«Zeit der Rauschexzesse ist vorbei»
Von Nicole Trossmann. Aktualisiert am 16.06.2010 1 Kommentar
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Herr Dürr, Studentenverbindung, das klingt irgendwie nach Freimaurer und Geheimbund.
Wir sind weder geheim noch mysteriös; bei uns ist alles transparent.
Aber Sie pflegen eine Art Geheimsprache: Studenten heissen Füchse, Blume bedeutet Bier, Perle nennt man den Wein. Prostet man sich zu, sagt einer «Blume ganz speziell», der andere «Danke, ziehe mit».
Das ist doch noch keine Geheimsprache. Dafür nutzen wir Übernamen.
Das hingegen erinnert mich eher an die Pfadi.
Dort war ich auch Mitglied. Damals hiess ich Bantu, in der Turicia gaben sie mir den Namen Juso. Früher zwang die Uni alle Studenten, pro Semester fünf Franken für Projekte zu zahlen, die uns sehr linkslastig schienen. Wir liessen das nicht auf uns sitzen und organisierten kurzerhand eine Demonstration. Dafür verpasste man mir, in glänzender Ironie, den Namen Juso: Weil ich die Linken nicht unterstützte.
Hans Hollenstein ist auch bei der Turicia. Wie heisst er?
Er spielt ja Trompete, darum: Päpe.
Wer in der Turicia mittut, muss sicher trinkfest sein. Sind Sie es?
Ich bin einem Bier nicht abgeneigt, pflege dieses Brauchtum aber nicht mehr täglich, sondern . . .
. . . Moment, das heisst, Sie pflegten es einst täglich?
Sagen wir: regelmässig. Heute ist es harmlos. Diese Zeit ist vorbei. Rauschexzesse finden ausserhalb der Studentenverbindungen statt; wir gehen nicht an den See und besaufen uns. In der Turicia trinken wir in einer streng geregelten Zeremonie. Klar, dieses Ritual funktioniert nicht mit Mineralwasser. Doch bei uns geht es um mehr.
Nämlich?
Primär soll natürlich jeder erfolgreich sein Studium bestehen, «das schleckt kei Geiss weg». Die Turicia ersetzt aber auch die Familie in der Fremde. Viele Studenten kommen von ländlicheren Gebieten nach Zürich und verlieren sich in der anonymen Masse. Bei 40 000 Studenten bieten wir einen Hort der Geborgenheit, wir unterstützen uns gegenseitig, wir stehen füreinander ein; einer findet im andern einen Freund. Letztlich geht es um ein Urbedürfnis des Menschen: nicht allein zu sein.
Und dieses befriedigt die Turicia seit 150 Jahren?
Studentenzirkel existierten schon im tiefen Mittelalter. 1860 dann gründeten fünf katholische Studenten die Turicia, um sich im protestantischen Zürich als Glaubensgenossen zusammenzutun. Lange einten sich nur Katholisch-Konservative, heute heissen wir alle willkommen; Studenten jeglicher Partei, Religion und Ethnie.
Nur Frauen nicht.
Zugegeben. Andere Verbindungen aber nehmen Frauen auf. Bei unserer Gründung stellte sich die Frage nicht, da damals sowieso kaum eine Frau zur Uni ging.
Das war 1860. Heute studieren mehr Frauen als Männer.
Bis jetzt erhielt die Turicia diese Tradition, doch bei einer Abstimmung plädierte ich für eine Öffnung – aber das ist meine persönliche Meinung. Doch die Frauenfrage stellt sich wohl nicht so bald. Die heutigen Jungen orientieren sich wieder mehr an den alten Formen; die Liebe zur Tradition erstarkt.
Inwiefern?
Früher etwa ging man Farben tragend an die Uni, also quasi in der Uniform der Turicia. Diese Tradition fiel den 68ern zum Opfer; danach war das nicht mehr salonfähig. An unseren Anlässen tragen die Füchse die Farben heute wieder mit Freude.
Apropos Junge: Wenn einer Ihnen eine Blume zutrinkt, also extra auf Sie einen Toast erhebt, müssen Sie ihm das Bier bezahlen. Öffnet das nicht Trittbrettfahrern Tür und Tor?
Ach was. Ich war früher auch froh, lud mich mal einer der alten Hasen ein; als Student hat man ja nie Geld.
Es geht das Gerücht, dass früher gar ein Trinkzwang herrschte.
Mag sein. Wenn dem so ist, wurde er irgendwann abgeschafft. An unseren wöchentlichen Treffen trinkt nicht immer ausnahmslos jeder.
Nicht?
Nein. Manchmal ist jemand erkältet. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 15.06.2010, 21:28 Uhr






Rudolf Fischer
Lieber Juso Gutes Interview. Betreffend Aufnahme von Frauen stimme ich dir nicht zu, obwohl ich mit 3 Töchter und 6 Nichten öfters diskutiere und Fröhlichkeit pflege. Wenn schon Frau, dann in einer eigenen Unter-Sektion der Turicia. Die Turicia würde dann aus zwei Unter-Sektionen mit einer neu zu konzipierenden Struktur bestehen. Einige wenige Anlässe könnten gemeinsam stattfinden. Mit T-Gruss Tip Antworten