können.»

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 07.07.2015, 22:51 Uhr)

Fremdfinanzierung

Wie die Uni unabhängig bleibt

Laut Unirektor Michael Hengartner gelten klare Regeln für fremdfinanzierte Lehrstühle, um die Unabhängigkeit der Forschung und Lehre nicht zu gefährden. Der Stifter hat keine Stimme bei Stellenbesetzungen und der Auswahl von Forschungsprojekten. Zudem muss das Forschungsgebiet aus Sicht der Universität interessant und für die Gesellschaft relevant sein. Und es darf nicht nur kurzfristig ausgelegt sein. Auch muss transparent gemacht werden, woher das Geld kommt und wohin es geht. Etwa ein Sechstel des Budgets der Schweizer Universitäten ist durch private Geldgeber finanziert. Oft sind dies Stiftungen, doch gab in letzter Zeit das Sponsoring von nicht gemeinnützig ausgerichteten Unternehmen zu reden. So etwa das mit 100 Millionen Franken von der UBS gesponserte Forschungszentrum an der Wirtschaftsfakultät der Uni Zürich. (net)

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