Zürich

Zu viele Kanzeln für zu wenig Gläubige

Von Jürg Rohrer. Aktualisiert am 18.08.2011 69 Kommentare

Die 34 Kirchgemeinden in der Stadt Zürich stehen vor Fusionen, um trotz Mitgliederschwund weiter funktionieren zu können. Fast die Hälfte der Kirchen würde damit überflüssig.

Die Trendwende erfolgte in den Sechziger Jahren: Reformierte Bevölkerung und Anzahl Kirchen in Zürich.

Die Trendwende erfolgte in den Sechziger Jahren: Reformierte Bevölkerung und Anzahl Kirchen in Zürich.
Bild: TA-Grafik mrue / Quelle: Landert Partner

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Gottesdienste werden im Durchschnitt von 43 Personen besucht: Grosse (links) und alte Kirche in Altstetten. (Bild: Dominique Meienberg)

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47 evangelisch-reformierte Kirchen stehen in der Stadt Zürich, aber Reformierte gibt es jedes Jahr weniger. In den letzten 50 Jahren nahm die Mitgliederzahl um über 60 Prozent ab. Derzeit sind es noch etwas mehr als 96 000. Bis 2025 wird ein weiterer Mitgliederschwund um etwa 17 Prozent erwartet, teils wegen Sterbeüberschuss innerhalb der Reformierten, teils wegen Austritten. Die durchschnittliche Kirchgemeinde ist heute fünfmal kleiner als 1950. Noch 1970 lag der Durchschnitt bei 7000 Mitgliedern, 2010 jedoch bei 2832 – 469 Mitglieder zählt die kleinste (Fraumünster), 6821 die grösste (Höngg).

Umgekehrt verlief die Entwicklung der letzten 50 Jahre bei den Kirchen: Wachstum bis 1990, als mit dem Chilehus Grüenau die letzte Kirche eingeweiht wurde. Die 47 Kirchen werden jeden Sonntag von insgesamt etwa 2000 Personen besucht, was etwa drei Prozent der Kirchgemeindemitglieder im Alter über 15 Jahre entspricht. Ein Drittel dieser Gottesdienstbesucher sitzt in einer der vier Altstadtkirchen: Fraumünster (300), Grossmünster (175), Prediger (110) und St. Peter (60).

Ein existenzielles Problem

Von diesen vier Kirchen abgesehen, sind die Gottesdienste in Zürich von durchschnittlich 43 Personen besucht – je nach Kirche zwischen 20 und 80. Das bedeutet, dass viele Gläubige lieber einen Gottesdienst in der Altstadt besuchen als in der Kirche ganz in der Nähe ihrer Haustür. Die Schrumpfung der Zahl von Gottesdienstbesuchern mag für die Pfarrerin oder den Pfarrer ein persönliches Problem sein; die Schrumpfung der Mitgliederzahlen ist für die Kirchgemeinden ein existenzielles. Sie haben zunehmend Mühe, interessierte und qualifizierte Leute für die Kirchenpflege zu finden und ihren Auftrag zu erfüllen. Dieser Auftrag ergibt sich aus der Kirchenordnung und dem kantonalen Recht. Die Kirchenpflegen stellen ihre Mitarbeiter ein, sind für die Nutzung und den Unterhalt der kirchlichen Gebäude zuständig, und sie beantragen das dazu nötige Geld beim Stadtverband.

Ein Analysebericht der Situation in Reformiert-Zürich erstellt von der Firma Landert Partner kam 2008 zum Schluss, dass es angesichts der heute schon kleinen Kirchgemeinden kaum möglich ist, 34 Kirchgemeinden längerfristig zu finanzieren. Noch sind die Finanzen gesund, zur Hauptsache dank jährlich rund 65 Millionen Franken Steuereinnahmen und Rückstellungen. Die grösste Ausgabe sind die Personalkosten mit rund 27 Millionen Franken für etwa 850 Personen, davon 400 in fester Anstellung, die übrigen im Stundenlohn. 2008 waren es bei den Festangestellten 64 Stellen für Pfarrerinnen und Pfarrer, 60 für Hausdienst, 55 für Sozialdiakonie, 16 für Verwaltung und 13 für Kirchenmusik.Jedes Jahr wendet die Kirche überdies 15 bis 18 Millionen Franken für Renovationen auf und etwa 10 Millionen für den Unterhalt der Kirchen, Kirchgemeinde- und Pfarrhäuser. Angesichts des anhaltenden Mitgliederschwundes und der schrumpfenden Steuereinnahmen bei gleichbleibendem Aufwand für die Kirchen und Kirchgemeindehäuser zeichnet sich ein Finanzierungsproblem ab. Wenn Verband und Kirchgemeinden so weitermachen wie bisher, entsteht bis 2016 ein geschätzter Investitionsbedarf von 100 Millionen Franken.

Tiefgreifende Reform in Arbeit

Der Verband der stadtzürcherischen evangelisch-reformierten Kirchgemeinden hat deshalb ein tiefgreifendes Reformprojekt gestartet, das unter Leitung von Jean E. Bollier steht, Präsident der Kirchenpflege Höngg und ehemaliger FDP-Gemeinderat. Die Reform soll 2016 abgeschlossen sein. Dabei geht es einerseits um transparentere und effizientere Strukturen innerhalb des Verbandes, anderseits um eine Strategie der kirchlichen Angebote, die den heutigen Umständen angepasst ist. Die 34 Kirchgemeinden müssen prüfen, ob und wie sie die Zusammenarbeit mit anderen Gemeinden verstärken können und ob sie mit anderen Kirchgemeinden fusionieren wollen oder sollten.

Der Analysebericht von Landert Partner empfiehlt ausdrücklich die Fusion von kleineren Kirchgemeinden zu grösseren und handlungsfähigeren Gemeinden. Diese fusionierten Gemeinden hätten idealerweise 4000 bis 6000 Mitglieder. Derzeit haben von den 34 Kirchgemeinden 23 weniger als 4000 Mitglieder. Statt beispielsweise vier Kirchen und Gemeindehäuser in drei Gemeinden zu nutzen, werden in der fusionierten Kirchgemeinde nur noch zwei genutzt. Die Studie kommt zum Schluss: «Der Zusammenschluss von jeweils 2 oder mehr Kirchgemeinden und die Verschmelzung der heute 34 auf etwa 20 oder sogar 15 Kirchgemeinden innerhalb von acht Jahren scheinen sachlich gerechtfertigt und eröffnen neue Handlungsspielräume.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.08.2011, 07:08 Uhr

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69 Kommentare

Hans Meier

18.08.2011, 09:38 Uhr
Melden 50 Empfehlung

Durchschnittlich 43 Kirchgänger besuchen also die Predigt. Dafür kommen tausende von Bürgern im Umkreis der Kirche in den zweifelhaften "Genuss", mehrmals täglich von ohrenbetäubendem Geläute beschallt zu werden. Ich frage mich, wie die 43 diese Legitimation, den Grossteil der Bevölkerung zuzudröhnen, weiter aufrechterhalten wollen. Antworten


ron benk

18.08.2011, 08:39 Uhr
Melden 40 Empfehlung

die kirche zürich wiedikon ist ein gutes beispiel für eine sehr schlecht besuchte kirche. was diese aber nicht darain hindert, vier mal pro tag 5 minuten lang das "betglöckchen" (was für ein anachronismus) zu läuten, auch am samstag morgen um sieben, um berufstätigen den schlaf zu stören. bitten um etwas weniger lärm werden arrogant abgewiesen. 50 prozent weniger kirchen heisst mehr ruhe - prima. Antworten



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