Zürich

Zürcher Büro entscheidet über das Schicksal von Stuttgart 21

Von Benno Gasser. Aktualisiert am 04.07.2011 6 Kommentare

Die Zürcher Ingenieur- und Verkehrsplanungsfirma SMA gibt im europäischen Zugverkehr den Takt an. Ihr heikelstes Mandat: Sie muss in einem Stresstest die Tauglichkeit des Bahnhofs von Stuttgart 21 prüfen.

Das umstrittene Projekt Stuttgart 21: Der heutige Kopfbahnhof soll durch einen Durchgangsbahnhof ersetzt werden.

Das umstrittene Projekt Stuttgart 21: Der heutige Kopfbahnhof soll durch einen Durchgangsbahnhof ersetzt werden.
Bild: Illustration DB

Werner Stohler, Mitgründer der SMA. (Bild: ZVG)

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Am 14. Juli blickt Deutschland gespannt nach Zürich. Dann entscheidet das Beratungsbüro SMA über das Schicksal des umstrittenen Untergrundbahnhofs Stuttgart 21. Tausende protestierten Anfang dieses Jahres gegen das vier Milliarden Euro teure Grossprojekt. Den Verkehrsexperten der SMA kommt in diesem Streit eine wichtige Rolle zu. Sie prüfen seit Monaten, ob der geplante Bahnhof den künftigen Herausforderungen gewachsen ist und die Berechnungen der Deutschen Bahn (DB) stimmen. In einer Simulation – dem Stresstest – stellte die DB dar, wie im Jahr 2020 zwischen 7 Uhr und 8 Uhr morgens 49 Züge abgefertigt werden. Derzeit sind es 37 Züge. Weil der Auftrag hochpolitisch ist, lehnen die SMA-Verantwortlichen Interviewanfragen vor dem Stichtag ab.

Die Firma SMA ist ausserhalb von Fachkreisen praktisch unbekannt. Ihre Wurzeln reichen zurück ins Jahr 1984. Damals arbeiteten die beiden ETH-Ingenieure Werner Stohler und Hans-Rudolf Akermann beim Ingenieurbüro Rapp an einer konzeptionellen Arbeit für den Zürcher Verkehrsverbund. Drei Jahre später gründeten sie mit Martin Meister, der ebenfalls bei Rapp angestellt war, ihre eigene Firma. Aus dem ersten Buchstaben ihrer Nachnamen bildeten sie den Firmennamen. Was als Dreimannbetrieb begann, entwickelte sich in den vergangenen 20 Jahren zu einem bedeutenden Unternehmen für Projekte des öffentlichen Verkehrs mit 54 Angestellten und Kunden in Frankreich, Belgien, Norwegen und Portugal.

Entwickler der Taktfahrpläne

In der Schweiz entwickelten die Ingenieure Konzepte für die Bahn 2000 und die Neat sowie Vorarbeiten für regionale und überregionale Taktfahrpläne. Ein neues Zukunftskonzept für die Zürcher S-Bahn, ein Angebots- und Betriebskonzept für die Limmattalbahn und ein Betriebskonzept für den Bahnhof Bern zählen zu den aktuellen Studien. Als «Flaggschiff des Jahres 2010» bezeichnet die SMA in ihrem jüngsten Geschäftsbericht den Taktfahrplan 2012 für Frankreich: «Sämtliche TGV-Züge und der Grossteil des Regionalverkehrs werden nach einem neuen, von SMA erarbeiteten Fahrplankonzept verkehren.»

Der Auftrag für Stuttgart 21 ist gemessen an solchen Studien klein, besitzt aber einen grossen Werbeeffekt. Damit gewinne die Firma beträchtlich an Prestige, sagt ETH-Professor Ulrich Weidmann, Leiter des Instituts für Verkehrsplanung und Transportsysteme. «Ein solcher Auftrag ist ein gewaltiger Vertrauensbeweis, den nur Topfirmen erhalten.» Im SMAGeschäftsbericht steht dazu geschrieben: «Selten hat ein Bahnprojekt politische Wellen geschlagen, die weit über den Fachbereich hinausgingen.» Mit grosser Sorgfalt sei man deshalb ans Werk gegangen, insbesondere bei der methodischen Definition und den im Stresstest enthaltenen Anforderungen.

Charismatische Firmengründer

Gegenüber der NZZ beklagte sich Werner Stohler im Jahr 2008 über den Nachwuchsmangel. «Wir sind dauernd auf der Suche nach Leuten, die zu uns passen. Doch die findet man nicht über Inserate, sondern nur übers Networking.» ETH-Professor Weidmann sagt, dass sich die Arbeitsbedingungen in dieser Branche seit den 90er-Jahren stark verbessert hätten. Einerseits werde mehr Geld in den öffentlichen Verkehr investiert und andererseits habe sich die Branche professionalisiert. Es sei erstaunlich, mit welchem Erfolg sich die Firma im Ausland etabliert habe, sagt Weidmann. Dafür seien zu einem erheblichen Teil die «charismatischen Persönlichkeiten» der Firmengründer verantwortlich, allen voran Werner Stohler.

Weidmann glaubt, dass die Firma nicht mehr so stürmisch weiterwachsen werde. Zwischen 2005 und 2010 hatten sich sowohl die Zahl der Mitarbeiter als auch der Umsatz verdoppelt. Im vergangenen Jahr lag der Umsatz bei etwas mehr als 10 Millionen Franken.

Beim Feiern oft vergessen

Die SMA-Ingenieure berechnen nicht nur Fahrpläne, sondern beraten auch Hersteller von Zugkompositionen. Als die SBB vor zwei Jahren eine Ausschreibung für 59 neue Fernverkehrs-Doppelstockzüge veröffentlichte, wandte sich die Firma Bombardier Transportation Schweiz AG an die SMA. Sie half, die strategische Positionierung zu definieren, die Zahl der Varianten zu reduzieren und technische Fragen zu bearbeiten. Die erfolgreiche Zusammenarbeit habe wesentlich dazu beigetragen, dass Bombardier den Zuschlag für den Grossauftrag erhalten habe, steht im SMA-Geschäftsbericht. Vor 15 Jahren stellte SMA erstmals ihre flexibel gestaltbare Fahrplan-Software Viriato vor, die sich mittlerweile auf breiter Front durchgesetzt hat. Mit der Software arbeiten fast alle europäischen Bahnunternehmen – auch die SBB. Ursprünglich für die strategische Langfristplanung entworfen, hat sich Viriato kontinuierlich weiterentwickelt und wird heute auch eingesetzt, um Tagesfahrpläne zu erstellen.

Obwohl die SMA-Spezialisten in der Branche sehr bekannt sind, gehen sie bei offiziellen Anlässen wie etwa der Eröffnung des Lötschberg-Basistunnels vergessen. Damals war kein Vertreter der Firma geladen. «Wir machen unsere Arbeit eben in einem derart frühen Projektstadium, dass man uns oft längst vergessen hat, wenn die ersten Züge rollen», sagte Werner Stohler gegenüber der NZZ. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.07.2011, 10:16 Uhr

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6 Kommentare

Hans Inauen

04.07.2011, 13:11 Uhr
Melden 5 Empfehlung

Interessanter Artikel. Herr Stohler scheint sich nicht gross zu ägern dass man sie dann längst vergessen hat. Mich ägern jeweils die sybolischen Spatenstiche wo Bauherren, Architekten und Politiker eine Schaufel in der Hand halten obwohl man ihnen vermutlich zuerst zeigen muss wie das Werkzeug in die Finger genommen wird. Bei der Einweihung werden die Arbeiter dann meistens auch vergessen. Antworten


Alessandro Portmann

04.07.2011, 14:15 Uhr
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Dies soll der neue,moderne Bahnhof Stuttgart sein??Die(Aussen-)Ansicht erinnert mich eher an eine monumentöse Baute der grässlichen 30er Jahre,Speer hiess der damalige Germania-Architekt.Welcher studierte,moderne Architekt zeichnet für diese Hässlichkeit?Gross,schwer,protzig und klumpenhaft;ist dies moderne Architektur?Leider auch in der Schweiz wieder vermehrt zu sehen.Warte gerne auf Antworten.. Antworten



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