Zürcher Einbrecher-Schreck: «Ich sah nur rot»

Ein wütender Hausbesitzer hat einen kräftigen Einbrecher niedergerungen und an einen Lampenpfahl gefesselt. Der Mann ist 64, Marathonläufer - und liebte Indianerbücher.

Peter Vogel hat den Einbrecher mit einem Seil an den Pfosten gefesselt. (Bild: Wolfgang Sträuli)

Peter Vogel hat den Einbrecher mit einem Seil an den Pfosten gefesselt. (Bild: Wolfgang Sträuli)

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Herr Vogel, sind Sie ein Kampfsportler oder haben Sie zu viele Indianerfilme gesehen?
Im Gegenteil, ich bin eher ein Strich in der Landschaft und ein friedlicher Mensch. Kampfsport habe ich nie betrieben, aber ich war in der Männerriege und habe viele Marathons bestritten, so den Swiss-Alpine- und den Jungfraumarathon. Und - zugegeben - in meiner Jugend habe ich fast alle Karl-May-Bücher gelesen.

Wie kam es dann, dass Sie sich auf zwei Einbrecher gestürzt haben?
Ich sah nur noch rot und habe instinktiv auf Angriff geschaltet. Das war ein Reflex aus dem Bauch heraus, ich habe keine Sekunde nachgedacht, ob ich den beiden viel jüngeren Männern überhaupt gewachsen bin. Und ob sie bewaffnet sind.

Was ist am Freitagabend genau passiert?
Meine Frau und ich wohnen in einer Einfamilienhaussiedlung in Seuzach. Am Freitagabend waren wir weg. Als ich um 19.35 Uhr alleine zurückkehrte und durch den Garageneingang in die Garderobe kam, hörte ich Schritte und Gespräche. Ich dachte zuerst, meine Frau sei früher von ihrem Tennisabend zurück. «Bist du schon da?», fragte ich. Da öffnete sich die Korridortüre, wurde aber gleich wieder heftig zugeschlagen. Ich spurtete sofort los.

Hatten Sie keine Angst?
So weit habe ich gar nicht gedacht. Ich sah zwei Typen mit Taschen, die gegen den Ausgang zu rannten. Ich packte beide mit je einer Hand an den Ärmeln und versuchte sie wieder ins Haus zu zerren. Die beiden waren zuerst so perplex, als ich schreiend auf sie losschoss, dass sie sich gar nicht richtig wehrten. Den einen musste ich dann loslassen, damit ich den anderen mit der Faust traktieren konnte.

Was haben Sie geschrien?
Keine Ahnung. Alles Wüste, wahrscheinlich verdammter Sauhund oder Sauchäib. Verstanden haben sie es eh nicht. Zusammen mit dem kleineren, aber breitschultrigeren der beiden fiel ich zu Boden. Wir boxten wild aufeinander ein. Da kam der Grössere zurück mit einem schwarzen Gegenstand in der Hand und trat mit den Füssen gegen mich. Nun fürchtete ich, dass die beiden bewaffnet sein könnten und ging am Boden in Embryostellung. Die beiden liessen von mir ab und flüchteten. Da blitzte es in mir auf, dass sie wohl kaum richtig bewaffnet sind, schnellte vorwärts und packte den Kleineren an den Füssen.

Also sind Sie doch ein erfahrener Kämpfer?
Das passierte alles im Unterbewusstsein. Zum Glück tauchte jetzt mein Nachbar auf, der im offenen Keller arbeitete und meine Hilferufe hörte. Ich rannte dem Kleineren im Garten nach und holte ihn ein. Er hat mir nicht den fittesten Eindruck gemacht. Nachträglich muss ich sagen: Dem würde ein bisschen Lauftraining gut tun. Ich drückte ihn in ein Stachelgebüsch, landete selber aber auch in den Dornen. Es kam zu einem mehrminütigen Kampf. Einmal wurde ich vom Grösseren gewürgt und musste den Kleinen wieder gehen lassen. Wir merkten dann, dass der schwarze Gegenstand bloss eine Taschenlampe war. Diese warf er meinem Nachbarn heftig an den Kopf, und der schlug mit einer Baumschere auf ihn ein. Offenbar zu wenig fest. Denn der Grosse ergriff ein schweres Brett und ging auf uns los. Ich konnte ihn aber unterlaufen und wieder packen. Schliesslich hatten wir den Kleinen am Boden. Der Grosse rannte leider weg.

Kommt jetzt die Indianerszene?
Genau. Mein Nachbar fesselte dem Burschen die Beine, und wenn er aufmuckste, brachte ich ihn mit einem Holzscheit zum Schweigen. Mit dem Rest des Seils banden wir ihn an einen Lampenpfahl, zudem fesselten wir ihm mit einem Kabelbinder die Hände. Dann traf die Polizei ein.

Sie und Ihr Nachbar haben Schürfungen, einen Kopfschwartenriss, eine Rippenquetschung und ein blutiges Schienbein davongetragen. Würden Sie heute nochmals auf Einbrecher losgehen und vielleicht sogar Ihr Leben riskieren?
Man kann im Voraus nie sagen, wie man sich in Extremsituationen verhält. Natürlich war es gefährlich, was wir getan haben. Aber eigentlich bin ich froh und stolz darauf, wie ich reagiert habe. Es gibt heute viel zu viele Leute, die feige wegschauen und denken, die Polizei richtet es dann schon. Dazu kommt die verletzte Privatsphäre. Ich habe Freunde, bei denen auch eingebrochen wurde. Vor allem Frauen haben grösste Mühe, in einem Haus zu leben und in einem Zimmer zu schlafen, das von wildfremden Menschen durchwühlt wurde. Ich bin meinen Einbrechern wenigstens von Angesicht zu Angesicht gegenübergestanden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.10.2008, 08:26 Uhr

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